Ernteausfälle und ausbleibende Hilfen erzeugen Unmut bei Obst- und Gemüsebauern

Apfelscheibe mit rotem Segment und Tropfen mit Kreuz

Wetterextreme führen zu erheblichen Ernteeinbußen bei Obst. Obstbauern machen in einem Brandbrief ihren Sorgen Luft.

Besonders junge Apfelbäume werfen vermehrt ihre noch unreifen Früchte ab, weil sie derzeit im Überlebensmodus sind. Sie haben zu kämpfen, weil sie noch nicht so tief liegende Wurzeln gebildet haben, weiß Christoph Jestädt. Der Bio-Apfelbauer rechnet mit einer um 80 Prozent geringeren Ernte als im Vorjahr.

Aufgrund der Trockenheit sind die Äpfel kleiner als sonst und weniger saftig. Allerdings folgt im Obstbau auf ein gutes Jahr mit reicher Ernte stets ein Jahr mit geringerem oder keinem Ertrag. Denn Obstbäume brauchen ein Jahr, um sich zu erholen.

500 verschiedene Apfelsorten werden in der Rhön angebaut – hauptsächlich zur Weiterverarbeitung zu Saft u. a. Glücklicherweise sind die Edelstahltanks aus dem Rekorderntejahr 2025 noch gut mit Apfelsaft gefüllt.

Jestädt hofft auf einen feuchten Winter, in dem das Wasser in tiefere Erdschichten eindringen kann. Der Geschäftsführer der Hannheinehof Lebensmittel GmbH bewirtschaftet eine Streuobstwiese in Fulda-Niederrode mit insgesamt 200 Obstbäumen und 120 verschiedenen Sorten. Zudem arbeitet er über die Rhöner Apfelinitiative mit 300 Streuobstbauern aus der Region zusammen.

Äpfel bleiben das am meisten geerntete Baumobst

Viele Äpfel fallen vorzeitig vom Baum, bleiben sehr klein oder sind durch Sonnenbrand geschädigt. Auch viele Birnenbäume leiden unter der Hitze. Vielerorts sind an den Bäumen die Blätter verbrannt. Die Früchte sind zu klein und mit braunen Stellen versehen. Deutschlandweit melden Obstbaubetriebe auch Hagelschäden mit teilweise bis kompletten Ernteausfällen.

Baden-Württemberg und Niedersachsen erzeugen auf rund 60 Prozent von bundesweit 32.700 Hektar Apfelanbaufläche rund zwei Drittel aller heimischen Äpfel. In Baden-Württemberg wird ein Ertrag von 350.000 Tonnen (leicht über dem letzten Zehnjahresdurchschnitt) erwartet.

In Niedersachsen liegt der prognostizierte Ertrag mit 272.000 Tonnen bei sechs Prozent weniger als im Zehnjahresdurchschnitt. In anderen Bundesländern liegt die zu erwartende Ernte deutlich darunter – so werden in Thüringen um 45 Prozent weniger geerntet.

Die deutschen Obstbaubetriebe rechnen 2026 mit einer Apfelernte von rund 934.000 Tonnen, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Die Ernte liegt damit um 5,4 Prozent unter dem Durchschnitt letzten zehn Jahre. Gegenüber dem Vorjahr fällt die Ernte sogar um rund 18 Prozent (= 204.000 Tonnen) geringer aus.

Überdurchschnittliche Pflaumen- und Zwetschenernte

Nach der vorläufigen Schätzung vom Juli wird die Pflaumen- und Zwetschenernte mit gut 49.300 Tonnen in diesem Jahr voraussichtlich um 11,5 Prozent höher ausfallen als im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Allerdings ist die Ernte im Vergleich zum besonders ertragreichen Vorjahr etwa um vier Prozent geringer. Bezogen auf die Anbaufläche von rund 4.100 Hektar ergibt sich ein erwarteter Durchschnittsertrag von rund 12,0 Tonnen je Hektar.

Eine besonders hohe Ernte von rund 24.100 Tonnen wird im bedeutendsten Pflaumen- und Zwetschen-Anbauland Baden-Württemberg erwartet. In Rheinland-Pfalz, dem zweitgrößten Anbauland fällt die diesjährige Ernteprognose mit 9 900 Tonnen eher unterdurchschnittlich aus .

