Das Klima am 50. Breitengrad

Wetterthema Unser Klima

Stand: 20.11.2025 • 11:31 Uhr

Verglichen mit anderen Orten auf unserer Breitenlage hat Deutschland milde Winter und mäßig warme Sommer. Dazu ist es relativ feucht. Es könnte auch ganz anders sein.

Von Ingo Bertram, ARD-Wetterkompetenzzentrum

Unser Klima wird im Wesentlichen dadurch bestimmt, dass die Winde sehr häufig vom Atlantik nach Europa wehen und dass das Wasser vor den Küsten Europas wegen des Nordatlantischen Stroms im Verhältnis recht warm ist. Der entscheidende Einfluss großer Wasserflächen ist die Dämpfung der Temperaturunterschiede zwischen Sommer und Winter. Das liegt nicht daran, dass die Wärmespeicherfähigkeit von Wasser sich von der eines festen Erdbodens deutlich unterscheiden würde. Vielmehr ist der Effekt ausschlaggebend, dass auf dem Festland nur die oberen Schichten des Bodens die Temperaturschwankungen mitmachen. Das Wasser befindet sich hingegen ständig in Bewegung und wird immer wieder durchgerührt. Deshalb muss eine deutlich dickere Schicht den jahreszeitlichen Temperaturschwankungen folgen.

Unsere Sommer sind daher ein klein wenig kühler als im Innern des eurasischen Kontinents, wenn auch nicht viel, da der warme Nordatlantische Strom einen Teil der kühlenden Wirkung der Meere im Sommer ausgleicht. Wie unsere Grafik zeigt, hat Frankfurt ein Julimittel von 20,5 Grad und Semei ein solches von 21,7 Grad. Der Bezugszeitraum ist die Periode 1991 bis 2020. Im Winter tritt der Unterschied zwischen dem kontinentalen Klima in Russland und unserem Klima sehr deutlich hervor. Während die Temperaturen im deutschen Flachland im Januar um 0 Grad liegen, gibt es im Osten Russlands, auf unserer Breite wohlgemerkt, Orte mit unter -20 Grad Januarmittel. Selbst an der Ostküste Russlands sind es auf dem 50. Breitenkreis noch -18 Grad. Es geht aber auch noch milder als in Deutschland. Im Westen Englands liegt das Januarmittel bei +6 Grad.

Der Jahresniederschlag hängt ebenfalls von der Entfernung zu den Meeren ab. In Plymouth im Westen Englands regnet es im Jahr knapp 1000 l/m², in Deutschland um 800 l/m² und in Semei gerade mal knapp 300 l/m². Unsere Erde dreht sich, wenn man auf den Nordpol schaut, gegen den Uhrzeigersinn. Würde sie sich bei völlig identischer Verteilung der Kontinente anders herum drehen, so hätten wir ein ganz anderes Klima. Statt der üblichen Westwinde wären dann Ostwinde die Normalität. Im Sommer wären diese ein wenig wärmer und vor allem trockener als die bei uns vorherrschenden Westwinde. Doch die Winter würden sich ganz extrem von unseren jetzt normalen Wintern unterscheiden: Milde Ostwinde würden vom Pazifik her die Ostküsten Russlands erreichen und sich auf dem Weg nach Europa immer weiter abkühlen. Statt über Ostsibirien läge der nordhemisphärische Kältepol im Winter irgendwo über Westrussland und Skandinavien. In diesem Zusammenhang würden sich dort immer wieder kräftige Hochdruckgebiete bilden, welche mit Nordostwinden eisige Luft nach Deutschland lenken würden. Diese Luft wäre deutlich kälter als bei den uns bekannten Nordostwetterlagen. Das Januarmittel läge im deutschen Flachland um -20 Grad, Tauwetter wäre eine Seltenheit und von wirklich kalt würde man ab -40 Grad sprechen. Den Golfstrom gäbe es nicht, so dass die gesamte Nordsee und das Nordmeer im Winter erstarren würden.

Für unsere Breitenlage haben wir in Europa also ein sehr angenehmes Klima. Vor diesem Hintergrund sollte sich niemand beschweren, wenn es im deutschen Winter mal Nachtfröste um -5 Grad und Schneeglätte gibt. Würde sich die Erde anders herum drehen, wäre die kulturelle Entwicklung in Europa aufgrund des viel extremeren Klimas wahrscheinlich eine ganz andere gewesen.

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