Der Bhotekoshi zeigt, wie schnell Gletscherabbrüche Folgen haben

Beschädigte Häuser im Schlamm

Dhunge Bazaar in Nepal, weist nach schweren Überschwemmungen im Bhotekoshi-Fluss erhebliche Zerstörung auf. Bild: djisagar87 / Shutterstock.com

Ein Gletscherabbruch an Nepals Grenze zu Tibet löste eine Flutwelle aus. Wasser, Eis und Geröll breiteten sich im Bhotekoshi binnen Minuten aus.

Nördlich von Kathmandu an der Grenze zwischen China und Nepal hat eine Flutwelle im Tal des Bhotekoshi oder Bhote Koshi durch Rasuwagadhi und Timure über Syabrubesi ganze Dörfer mit sich gerissen. Der Bhotekoshi mündet in den Trishuli. Auch weiter flussabwärts gelegene Ortschaften wie Mailung, Betrawati, Trishuli Bazaar und Devighat sind von der Flut betroffen.

Der Bhotekoshi ist ein 120 bis 145 km langer Fluss im Grenzgebiet zwischen dem autonomen Gebiet Tibet der Volksrepublik China sowie in der Provinz Bagmati in Nepal. In China heißt der Fluss Matsang Tsangpo.

Die Zahl der Todesopfer ist inzwischen auf über 1.100 gestiegen. Bis Sonntag, 30. August, waren es 750. In Nepal wurden nach Angaben des Katastrophenschutzes bislang 734 Leichen geborgen. Chinesische Behörden hatten zuvor bekanntgegeben, dass im Südwesten der Region Tibet inzwischen 16 Tote geborgen wurden.

Bislang fanden die Einsatzkräfte in Nepal die meisten Leichen im Bezirk Chitwan an der Grenze zu Indien und damit Dutzende Kilometer flussabwärts vom Katastrophengebiet. Rund 2.500 Menschen galten laut Behördenangaben in Nepal am Sonntag weiter als vermisst, darunter sind 589 Ausländer. Zusammen mit den Vermissten in Tibet wird damit noch nach rund 3.000 Menschen gesucht.

Als mögliche Ursache der aktuellen Sturzflut gilt inzwischen eine Eis- und Gerölllawine im Hochland nahe der Grenze. Sie könnte den Lhende Khola, einen Zufluss des Bhotekoshi, vorübergehend blockiert haben. Dadurch staute sich wohl Wasser, das anschließend schwallartig als Flut aus Wasser, Eis und Geröll talabwärts raste.

Im aktuellen Fall scheint der Auslöser ein rund 700 Meter breiter Gletscherblock gewesen zu sein, der abgebrochen und etwa 1000 Meter in die Tiefe gestürzt ist. Durch den Aufprall schmolz ein Teil des Eises, vermischte sich mit dem Flusswasser und löste so die Flut aus. Diese hatte sich anschließend durch den Bhotekoshi von nepalesischem Territorium aus über den Südwesten Tibets zurück nach Nepal ihren Weg gebahnt und dabei massive Schäden verursacht.

In dem engen Tal gab es bei der großen Geschwindigkeit der Flutwelle wohl kein Entkommen. So meldete das GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung am 27.08.2026:

"Die Wasserwand erreichte Höhen von mehreren Zehner Metern und eine Geschwindigkeit zwischen 40 und 50 Metern pro Sekunde, das sind mehr als 130 km/h. Weniger als zehn Minuten nach dem Ereignis traf die erste Welle den chinesisch-nepalesischen Grenzposten Gyirong mit verheerender Wucht."

Neben Touristen traf die Flut auch eine große Zahl Pilger

Unter den Hunderten Vermissten nach der verheerenden Flut im Himalaya sind offensichtlich viele Menschen, die auf dem Weg zu einem der heiligsten Orte Asiens waren. Der Mount Kailash in Tibet zieht jedes Jahr Tausende Pilger an, darunter auch vier Deutsche, von denen seit der Katastrophe jede Spur fehlt. Sie waren auf dem Rückweg von dem Berg und dem Manasarovar-See in Tibet, als der Kontakt zu ihnen abriss.

Für Millionen Menschen ist der 6.638 Meter hohe Kailash ein Ort von großer spiritueller Bedeutung. Er gilt Hindus, Buddhisten, Jains und Anhängern der tibetischen Bön-Tradition gleichermaßen als heiliger Berg. Für Hindus ist er der Wohnsitz des Gottes Shiva und der Göttin Parvati, Buddhisten verbinden ihn mit dem mythischen Berg Meru, dem Zentrum der Welt.

Schon 2025 kam es im Gebiet des Bhotekoshi zu einem Gletscherabbruch und einer Flut

Am 8. Juli 2025 führte ein Gletscherseeausbruch (GLOF) im Gebiet des Lhende/Pyurepu-Gletschers in Tibet, im Flusskorridor des Bhotekoshi dazu, dass im nepalesischen Distrikt Rasuwa mindestens neun Menschen getötet und 19 vermisst wurden. Er zerstörte mehrere Wasserkraftwerke sowie die Miteri-Brücke.

Die Miteri-Brücke, auch bekannt als Sino-Nepal Friendship Bridge ist eine strategisch und wirtschaftlich bedeutende Brücke, die die Grenze zwischen Nepal und China über dem Fluss Lhende (Bhotekoshi) verbindet. Sie verknüpft den nepalesischen Ort Rasuwagadhi mit dem Hafen Gyirong auf chinesischer Seite und gilt als eines der wichtigsten Tore für das trans-himalayische Handelsnetzwerk im Rahmen von Chinas Belt-and-Road-Initiative.

Am 8. Juli 2025 war die ursprüngliche Brücke durch eine massive, vom Monsun ausgelöste Sturzflut komplett weggespült worden. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben, und Hunderte Fahrzeuge am angrenzenden Zollhafen wurden mitgerissen.

Ende 2025 installierte die chinesische Seite eine provisorische Behelfsbrücke, eine vorgefertigte sogenannte Bailey-Brücke, um den blockierten Handelskorridor nach fast sechs Monaten Schließung im Dezember wieder zu eröffnen

Die aktuelle Schlamm- und Geröllwelle im August 2026 löschte die mühsam wiederaufgebauten Grenzanlagen sowie die temporäre Brücke erneut vollständig aus. Die Region gilt aufgrund des Klimawandels und instabiler Hänge inzwischen als extrem risikoreich.

Der Absturz der Gletschermassen wurde von den Beobachtern an den Geräten zur seismischen Aufzeichnungen in der Region offensichtlich aufgrund seiner Wucht im ersten Augenblick als mögliches Erdbeben gedeutet, was sich dann aber schnell als Fehlinterpretation gezeigt hatte.

Klimawandel trifft auch europäische Hochgebirge

Wenn instabile Gebiete bekannt sind wie im Falle des Schweizer Ortes Blatten, können sie dauerhaft mit Hilfe von Messinstrumenten überwacht werden. Oftmals beschleunigt sich die Bewegung in den Wochen vor einem Absturz. So lassen sich bedrohte Orte evakuieren oder Straßen sperren.

Gletscherseen und Gletscherabbrüche sowie Bergstürze werden durch den Klimawandel häufiger. Das hat mit erhöhtem Schmelzaufkommen zu tun, dem Auflösen von Permafrost. Der Rückzug der Gletscher bildet Seen, die dann auch plötzlich und mit verheerenden Folgen ausbrechen können. Solche Seen gibt es inzwischen immer häufiger. Vor allem in Regionen, in denen die Gletscher im Sommer stark schmelzen und sich zurückziehen.