Hitze und Spätfrösten setzen dem Beerenobst zu

Christoph Münker von der Beerenobst-Gemeinschaft Rhön-Vogelsberg bewirtschaftet 22 Hektar Holunder, 1,5 Hektar Johannisbeeren und zwei Hektar Quitten. Im Frühjahr haben Spätfröste den Pflanzen zugesetzt. Auch beim Holunder wird der Ertrag wohl um 80 Prozent einbrechen. Wegen der Dürre bleiben die Beeren entweder sehr klein oder vertrocknen komplett.

Bei den schwarzen Johannisbeeren, die Ende Juni/Anfang Juli geerntet wurden, lagen die Einbußen bei 40 Prozent. Zum Glück hat die Beerenobst-Gemeinschaft noch genügend Vorräte an Saft und Sirup aus dem Vorjahr.

"Wollen wir überhaupt noch heimisches Obst?"

Mit dieser Frage wandte sich die Bundesfachgruppe Obstbau im Juli in einem Brandbrief an den Deutschen Bundestag und die Landtage. Hintergrund ist die Sorge wegen des billigen Importobstes.

"Auf deutschen Obsthöfen bleiben hochwertige Süßkirschen hängen, weil Billigimporte den Markt überschwemmen. Zwetschen und Heidelbeeren werden unter den Produktionskosten gehandelt. Immer mehr Betriebe fragen sich, ob sich die Ernte überhaupt noch lohnt."

Bundesfachgruppe Obstbau

Neben gestiegenen Benzinpreisen sorgen auch die hohen Löhne auf den eigenen Betrieben für Unmut. So fordern die Bauern geringere Mindestlöhne für landwirtschaftliche Saisonarbeitskräfte, um die Wettbewerbsfähigkeit zu ausländischen Produkten wiederherzustellen.

Deutschland habe genug eigene Äpfel, erklärt Markus Puder, der im Kreis Bad Dürkheim auf einem Betrieb mit 65 Hektar Äpfel anbaut. Eigentlich müsse man keine Äpfel importieren, glaubt der Obstbauer. Doch wegen geringer Stundenlöhne in der Republik Moldau oder Polen, sei importiertes Obst im Supermarkt billiger als heimisches Obst.

Auch Puder klagt über Ernteverluste bei seinen Äpfeln. Die Hälfte seiner Süßkirschen habe er auf dem Müll entsorgen müssen, nachdem es im Juni über 40 Grad heiß war.

Trockenheit hinterlässt Schäden im Gemüseanbau

Wochenlang konnte Thomas Schmälzle seinen Zwiebelacker bei Heilbronn nicht mehr bewässern. Um die Zwiebeln ernten zu können, müssten sie die sechsfache Größe erreichen, erklärt der Gemüsebauer gegenüber der ARD. Während der Dürre hatte er das Wasser mittels Beregnungsanlage aus dem nahen Fließgewässer gepumpt – bis das Landratsamt die Wasserentnahme komplett verbot.

Für die Gewässer machen die Regelungen Sinn, räumt der Landwirt ein. Für seine Ernte dürfte der inzwischen einsetzende Regen zu spät kommen.

Oliver Dinger aus Emmendingen bei Freiburg im Breisgau bewässert einen kleinen Teil seiner Pflanzen mit einer sparsamen Tröpfchenberegnung, die von teurem Leitungswasser gespeist wird. Das sei eigentlich unrentabel, doch man wolle den Kunden wenigstens noch eine kleine Auswahl Gemüse anbieten, erklärt der Landwirt. Auch hier untersagten die regionalen Behörden die Wasserentnahme aus Flüssen und Bächen. Sein Salatfeld war deswegen komplett vertrocknet.

Im Gemüseanbau leiden vor allem Gewächshauskulturen unter der Hitze

So fiel die Ernte der vergangenen Wochen bei Salaten, Möhren, Salatgurken und Paprika deutlich geringer aus als üblich. Dementsprechend stiegen die Preise für diese Gemüse über das Niveau des Vorjahreszeitraums. Verteuert haben sich vor allem Frischgemüse aus dem Freilandanbau, wie Michael Koch, Bereichsleiter Gartenbau bei der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft erklärt. Das betreffe insbesondere das Salatsortiment sowie Brokkoli, Blumenkohl, Kohlrabi und Möhren.

