Digitale Souveränität: Ziel oder Dauerprozess? Die Antwort auf diese Frage hat handfeste Konsequenzen. Microsoft definiert Souveränität als kontinuierliches Risikomanagement. Das BSI fordert mit dem neuen C3A-Katalog einen klaren, jährlichen Prüftest. Zwei grundverschiedene Antworten – und nächste Woche legt die EU-Kommission nach.👇
Am 25. März hat Microsoft in Brüssel einen „Digital Sovereignty Summit" veranstaltet. Im offiziellen Recap auf dem Microsoft Cloud Blog heißt es eine Woche später: „Digital sovereignty is not a fixed destination; it is a continuous risk management discipline." Übersetzt: Souveränität ist kein Ziel. Souveränität ist eine Daueraufgabe. Das ist nicht Philosophie. Das ist ein Rückzug. Die Postleitzahl als Souveränitätsbeweis hatte ausgedient — Schrems II, CLOUD Act, EU Data Act. Daten in Frankfurt schützen nicht vor US-Recht. Also wird der Begriff verschoben. Souveränität ist nicht mehr „Daten in Europa", sondern „Risiken laufend managen". Mit den passenden Microsoft-Tools, versteht sich. Mich beschäftigt daran weniger das Manöver selbst. Das gehört zum Handwerk großer Konzerne. Ich frage mich, was daraus folgt. Solange Souveränität ein Ziel ist, gibt es eine klare Frage: Kannst Du sie liefern? Ja oder Nein. Wird Souveränität zur Daueraufgabe, verschwindet diese Frage. Alle sind unterwegs. Auf dem Weg gibt es keine Verlierer. Einen Monat später hat das BSI die Ja-oder-Nein-Frage wieder eingeführt. Am 27. April veröffentlicht das BSI den C3A-Katalog. Darin steht ein einfacher Test: Ein souveräner Cloud-Dienst muss vollständig von allen Netzwerkverbindungen außerhalb der EU getrennt werden können — und weiter funktionieren. Einmal im Jahr nachzuweisen. Damit wird Souveränität wieder prüfbar. Microsoft hatte die Antwort vorweggenommen. In einem Begleitartikel zum Brüsseler Summit steht: Wer Systeme trenne, schaffe blinde Flecken bei der Bedrohungserkennung. Heißt: Der Test, den das BSI zum Mindeststandard macht, wird vom Hyperscaler als Sicherheitsproblem markiert. Ich betreibe Rechenzentren in Thüringen. Wer einen Test umdeutet, will ihn nicht bestehen. Das Tech Sovereignty Package der EU-Kommission kommt nächste Woche. Dann wird sich zeigen, welche Definition Brüssel wählt.