Bestäuberkrise: 427.000 Todesfälle durch weniger Obst und Gemüse
Bestäuber wie dieser sind entscheidend für die Produktion von Obst und Gemüse, deren Mangel zu gesundheitlichen Problemen führen kann.
(Bild: Tomasz Klejdysz / Shutterstock.com)
Reiche Länder trifft die Krise am härtesten – nicht wegen Ernteausfällen, sondern wegen Krankheiten durch fehlende Nährstoffe.
Wenn Äpfel kleiner werden und Erdbeeren ihre Form verlieren, denkt niemand an Insekten. Dabei entscheidet sich an Bienen, Hummeln und Schwebfliegen, was auf europäischen Tellern landet – und zu welchem Preis.
Die Bestäuberkrise ist keine Angelegenheit für Naturromantiker. Sie ist eine Versorgungskrise, die Ernten dezimiert, Lebensmittelpreise treibt und laut einer Studie, die in Environmental Health Perspectives veröffentlicht wurde, jährlich rund 427.000 Menschenleben kostet.
Wohlstand macht krank, wenn Bestäuber fehlen
Wie die Studie zeigt, trifft dieser Effekt nicht so sehr die armen Länder, die Nahrungsmittel für den Markt produzieren und durch das Fehlen von Bestäubern mit einem Rückgang der Ernte zu kämpfen haben.
Vielmehr sind es die wohlhabenden Länder, in denen der Wegfall gesunder Lebensmittel Herzkrankheiten, Schlaganfälle, Diabetes und bestimmte Krebsarten begünstigt. Diese Krankheiten sind hier schon die häufigsten Ursachen für Todesfälle, und wenn den Lebensmitteln Mineralstoffe, Vitamine und andere gesunde Inhaltsstoffe fehlen, werden sie zusätzlich begünstigt.
Die Europäische Umweltagentur EEA beziffert den ökonomischen Wert, den Bestäuber allein für die EU-Landwirtschaft erbringen, auf mindestens 5 bis 15 Milliarden Euro pro Jahr.
Rund 80 Prozent der europäischen Acker- und Wildpflanzenarten hängen von Insektenbestäubung ab. Äpfel, Tomaten, Mandeln, Sonnenblumen – die Liste der abhängigen Kulturen liest sich wie ein Supermarktregal.
In drei untersuchten Ländern lag der Wert der landwirtschaftlichen Produktion laut der Harvard-Studie zwischen 12 und 31 Prozent niedriger als bei ausreichenden Bestäuberbeständen. Einkommensschwache Länder trifft es bei den Ernteausfällen am härtesten.
Die Dimension des Verlusts
Die Zahlen der EEA zeichnen ein Bild, das über Honigbienen weit hinausgeht. Fast 40 Prozent der europäischen Schwebfliegenarten sind bedroht, 20 Prozent der Schmetterlinge, 9 Prozent der Wildbienen.
Und genau hier liegt ein politisch heikler Punkt: Die öffentliche Debatte kreist fast ausschließlich um die Honigbiene – ein Nutztier, das von Imkern gemanagt wird. Die stillen Verlierer sind Wildbienen, Hummeln, Nachtfalter und Schwebfliegen, die niemand zählt und deren Populationen oft unbemerkt zusammenbrechen.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA hat diese Unterscheidung inzwischen in ihre Risikobewertung aufgenommen und bezieht neben Honigbienen ausdrücklich Hummeln und Solitärbienen ein.
Das ist mehr als Taxonomie: Wildbestäuber sind für viele Kulturen effizienter als Honigbienen, weil sie andere Blütenformen bedienen und bei schlechterem Wetter fliegen. Ihr Verlust lässt sich nicht durch zusätzliche Bienenstöcke kompensieren.
Ursachen: Ein Cocktail aus fünf Stressoren
Die Suche nach dem einen Schuldigen führt in die Irre. Die US-Umweltbehörde EPA beschreibt die Lage als komplexes Zusammenspiel mehrerer Stressoren: Parasiten wie die Varroa-Milbe, Krankheitserreger, mangelhafte Ernährung, Pestizide und bei Honigbienen zusätzlich Managementpraktiken mit langen Transportwegen sowie geringe genetische Vielfalt.
Die EEA ergänzt für Europa den Verlust halbnatürlicher Lebensräume als zentralen Treiber. Wo Hecken gerodet, Blühstreifen umgepflügt und Brachflächen versiegelt werden, fehlen Nahrung und Nistplätze. Intensive Forstwirtschaft, invasive Arten und der Klimawandel mit seinen Extremwetterereignissen verschärfen die Lage.
