Blaualgen an der Ostsee: Das Problem beginnt auf den Feldern

Ein Fischerboot fährt durch eisiges Wasser, Vögel fliegen am Himmel.

(Bild: Zigmunds Dizgalvis / Shutterstock.com)

Blaualgen breiten sich an der Ostsee aus. Der Grund liegt oft nicht im Wasser, sondern auf den Feldern: Dünger und Gülle gelangen in die See.

Mitte August waren große bläulich-grüne Blaualgenteppiche zu sehen – auf der Wasseroberfläche an der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern. Das Rostocker Gesundheitsamt warnte insbesondere vor Blaualgen vor Warnemünde, aber auch Algenteppiche vor Kühlungsborn, Heiligendamm, Elmenhorst und Nienhagen und anderen Gewässern zwischen Rostock und Hiddensee. Auch in Binnengewässern hatten sich die Blaualgen ausgebreitet, darunter auf mehreren Seen im Landkreis Rostock, im Peenestrom sowie im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte.

Das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde hatte Mitte August Wasserproben aus der Ostsee untersucht und unter anderem eine giftige Blaualgenart nachgewiesen. Die Konzentration sei für die Region vergleichsweise ungewöhnlich. Denn normalerweise bilden sich solche Blüten in der zentralen Ostsee, wobei sie erst unter bestimmten Wetterbedingungen an die Küste getrieben werden, betonten die Wissenschaftler.

Wind und Strömung sorgen dafür, dass sich die sichtbaren Teppiche verlagern und wieder auflösen. Aktuelle Informationen zur Badewasser-Qualität liefert die Online-Badewasserkarte der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern.

Nährstoffüberschuss wird von Feldern in die Gewässer verlagert

Wie die meisten Organismen brauchen Cyanobakterien für ihr Wachstum Phosphor und Stickstoff. Darüber hinaus entziehen sie der Luft den notwendigen Stickstoff, um ihn in ihren Zellen in Nährstoffe und Eiweiße umzubauen und pumpen somit weitere Nährstoffe ins Wasser.

Weil Böden und Pflanzen die Unmengen an Gülle und Kunstdünger nicht vollständig aufnehmen können, werden Nitrat und Phosphat aus Gülle und Mineraldünger mit dem Regen über Bäche und Flüsse in die Meere geschwemmt.

Steigende Wassertemperaturen – im Sommer ab 20 °C – beschleunigen das Wachstum der Bakterien. Die angeschwemmten Nährstoffe regen das Wachstum von Cyanobakterien (umgangssprachlich: Blaualgen) zusätzlich an. Bei starker Hitze und Nährstoffeinträgen entstehen optimale Bedingungen, unter denen sich die Bakterien explosionsartig vermehren.

Nach dem Absterben einer Blaualgenblüte sinken große Mengen organischer Substanz auf den Meeresboden. Bakterien zersetzen die abgestorbenen Algenmassen. Dieser Prozess verbraucht den gesamten Sauerstoff im Wasser, während am Meeresboden große sauerstofffreie Bereiche entstehen.

In den zentralen Tiefenwasser-Becken der Ostsee herrscht ohnehin fast ständig Sauerstoffmangel. Während der bakteriellen Zersetzung der abgesunkenen Algenreste vergrößert sich das Sauerstoff-Defizit. Während der Sauerstoff schwindet, bildet sich Schwefelwasserstoff.

Mehr als 90 Prozent der Ostsee sind bereits eutrophiert

Hinzu kommt ein weiterer Effekt: In den Sedimenten gebundener Phosphor löst sich unter Sauerstoffmangel heraus. Damit wird ein bereits überdüngtes Ökosystem mit weiteren Nährstoffen angereichert, warnt das Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde.

Im schlimmsten Fall entstehen Zonen, in denen nichts mehr überleben kann. Fische und Krebse sterben oder fliehen. Ganze Ökosysteme kippen um.

94 Prozent der Ostsee sind bereits eutrophiert, warnt Greenpeace in einer im Juli veröffentlichten Presseerklärung. Demnach erreicht keines der Küstengebiete den nach EU-Wasserrahmenrichtlinie geforderten guten ökologischen Zustand. Bereits 2014 beobachteten Wissenschaftler in der Ostsee sauerstofffreie Todeszonen in der Größe von Bayern (ca. 70.550 km²), in denen Fische ersticken und das gesamte Ökosystem kollabiert.

Marine Todeszonen am Meeresboden breiten sich immer weiter aus

Vor kurzem segelten Greenpeace-Aktivisten gemeinsam mit der Crew des Forschungsseglers Malizia Explorer vor der Küste Schleswig-Holsteins. Dort fanden sie flächendeckend tote Zonen, in denen weder Fische noch Pflanzen überleben können.