Zudem könnte es kürzere Pommes geben, schätzt Alois Keutmann, Vorsitzender der Rheinischen Erzeugergemeinschaft Kartoffeln. Bis Mitte Juni verlief die Kartoffelpflanz- und wachstumsphase noch optimal, später brach die Entwicklung durch Hitze und Trockenheit ein. Wo nicht künstlich beregnet wurde, fielen die Erträge geringer aus.

Tomaten und Zucchini hingegen sind derzeit günstiger als vor einem Jahr. Beim Obst hingegen profitieren die Verbraucher derzeit von niedrigeren Preisen als im Vorjahr. So wirken sich die hohen Lagerbestände aus der letztjährigen Apfelernte auf die aktuellen Preise aus. Auch Kirschen, Zwetschgen, Pfirsiche und Nektarinen seien günstiger als sonst.

Keine allgemeinen Preissteigerungen bei Backwaren, Obst und Gemüse – vorerst

Ernteausfälle infolge der Dürre könnten zwar durch zusätzliche Importe ausgeglichen werden, erklärt der Agrarökonom Alfons Balmann vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle gegenüber dem MDR.

Sofern andere Länder das fehlende Obst liefern können. Denn in diesem Sommer waren viele europäische Regionen von starker Dürre betroffen, weshalb es in Ländern wie Frankreich, Spanien, Italien usw. ebenfalls zu größeren Ernteausfällen kommen könnte.

Dass die Preise bei den Backwaren steigen, davon geht der Landwirtschaftsminister aktuell nicht aus. Auch bei Obst und Gemüse zeichnet sich bislang keine allgemeine Verteuerung ab, betont Claudio Gläßer von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft. Die gestiegenen Kosten für Energie und Transport belasten den Lebensmittelhandel allerdings bereits seit einigen Monaten.

Foodwatch fordert mehr Transparenz bei Preisen

Lebensmittelunternehmen und Supermarktketten könnten die Ernteprobleme für zusätzliche Preiserhöhungen nutzen und extra Profite einstreichen, befürchtet Foodwatch.

Lebensmittel hätten sich zuletzt stärker verteuert als andere Produkte, erklärt die Verbraucherschutzorganisation.

Foodwatch fordert seit Längerem eine Preisbeobachtungsstelle, welche die Preisentwicklung vom deutschen Erzeuger bis zum Supermarkt erfassen soll. Auf diese Weise sollten Verbraucher besser nachvollziehen können, warum Lebensmittel teurer würden und ob höhere Preise tatsächlich gerechtfertigt seien.

Bauernverband fordert unbürokratische Unterstützung

Deutschlandweit – vor allem im Süden – gab es Ertragseinbußen für Kartoffeln, Gemüse, Zuckerrüben, Körnermais und Sojabohnen sowie für Weizen und Raps. Seit Beginn der Dürreperiode Mitte Juni seien rund drei Millionen Tonnen Getreide und Raps verlorengegangen, rechnet der Deutsche Raiffeisenverband vor. Es geht um Einnahmeverluste in Höhe von insgesamt 600 Millionen Euro.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) rechnet mit einem Minus von sieben Prozent bei der Getreideernte gegenüber dem Vorjahr – also nur rund 42 Millionen Tonnen anstatt 45,2 Millionen Tonnen. Beim Raps werde man sogar 20 Prozent weniger ernten können.

Bauernpräsident Joachim Rukwied fordert eine Erhöhung der EU-Düngemittelbeihilfe von 60 auf 180 Millionen Euro sowie vorgezogene Auszahlung von 80 Prozent der EU-Direkthilfen im Oktober. Zudem verlangt er eine Senkung der Dieselsteuer sowie eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage.

Agrarminister wartet ab

In der Zwischenzeit wartet Landwirtschaftsminister Alois Rainer auf "belastbare Daten". Erst wenn diese vorliegen, werde er so schnell wie möglich "passgenaue Hilfen" anbieten.

Über die Landwirtschaftliche Rentenbank war ein 200-Millionen-Euro-Sofortprogramm aufgelegt worden. Im Gespräch ist auch eine Mehrgefahrenversicherung, mit der sich Landwirte unter anderem gegen die Folgen von Dürre absichern können.

Wichtiger als Forderungen nach billigem Agrardiesel und dem nächsten Hilfstopf sei es, die Ursachen der Dürre zu bekämpfen, also mehr Klimaschutz und Klimaanpassung voranzutreiben, erklärt indessen der Naturschutzbund Deutschland (Nabu).