Debakel gegen Paraguay: Spiegel eines unbelehrbaren Deutschland ohne Esprit
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Deutscher Fußball am Nullpunkt. Die Nation schäumt. Kanzler Merz beschwichtigt. Die Blamage der DFB-Elf zeigt den tiefen Abstieg des Landes. WM-Blog-Folge 10.
"Das war in allen Teilen zu wenig."
Christoph Kramer, Weltmeister und WM-Experte
Aus. Aus. Aus – die deutsche Fußballnationalmannschaft ist im ersten Spiel der K.-o.-Runde bei der Fußball-WM 2026 gegen den an Leidenschaft, Konsequenz und Selbsteinschätzung überlegenen Gegner aus Paraguay ausgeschieden. Der deutsche Fußball steht am Nullpunkt.
Nur Ahnungslose wie Bundeskanzler Merz können da noch loben, gratulieren und salbungsvoll etwas von "stolz auf euch" twittern. Einmal mehr konsequent abgehoben und fern jeder Stimmung unter den fußballinteressierten deutschen Bürgern, die alles sind – verärgert, traurig, enttäuscht, frustriert oder gleichgültig –, aber nicht "stolz".
Da liegt Spingers rechte-Mitte-Stürmer Ulf Poschardt schon näher am Puls der Menschen, wenn er heute Morgen in der Welt etwas zu ernsthaft schäumt: "Nur ein erfolgreiches Deutschland ist lebenswert".
Zwei Spinner in ihren beiden isolierten Welten – aber der gleiche Wahnsinn einer Gesellschaft in der Identitätskrise?
Einmal mehr wird klar: Die Deutschen denken zu viel und handeln zu wenig.
Ohne Strategie, ohne Willen, ohne Führung
Es war ein Ausscheiden mit Ansage. Denn aus dem miserablen Ecuador-Spiel hat die deutsche Nationalmannschaft weder taktisch noch personell Konsequenzen gezogen.
Stur hielt der Bundestrainer an seinen bereits gescheiterten Konzepten fest. Es war nicht alles schlecht, ja! Aber es war eben auch vieles nicht gut. Und vor allem war es nicht ausreichend, es war nicht genug, um in einem K.o-Spiel zu bestehen und einen grundsätzlich unterlegenen Gegner niederzuringen.
Realistisch betrachtet ist Paraguay zwar keine schlechte Mannschaft und kein schwacher Gegner, aber auch nicht wirklich stark, sodass aus vielen objektiven Gründen eine deutsche Fußballnationalmannschaft gegen diesen Gegner in einem solchen Spiel normalerweise siegen müsste.
Während des Spiels am späten Montagabend deutscher Zeit gab es Druckphasen, vor allem in der zweiten Hälfte, aber es gab nie Phasen, in denen die Deutschen wirklich für mehr als kurze Momente klar überlegen waren und den Gegner in der Hand hatten.
Das lag daran, dass es eben keine Strategie gab, keinen Willen zu einem erkennbaren "Fußball, den wir spielen wollen, und jedem Gegner aufzwingen" – wie das bei den stärksten Mannschaften der Welt, bei Spaniern, Franzosen, Argentiniern und sogar bei den Engländern immer erkennbar ist.
Und es gab keine Führungsspieler, die auf dem Feld eigenständig und mutig handeln, die das Spiel umstellen und die Initiative ergreifen konnten. So dass die Nationalmannschaft nicht in der Lage war, auf gegnerische Strategien, eigene Fehler und gescheiterte Konzepte zu reagieren.
Fußballspiele sind aber Willenskämpfe. Es gewinnt in der Regel die mental stärkere Mannschaft.
Unbelehrbarkeit ist schlimmer als Schwäche
In der Kindererziehung gab es einst den Spruch "Wer nicht hören will, muss fühlen" – die deutsche Nationalmannschaft und insbesondere an der Spitze ihr Bundestrainer wollte nicht hören.
Julian Nagelsmann wollte nicht wahrnehmen, was offen zutage lag und was den Fans wie auch allen möglichen verschiedenen Experten ins Auge stach, was an diversen Orten auch seit Langem zum Thema gemacht und angesprochen wurde: Schwachstellen gescheiterte Konzepte, fehlende Matchpläne, schwache Ausbildung, falsche Spielerauswahl.
Der Bundestrainer wollte nicht auf all dies eingehen, redete sich die Verhältnisse schön und zeigte sich unbelehrbar.
Alles war im Spiel genau wie auch an diesem Ort in den letzten Tagen schon beschrieben: Die falsche Aufstellung, das grundsätzliche Missverständnis, dass eine Fußball-Weltmeisterschaft irgendetwas mit gesundheitlicher Rehabilitation (Musiala), Selbstbewusstseinssteigerung (Wirtz, Woltemade), moralischer Bewährung (Sané) und Einspielen (die Mannschaft) zu tun hätte. Um all das geht es überhaupt nicht. Es geht um bestmögliche Ergebnisse einer Mannschaft und um uneingeschränktes Abrufen ihres Potentials.