Ein Unterwasserroboter dokumentierte in bis zu 25 Meter Tiefe den Meeresboden, während Taucher den tier- und pflanzenlosen Grund filmten.

Werte unter vier Milligramm pro Liter setzen viele Meeresbewohner unter Stress. Absolut tote Zonen entstehen, wenn die Menge gelösten Sauerstoffs im Wasser auf unter zwei Milligramm pro Liter sinkt.

Der Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Lasse van Aken macht die intensive Landwirtschaft, vor allem die industrielle Tierhaltung, für diesen Zustand verantwortlich. Die Überdüngung raube jeglichem Leben in der Ostsee den Sauerstoff, wie er betont.

Fischpopulationen kollabieren in überdüngten Gewässern

Die bereits überfischten Bestände sind nun auch noch bedroht von immensen Nährstoffeinträgen: In sauerstoffarmen Gebieten können die Fische nicht überleben. Sie weichen aus und werden in immer kleinere Randbereiche verdrängt.

So benötigen Dorscheier salzhaltiges und sauerstoffreiches Wasser. In den tiefen Becken sinken sie jedoch oft direkt in sauerstofffreie Zonen ab, in denen sie nicht überleben können.

Heringe laichen normalerweise in Seegraswiesen, die ebenfalls immer weiter absterben – aufgrund von Überdüngung. Derzeit untersuchen Wissenschaftler des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel, ob der Ostsee-Kabeljau in der Lage ist, sich den veränderten Umweltbedingungen anzupassen.

Düngerecht braucht grundlegende Korrektur

Um die Ostsee und das Grundwasser vor landwirtschaftlicher Überdüngung zu schützen, müsse Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) das Düngerecht grundlegend korrigieren, fordert Lasse van Aken. Sich nur auf das Wort der landwirtschaftlichen Betriebe zu verlassen, sei unverantwortlich, mahnt der Greenpeace-Experte.

Seit 2018 hatte die Stoffstrombilanzverordnung größere Betriebe dazu verpflichtet, Nährstoffströme wie Stickstoff und Phosphor zu dokumentieren, um die Umweltbelastung im Blick zu behalten.

Im vergangenen Jahr hatten Landwirte während der Bauernproteste gefordert, im Zuge des Bürokratieabbaus die „sinnlose“ und „teure“ Verordnung zu kippen. Als Alois Rainer sein Amt als Agrarminister antrat, hob er daraufhin die umstrittene Stoffstrombilanzverordnung per Ministerverordnung kurzerhand auf.

Doch wegen fehlender Beteiligung des Bundestages wurde er von diesem scharf kritisiert. Dies gipfelte in einer Klage der Grünen vor dem Bundesverfassungsgericht.

Verursacherprinzip muss Landwirte wieder in die Pflicht nehmen

Unter dem Deckmantel von „Bürokratieabbau“ verkaufe man massive Rücknahmen von ökologisch sinnvollen Dingen, kritisiert Bio-Landwirt Toni Wollschläger gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Das Weniger an Bürokratie für den einzelnen Landwirt könne für die gesamte Gesellschaft zum Nachteil werden, gibt er zu bedenken.

Widerstand kam außer von Umweltverbänden und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL e.V.) auch von der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V. (DWA). Dies sei ein Schnellschuss, eine rein politische Entscheidung – fachlich weit von dem entfernt, was sinnvoll gewesen wäre, klagt Christine von Buttlar von der DWA.

Würde jeder Bauer dokumentieren, welche Nährstoffe auf den Hof kommen – zum Beispiel durch eingekaufte Düngemittel – und welche den Hof wieder verlassen, würde sichtbar, welche Nährstoffe an die Umwelt abgegeben, also in Flüsse und Meere geschwemmt werden.

Über das Verursacherprinzip könnten Landwirte, die zu viel Dünger ausbringen, dazu verpflichtet werden, ihren Düngereinsatz zu verringern.

Für eine bedarfsgerechte Düngung auf den Äckern!

Neben Greenpeace und Ökoverbänden wie dem BÖLW fordert auch die AbL e. V. eine bedarfsgerechte Düngung und flächengebundene Tierhaltung, um Nährstoffüberschüsse zu vermeiden.

Mit dem Kauf von ökologisch erzeugten Produkten tragen Konsumenten dazu bei, dass weniger mineralische Kunstdünger in Gewässer geschwemmt wird. Ein weiterer Schritt ist das Konsumieren von pflanzlichen Alternativen.

Um Meeresschutz zu erwirken, braucht es echte Schutzgebiete ohne Fischerei oder andere industrielle Nutzung, damit sich die Natur regenerieren kann. Profitieren würden nicht nur Meerestiere, sondern auch Anwohner, Badeurlauber und die ganze Gesellschaft. Andernfalls wird der Preis für das Sterben im Meer so teuer, dass er monetär nicht bewertet werden kann.