Atom-Comeback in der Schweiz: Nationalrat ebnet Weg für neue AKW

Kühlturm des Kernkraftwerks Leibstadt, Aargau, in der Schweiz mit Dampf, daneben ein kugelförmiges Gebäude mit Schornstein, davor ein Feld mit gelben Blumen.

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Neun Jahre nach dem Atomausstieg hebt die Schweiz das Bauverbot für Reaktoren auf. Doch die Kostenrisiken sind enorm – ein Referendum droht 2027.

Neun Jahre nach dem Volksentscheid zum Atomausstieg stellt die Schweiz die Weichen neu. Der Nationalrat hat am 18. Juni 2026 den indirekten Gegenvorschlag zur Volksinitiative "Jederzeit Strom für alle (Blackout stoppen)" mit 108 zu 87 Stimmen angenommen, wie aus den Unterlagen des Schweizer Parlaments hervorgeht.

Konkret werden jetzt zwei Bestimmungen im Kernenergiegesetz ersatzlos gestrichen: das Rahmenbewilligungsverbot für neue Kernkraftwerke und die zugehörige Übergangsregelung. Damit dürfen in der Schweiz künftig wieder Genehmigungen für den Bau neuer Reaktoren erteilt werden.

Dem Entscheid ging ein parlamentarischer Krimi voraus. Noch am Montag hatte der Nationalrat mit 100 zu 97 Stimmen dafür votiert, die Vorlage an den Bundesrat zurückzuweisen, um die finanziellen Folgen klären zu lassen.

Der Ständerat blockierte dies mit 28 zu 16 Stimmen und bot eine Brücke an: Ein Finanzierungsbericht zu den Kosten neuer AKW-Projekte soll bis Ende 2026 vorliegen.

Am Donnerstag kippte daraufhin die Stimmung im Nationalrat – der Rückweisungsantrag scheiterte mit 100 zu 98 Stimmen. Ausschlaggebend waren Positionswechsel einzelner Mitte-Abgeordneter und ein abwesender Befürworter der Rückweisung.

Energieminister Rösti: Schweiz braucht Atomkraft gegen Winterstromlücke

Energieminister Albert Rösti drängte die Parlamentarier mit deutlichen Worten: Die Schweiz brauche langfristig massiv mehr Strom – für Rechenzentren, eine Million zusätzliche Einwohner und die Dekarbonisierung des Verkehrs. Allein mit erneuerbaren Energien sei das nicht zu schaffen, als Alternative blieben nur Gaskraftwerke oder Importe.

Beides hält Rösti für unattraktiv: Erstere wegen des CO2-Ausstoßes, Letztere wegen der Abhängigkeit vom Ausland. Tatsächlich stammten zuletzt rund 28 Prozent des Schweizer Stroms aus Kernkraft, und im Winterhalbjahr ist das Land regelmäßig auf Importe angewiesen.

SVP und FDP argumentierten geschlossen für "Technologieoffenheit". Christian Wasserfallen (FDP) warnte, beim Wegfall der bestehenden AKW fehle "die Hälfte der gesicherten Stromproduktion". Nicolò Paganini von der Mitte-Fraktion brachte die Position seiner Partei auf den Punkt: "Der Solarexpress ist eher ein Bummelzug. Am Schluss muss einfach Strom aus der Steckdose fließen."

Flamanville, Hinkley Point C, Sizewell C: Was neue AKW wirklich kosten

Die ungeklärte Finanzierungsfrage bleibt das zentrale Konfliktfeld. Stefan Müller-Altermatt (Mitte/SO) bezeichnete im Nationalrat die Atomkraft "auf dem heutigen Stand" als "ruinös" – einen anderen Stand gebe es nicht. Corina Gredig (GLP/ZH) verwies auf die internationale Erfahrung: "Kein einziges AKW wird irgendwo ohne staatliche Unterstützung gebaut."

Die Zahlen aus dem Ausland stützen diese Einschätzung. Schon vor Jahren war für das französische EPR-Projekt Flamanville 3 bekannt, dass sich die Kosten von den geplanten 3,3 Milliarden Euro auf rund 23,7 Milliarden Euro verteuerten. Die Bauzeit streckte sich von fünf auf etwa 17 Jahre.

In Großbritannien werden die Kosten für Hinkley Point C inzwischen auf rund 38 Milliarden Euro geschätzt, nachdem der chinesische Partner de facto keine zusätzlichen Eigenmittel mehr einbrachte.

Beim Schwesterprojekt Sizewell C stellt die britische Regierung 14,2 Milliarden Pfund direkte Staatsmittel bereit und hält knapp 45 Prozent der Projektanteile. Die Kosten werden dort über das sogenannte Regulated-Asset-Base-Modell schon während der Bauphase auf die Stromkunden umgelegt – obwohl noch kein Watt geliefert wird.

Subventionen für Atomkraft: Verdrängen neue AKW die Wasserkraft?

Marie-France Roth Pasquier (Mitte/FR) warnte vor einem doppelten Problem: Ohne Subventionen seien neue AKW nicht konkurrenzfähig. Garantiere der Staat aber einen Abnahmepreis, verdränge dies die Wasserkraft und bremse den Ausbau der Erneuerbaren.

Auch in Frankreich zeigt sich dieses Spannungsfeld bereits: Weil Solar- und Windstrom Vorrang im Netz haben, müssen Reaktoren ihre Leistung immer öfter drosseln – die damit verbundene Modulation hat sich seit 2019 verdoppelt und verursacht Mehrkosten im Milliardenbereich.

Referendum gegen AKW-Neubau: Grüne kündigen Volksabstimmung an

Das letzte Wort zum Schweizer Atomkurs haben die Bürger. Die Grünen kündigten bereits ein Referendum gegen die Aufhebung des Neubauverbots an. Ein Urnengang könnte 2027 stattfinden – dann soll auch der vom Ständerat bestellte Finanzierungsbericht vorliegen, der erstmals konkret beziffern soll, welche Kosten auf Bund, Kantone und Stromkunden zukämen.

Dass sich die Debatte bis dahin beruhigt, erscheint unwahrscheinlich. In ganz Europa planen Länder Neubauprojekte im dreistelligen Milliardenbereich – und überall stellt sich dieselbe Frage: Wer übernimmt das finanzielle Risiko, wenn die Kostenschätzungen wie bisher um durchschnittlich 120 Prozent überschritten werden?

In der Schweiz wird die Antwort an der Urne gegeben.