Deutschland ist keine Turniermannschaft mehr. Inzwischen hat es auch das ZDF begriffen.
Kein Weltmarktführer mehr: Der deutsche Abstieg
"So macht Bewußtsein Feige aus uns allen; Der angebornen Farbe der Entschließung
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt; Und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll,
Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt"
William Shakespeare, "Hamlet"
Das alles hat selbstverständlich etwas mit dem Rest des Landes und der Gesellschaft zu tun. Die diesem sportlichen Scheitern – das man für sich gesehen als "unwesentlich" und "banal" und "Spektakelbetrieb" abtun mag – innewohnende Muster betrifft die Mentalität der ganzen Gesellschaft, deren Kondensat und Spiegel sich im Fußball nur mit besonderer Deutlichkeit abbilden.
Der deutsche Abstieg im Weltfußball geht einher mit einer mittelfristigen Veränderung der Gesellschaft: Joachim Löw als Bundestrainer spielte Merkel-Fußball. Gut gelaunt, vielleicht ein bisschen zu gut gelaunt, und ein bisschen zu jugendlich, aber doch selbstbewusst, gelassen, weltoffen.
Kosmopolitisch verabschiedete er die sogenannten "deutschen Tugenden", die Löw zu Recht nie ernst nehmen konnte, sondern als lächerlich empfand: so zum Beispiel das "über den Kampf zum Spiel finden", das verkrampfte Durchwurschteln einer Gurkentruppe aus Rumpelfußballern.
Löw zielte auf so etwas wie Weltmarktführung. Dieses Konzept geht nicht mehr auf und die Tatsache, dass es nicht mehr aufgeht, hängt ungefähr mit jener Zeit zwischen 2016 und 2018 zusammen, in der auch das politische und wirtschaftliche Erfolgsmodell Merkel verblasste.
Die Entscheidung um die Spitze des Weltfußballs findet ohne Deutschland statt
Langfristig hat das deutsche Scheitern auch etwas mit dem grundsätzlichen Abstieg Europas zu tun, der Tatsache, dass Europa keine Weltmacht mehr ist, weder wirtschaftlich noch politisch, gespiegelt vom Aufstieg der Dritten Welt bzw. des Globalen Südens.
Dieses Scheitern bildet sich auch in den Misserfolgen Italiens, Skandinaviens und der Niederlande ab. Der fußballerische Erfolg von europäischen Ländern wie Frankreich und Spanien widerlegt diese These dagegen nur scheinbar – tatsächlich ist der Fußball in Spanien und Frankreich sehr deutlich von der globalen Migrationsgesellschaft geprägt, von der Integrationsfähigkeit dieser Länder und ihrem Vermögen, ihr koloniales Erbe kreativ und anzunehmen und progressiv mit alten Traditionen zu verschmelzen.
Die Avantgarde der anderen
In beiden Ländern, Frankreich wie Spanien, ist die Fußballnationalmannschaft eine Avantgarde der jeweiligen Gesellschaft, sie macht vor, wie soziales Zusammenleben sein könnte, sie zeigt die Schönheit des Kreolischen, Migrantischen, Bunten. Die Kombination aus jugendlichem Leichtsinn und konservativem Ernst.
Das Resultat ist so klar und eindeutig wie traurig: Der Weltfußball und die Entscheidung um die Spitze des Weltfußballs finden zum dritten Mal hintereinander ohne Deutschland statt.
Die deutsche Nationalmannschaft, die noch 2014 Weltmeister wurde, ist seit 2018 in der Weltspitze nicht mehr präsent, und vor allem – und das wiegt schwerer – ist sie wie die ganze Gesellschaft in all ihren Bereichen nicht in der Lage, aus Fehlern auch Konsequenzen zu ziehen, zu lernen.
Unbelehrbarkeit ist aber weitaus schlimmer als Schwäche.
Kombination aus zu viel Nachdenken und Versagensangst
Paraguay war leidenschaftlicher und spielte mit Begeisterung und hoher Motivation, wo sich die Deutschen wie schwere Säcke müde und entnervt vom Druck des Gewinnen-Müssens über den Platz schleppten.
Die Lateinamerikaner waren in ihren Aktionen konsequenter, wo sich die Deutschen immer einen Dreher zu viel, eine Idee zu viel erlaubten.
Schließlich waren die Paraguayer nie arrogant. Sie redeten nicht davon, Weltmeister zu werden, sie dachten nicht über den übernächsten Gegner nach und darüber "wie wir Frankreich schlagen können", sondern über das Nächstliegende und schufen dafür die elementaren Voraussetzungen: die Qualifikation für das Achtelfinale.
Der Höhepunkt und das konsequente Ende des deutschen Irrlaufs war dann das Elfmeterschießen, eine Disziplin, in der die Deutschen, schon damals nicht haushoch überlegen, es in den 1990er- und den Nullerjahren zur Meisterschaft gebracht hatten.
Aber auch hier: von des Gedankens Blässe angekränkelte Germanenkicker versagten am Elfmeterpunkt: eine Kombination aus zu viel Nachdenken und Versagensangst lähmte die DFB-Elf.