Die University of Reading verweist zudem auf bislang unterschätzte Faktoren: Mikroplastik in Böden, Lichtverschmutzung, die nachtaktive Bestäuber desorientiert, und die Zerstörung von Lebensräumen durch bewaffnete Konflikte.
Pestizide verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit. Die EEA benennt sie ausdrücklich als Faktor, der Bestäuber tötet oder schwächt. Die Debatte um Neonicotinoide hat zwar zu Teilverboten in der EU geführt, doch die Ersatzstoffe sind nicht automatisch ungefährlicher.
Und in der Praxis landen Mischungen verschiedener Wirkstoffe auf den Feldern, deren kombinierte Wirkung auf Insekten kaum erforscht ist.
Technische Gegenwehr zwischen Gentechnik und Robotik
Die Antworten der Forschung bewegen sich auf einem Spektrum zwischen faszinierend und befremdlich.
An einem Ende stehen gezielte Eingriffe in die Bienenernährung: Oxforder Forscher etwa haben eine Ölhefe so umprogrammiert, dass sie exakt die sechs Sterole produziert, die Honigbienen zum Überleben brauchen. Völker mit diesem sterolhaltigen Futter zogen bis zu 15-mal mehr Jungbienen auf als Vergleichsvölker.
Herkömmliches Ersatzfutter ist im Grunde Junkfood für Honigbienen – es fehlen jene Lipide, die Insekten für Zellmembranen und Wachstumshormone benötigen. Doch das Werkzeug ist Gentechnik, und die unterliegt in der EU einer GVO-Verordnung, die solche Anwendungen bisher nicht vorsieht.
Am anderen Ende des Spektrums stehen Maschinen: Chinesische Forscher haben Tomaten- und Sojablüten per Genom-Editierung so umgestaltet, dass Roboter sie bestäuben können.
Das Verfahren namens GEAIR – Genome Editing with Artificial-Intelligence-based Robots – löst ein handfestes Problem der Hybridzüchtung, bei der in China die manuelle Bestäubung über 25 Prozent der Kosten verschlingt.
Ob allerdings die Antwort auf ein ökologisches Problem darin liegen sollte, Pflanzen an Maschinen anzupassen statt Lebensräume an Insekten, darf bezweifelt werden.
Die EFSA setzt derweil auf Dateninfrastruktur. Ihr Projekt MUST-B modelliert mit dem Simulationswerkzeug ApisRAM die Wechselwirkungen mehrerer Stressoren auf Bienenvölker. Der EU Pollinator Hub soll Daten aus verschiedensten Quellen zusammenführen und vergleichbar machen. Die dritte Version des Modells wurde 2025 fertiggestellt, während die Operationalisierung des Hubs seither schrittweise vorangetrieben wird.
Politische Stellschrauben und ihre Grenzen
Die EU hat den Handlungsbedarf zumindest auf dem Papier erkannt. Die 2024 verabschiedete Nature Restoration Regulation verpflichtet die Mitgliedstaaten rechtlich, den Rückgang der Bestäuber bis 2030 zu stoppen und umzukehren.
Die überarbeitete EU Pollinators Initiative setzt auf ein standardisiertes EU-weites Monitoring, das planmäßig 2026 an den Start geht.. Erstmals würden damit vergleichbare Daten auf Artebene vorliegen – bisher weiß niemand genau, wie viele Wildbienen in Europa überhaupt noch fliegen.
Die EEA empfiehlt eine diversere Agrarlandschaft mit halbnatürlichen Lebensräumen und vielfältigeren Kulturen. Beetle Banks – aufgeworfene Erdwälle inmitten von Feldern, die Nützlingen Überwinterungsquartiere bieten – und Blühstreifen sind erprobte Maßnahmen.
Die Reduktion von Pestiziden gilt als entscheidender Hebel. Doch zwischen Verpflichtung und Umsetzung klafft eine Lücke, die jeder kennt, der die Gemeinsame Agrarpolitik der EU beobachtet: Was Brüssel beschließt, muss auf dem Acker erst ankommen.
Für Verbraucher bleibt die Lage unbefriedigend. Wer regional und saisonal kauft, unterstützt tendenziell kleinteiligere Strukturen mit mehr Bestäuberlebensräumen. Wer Wildblumen im Garten duldet statt englischen Rasen zu pflegen, schafft Nahrungsinseln.
Doch die strukturellen Treiber – Flächenversiegelung, Pestizideinsatz, Habitatverlust – lassen sich nicht am Gartenzaun lösen. Sie erfordern eine Agrarwende, die über Blühstreifen hinausgeht und den Widerspruch zwischen Intensivierung und Biodiversität politisch auflöst.