Amprion-Chef warnt: Ohne Kohle droht Deutschland der Stromausfall
Strommasten in Bremen
(Bild: heise online / anw)
Netzbetreiber Amprion fordert einen Stopp des Kohleausstiegs. Ohne neue Kraftwerke drohen ab 2030 massive Lücken bei der Stromversorgung.
Einer der großen deutschen Übertragungsnetzbetreiber, Amprion, schlägt Alarm: Auf einer Konferenz in Berlin zum Thema Versorgungssicherheit forderte Vorstandschef Christoph Müller laut Bloomberg, keine weiteren Steinkohlekraftwerke stillzulegen, "bis erhebliche neue Kapazitäten geschaffen wurden".
Damit meinte Müller in erster Linie neue Gaskraftwerke. Ohne sie könne schon ab Anfang der 2030er Jahre die Versorgungssicherheit nicht mehr durchgängig gewährleistet werden.
Der Hintergrund: Deutschland hat 2023 seine letzten Kernkraftwerke abgeschaltet und will bis 2038 aus der Kohle aussteigen. Gleichzeitig steigt der Strombedarf laut Bundesnetzagentur von rund 550 auf etwa 725 Terawattstunden bis 2035. Treiber dieser Entwicklung sind: Elektromobilität, Wärmepumpen und stromhungrige Rechenzentren.
In Phasen schwacher Wind- und Solareinspeisung, sogenannten Dunkelflauten, droht dem Land eine Versorgungslücke von 10 bis 24 Gigawatt.
Nach Amprions eigener Systemanalyse wird der geltende Zuverlässigkeitsstandard – eine maximal zulässige Lastunterdeckung von 2,77 Stunden pro Jahr – ohne neue Marktkraftwerke ab 2030 nicht mehr eingehalten.
Ohne außermarktliche Reserven würden demnach bereits 22 Prozent der betrachteten Dunkelflauten zu Lastunterdeckungen führen.
Müller fordert deshalb ein neues Prüfkriterium: Die Bundesnetzagentur solle künftig nicht nur Netzengpässe bewerten, sondern auch prüfen, ob genügend Erzeugungskapazität vorhanden ist.
Kohle als unverzichtbarer Notanker
Der aktuelle Reservepark für Notfälle umfasst 8,8 Gigawatt – drei Viertel davon Steinkohle. Die Bundesnetzagentur beziffert den Netzreservebedarf für den Winter 2026/2027 auf 7.407 Megawatt, für 2028/2029 auf 8.274 Megawatt.
Schon jetzt reichen inländische Kraftwerke dafür nicht aus – 2.665 Megawatt müssen aus dem Ausland zugekauft werden. Einzelne Steinkohlekraftwerke gelten mindestens bis März 2031 als systemrelevant.
Der Kapazitätsmarkt: Milliarden für Backup-Kraftwerke
Die Bundesregierung hat mit dem Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz einen neuen Kapazitätsmarkt beschlossen. Betreiber werden bereits für die Bereitstellung von Leistung bezahlt, nicht erst für produzierten Strom.
Binnen zwölf Monaten sollen 11 Gigawatt steuerbare Kapazitäten ausgeschrieben werden; laut Bloomberg sollen die ersten Auktionen über 9 Gigawatt am 1. September und 8. Dezember starten. Die Anlagen sollen bis 2031 ans Netz gehen.
Finanziert wird das über eine Umlage auf Stromrechnungen. Externe Berechnungen kommen auf Mehrkosten von bis zu 178 Euro pro Jahr für Privathaushalte.
Das Bundeskartellamt kritisierte den Gesetzentwurf scharf: Batteriespeicher seien faktisch von der Förderung ausgeschlossen, etablierte Gaskraftwerksbetreiber würden bevorzugt.
Die Regierung baut damit Milliarden teure Backup-Kraftwerke, die möglichst selten laufen sollen – während über das Merit-Order-Prinzip jede Stunde, in der Erdgas verstromt wird, den Börsenpreis für alle nach oben treibt.
Fossile Brücke ohne Wasserstoff in Sicht
Die geplanten Gaskraftwerke sollen "H2-ready" sein und ab 2045 klimaneutral laufen. Doch Energiestaatssekretär Frank Wetzel räumte ein, dass derzeit de facto auf dem Markt kaum wasserstofffähige Kraftwerke gebaut werden.
Eine FÖS-Studie bezifferte die Klimaschäden eines einzigen 500-MW-Gaskraftwerks auf bis zu 7 Milliarden Euro. SPD-Energiepolitikerin Nina Scheer nannte die Pläne eine "Kapitulation", die Deutschlands Gasabhängigkeit verfestige.
Parallel lässt Wirtschaftsministerin Reiche kleine Atomreaktoren, sogenannte Small Modular Reactors (SMR), als Grundlast-Option prüfen.
Brisant ist dabei auch der Kostenfaktor: Laut aktuellem IRENA-Bericht liegen die Vollkosten neuer Gaskraftwerke in importabhängigen Märkten wie Deutschland bei fast 100 US-Dollar pro Megawattstunde – dreimal so viel wie Onshore-Wind mit 33 US-Dollar. Ob die Gasbrücke wirklich nur eine Brücke bleibt, muss sich erst zeigen.