Ertrinken im Sommer: Warum Männer sterben und Kinder nicht schwimmen lernen
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Immer mehr Menschen können nicht sicher schwimmen, Schwimmbäder verschwinden und riskantes Verhalten kostet Leben. Warum die Zahl der Badetoten wieder steigt.
Am Hitze-Wochenende Ende Juni 2026 ertranken in Deutschland 26 Menschen – ausnahmslos Männer. Schwimmbäder schließen, Kinder lernen nicht mehr schwimmen, und Eltern unterschätzen die Gefahren. Ein Überblick über ein wachsendes Problem.
An einem einzigen Wochenende Ende Juni 2026 starben in Deutschland 26 Menschen beim Baden – alle waren männlich. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) zählte die Toten zwischen Freitag und Sonntag, wie Die Zeit berichtete. Unter den Opfern waren mehrere Kinder. Schon in den Hitzetagen zuvor hatte es mindestens sieben weitere Todesfälle gegeben.
Dass ausschließlich Männer und Jungen ertranken, sei kein Zufall, so Michael Hohmann, Präsident des hessischen Landesverbands der DLRG: Selbstüberschätzung spiele eine zentrale Rolle (FAZ). Hinzu kämen Alkohol und der Umstand, dass manche Nichtschwimmer sich aus Scham dennoch ins Wasser wagten.
Ertrinken geschieht lautlos
Im vergangenen Jahr ertranken laut DLRG mindestens 393 Menschen in Deutschland, 82 Prozent davon waren Männer. Die meisten Unglücke ereigneten sich in Seen, Flüssen und Bächen.
Die Gefahren seien oft unsichtbar, warnt Michael Hohmann. Strömungen träten häufig erst fern vom Ufer auf. Hinzukommt der Temperaturunterschied zwischen bis zu 40 Grad heißer Luft und rund 25 Grad warmem Wasser, der Krämpfe sowie Kreislaufprobleme auslösen könne.
Ertrinken verläuft zudem meist lautlos. Betroffene hätten oft weder Kraft zum Schreien noch zum Winken, berichten Rettungsschwimmer. Häufig verhindere zusätzlich ein Stimmritzenkrampf jeden Hilferuf. Der Kopf tauche nur noch kurz auf und ab, bevor die Person untergehe, schildert ein Münchner Rettungsschwimmer der Welt: "Bei diesem Verhalten dauert es nur noch ein paar Sekunden, bis eine Person einfach untergeht."
Besonders gefährdet seien ältere Menschen mit Vorerkrankungen, junge Männer und Nichtschwimmer – vor allem Kinder.
Handy am Beckenrand
Aus Freibädern wird zunehmend berichtet, dass kleine Kinder ohne Aufsicht im Wasser sind. Als Ursache wird häufig das Smartphone genannt.
DLRG-Präsident Hohmann spricht von einer "Vollkasko-Mentalität". Viele Eltern erwarteten, dass Bademeister die Aufsicht übernehmen würden. Das sei personell unmöglich.
Auch die KölnBäder beobachten das. An einem sommerlichen Wochenende greife das Team im Stadionbad regelmäßig zehn bis fünfzehn Kinder ohne erkennbare Aufsicht auf. "In den allermeisten Fällen spielt dabei das Smartphone eine Rolle."
Ein Schwimmbad sei keine Betreuungseinrichtung, betont Sprecherin Judith Jussenhofen. In Einzelfällen müssten sogar Polizei oder Jugendamt eingeschaltet werden.
Seepferdchen reicht nicht
Bei Kindern ohne sichere Schwimmkenntnisse sollte die Aufsichtsperson höchstens eine Armlänge entfernt sein, fordert Hohmann.
Auch das Seepferdchen sei kein Freibrief, sagt Schwimmlehrerin Jui Grabisch gegenüber der Augsburger Allgemeinen. Es bescheinige lediglich erste Wassergewöhnung. Als sicherer Schwimmer gelte ein Kind erst mit dem bronzenen Schwimmabzeichen.
Schwimmbäder schließen
Weniger Schwimmbäder bedeuten weniger Schwimmer. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind bereits 75 Bäder dauerhaft geschlossen. 61 Prozent der Betreiber meldeten 2024 erhebliche Investitionsrückstände.
Laut DLRG sank die Zahl der Schwimmbäder bundesweit von rund 7.800 im Jahr 2000 auf heute etwa 6.000. Rund die Hälfte gilt als sanierungsbedürftig. Bleiben Investitionen aus, könnte in den kommenden drei Jahren etwa jedes siebte öffentliche Schwimmbad schließen, warnt DLRG-Sprecher Martin Holzhause.
Christian Kuhn von der Bäderallianz spricht von einer "desaströsen" Lage. Der Sanierungsbedarf liege zwischen zehn und 20 Milliarden Euro.
Kinder lernen nicht mehr schwimmen
Die DLRG schätzt, dass sechs von zehn Grundschulkindern keine sicheren Schwimmer sind. Der Anteil der Nichtschwimmer habe sich in den vergangenen Jahren sogar verdoppelt.
Sportlehrer Andreas Wetterling beobachtet seit der Schließung des Freibads in Bosenheim, dass deutlich weniger Kinder schwimmen können. Gleichzeitig fehlen vielerorts Lehrschwimmbecken. Wartelisten von sechs Monaten bis über einem Jahr sind keine Seltenheit.
Bund und Länder gefordert
Die Bäderallianz fordert ein dauerhaftes Förderprogramm des Bundes mit einer Milliarde Euro jährlich. Niedersachsen investiert bereits wieder in Lehrschwimmbecken und stellt dafür in diesem Jahr 15 Millionen Euro bereit.
NRW-Innenministerin Daniela Behrens bezeichnet eine funktionierende Schwimminfrastruktur als wichtigen Baustein für Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe.
Gefahren im Wasser
Die meisten tödlichen Unfälle ereignen sich an unbewachten Badestellen. Besonders gefährlich sind Flüsse wie Rhein oder Main.
Am Rhein kommen sogenannte Buhnen hinzu – Steinbauwerke, die unter Wasser kaum zu erkennen sind. Sie erzeugten einen lebensgefährlichen Sog und könnten selbst geübte Schwimmer nach unten ziehen, warnt Hohmann.
Hinzu kommt, dass viele ihre Kräfte überschätzen. Anders als im Freibad sind in Seen oder Flüssen oft mehr als 100 Meter bis zum Ufer zurückzulegen.
Was tun im Notfall?
Rettungsschwimmer empfehlen: Im Zweifel lieber einmal zu viel die 112 wählen als einmal zu wenig. Anschließend sollten andere Badegäste aufmerksam gemacht und vorhandene Rettungsmittel genutzt werden.
Von einem unüberlegten Sprung ins Wasser, um zur Rettung zu eilen, rät die DLRG ab. Es sind Strömungen zu beachten und Menschen in Panik könnten ihren Retter unter Wasser drücken.
Wer selbst einen Krampf bekommt, sollte sich auf den Rücken drehen, ruhig bleiben, möglichst wenig Kraft verbrauchen, damit man laut um Hilfe rufen kann.