Flexibel arbeiten? Warum New Work viele in den Dauerstress treibt
Keine Grenzen, kein Feierabend: Wie das Versprechen von flexibler Arbeit unbemerkt in ständige Erreichbarkeit und psychischen Druck umschlägt.
Technik bestimmt den Berufsalltag. Was als Softwareupdate oder neue Maschine angekündigt wird, erweist sich oft als komplexe Neuerung. Projekte sind zunehmend so umfassend, dass die Steuerung durch einzelne Führungspersonen kaum noch möglich ist.
"New Work" kann eine Lösung sein, findet Heiner Kolde vom Architekturbüro bkp. Damit lasse sich die "Attraktivität als Arbeitgeber stärken", schreibt der Experte für Bürogestaltung beim Handelsblatt.
Damit sei nicht gemeint, einen Kickertisch und Obstkorb in einem schicken Büro bereitzustellen, schreibt Andrea König bei CIO.
Vielmehr sei New Work "eine Denk- und Arbeitsweise, die auf die Auswirkungen der Globalisierung und Digitalisierung in der Arbeitswelt reagiert. Wagen Unternehmen sich an den beschriebenen New-Work-Kern, ändern sich zwangsläufig die Anforderungen an Führungskräfte und Führungsstrukturen. Wo vielleicht noch Hierarchien und starke Kontrollen etabliert waren, entwickeln Führungskräfte sich mehr zu Coaches und Unterstützern."
Büroräume als Corporate Innovation Hub
Die Ausstattung des Arbeitsplatzes ist dabei von besonderer Bedeutung. Denn Büros sind mehr als Arbeitsräume.
"Man stelle sich jetzt einmal vor, in diesen Räumen entstünden nicht nur Ergebnisse, sondern spürbar mehr neue Ideen. Und zwar nicht nur, weil wir häufiger dort sind, sondern weil diese Räume gezielt so gestaltet sind, dass Begegnung, Austausch und gemeinsames Weiterdenken gefördert werden."
Milena Bockstahler, Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO
Ein Büro solle zum "Corporate Innovation Hub" werden. Die Gestaltung der Arbeitsräume sei besonders wichtig, ergänzt Heiner Kolde:
"Activity-Based Working mit unterschiedlichen Zonen für Fokusarbeit, Beratung, Projektarbeit und kreative Formate erhöht Produktivität und reduziert Reibungsverluste im Alltag."
Die Zusammenarbeit im New-Work-Team sei zu organisieren:
"Ein Büro wird dann zum Innovationstreiber, wenn es mehr ist als ein Ort für individuelle Arbeit. Es muss Räume bieten, die gezielt Zusammenarbeit, Austausch und kreatives Arbeiten unterstützen. […] Das Büro wird damit zu einem strategischen Raum für Innovation. Vorausgesetzt, es wird entsprechend gestaltet."
Milena Bockstahler
"Delegation Poker" als knallharte Verhandlung über Personalbedarf
Wichtiges Instrument für Führungskräfte ist ein "Delegation Poker":
"Beim Delegation Poker finden Führungskräfte gemeinsam mit ihrem Team heraus, wie Verantwortung ins Team gegeben werden kann. Das ist ein fünfstufiger Prozess, bei dem Schritt für Schritt Verantwortung verteilt wird. Wir empfehlen Führungskräften, mutig zu sein und die Themen gemeinsam mit ihrem Team zu besprechen."
Andrea König
Was nach einem lockeren Spielchen klingt, ist in der Praxis ein Verhandeln über die Personalplanung. Letztendlich entscheidet der Vorgesetzte, der den Beschäftigten diskussionsfreudig erscheinen soll, da er auf eine direkte Anweisung verzichtet.
Die besonderen Anforderungen der modernen Arbeitswelt beschäftigen auch Psychologen. "Als Führungskraft managen Sie alles – nur nicht das Instrument, mit dem Sie entscheiden: Ihr Gehirn", schreibt Nektaria Tagalidou, Psychologin im Team "Applied Neurocognitive Systems" des Fraunhofer IAO. Sie empfiehlt ein "individuell zugeschnittenes Performance-Programm" für die Verantwortungsträger.
Tagalidou warnt Führungskräfte vor den "Fallen moderner Führung". Denn sie müssen "tagtäglich große und kleinere Entscheidungen treffen, strategisch denken, klar und diplomatisch kommunizieren, unter Druck emotional stabil bleiben".
Der "Marathon im Dauerstress" betrifft aber nicht mehr nur Manager. Denn New Work setzt auf Eigenverantwortung aller. Bei Projekten wird oft nicht mehr ein großes Lastenheft "am Stück" vor Projektstart geschätzt. Stattdessen werden die Anforderungen in "Storys" zerlegt. Jede "Story" beschreibt eine Anforderung, die für das Produkt einen Mehrwert darstellt, etwa einen weiteren Programmierschritt.
Die Projektbeteiligten beschäftigte ein "Schätzdilemma": Wie kann ein Programmierer den Aufwand schätzen, den diese Aufgabe für ihn und ein Team bedeutet? Wenn jede Schätzung nachvollziehbar sein muss, setzt dies die Betroffenen unter massiven Begründungszwang bei Aufgaben, die nicht zu Routinetätigkeiten gehören.
In der Praxis bedeutet dies: Der einzelne Angestellte muss erst einmal entscheiden, wie hoch er den Aufwand sieht. Alle stehen hier unter dem Druck, Ziele, die das Management vorgegeben hat, zu erfüllen.
Activity-Based Working stellt Trennung von Arbeit und Privatleben in Frage
Das neue Denken umfasst örtliche und zeitliche Flexibilisierung von Arbeit, betont Andrea König. Negative Folgen für die Beschäftigten werden dabei unterschätzt. Activity-Based Working stellt die Trennung von Arbeit und Privatleben infrage. Es besteht die Gefahr, dass Arbeit in die Freizeit verlagert wird.
Was technisch möglich ist, wird häufig umgesetzt, wenn keine anderweitigen Regelungen etwa durch Betriebsvereinbarungen bestehen. Die daraus resultierende permanente Verfügbarkeit ist mit einem Gefühl der Unkontrollierbarkeit verbunden.
Verschärft wird das Problem der ständigen Erreichbarkeit durch unterschiedliche Kommunikationskanäle in der digitalen Arbeitswelt. Die Anforderungen per Mails, über Chats oder mit Sozialen Netzwerken zu kommunizieren, sind hoch. Dies führt zur Überforderung, da es für viele Beschäftigte zu viele unterschiedliche Erwartungen sind.
Und viele betroffene Beschäftigte haben die Erwartung, jederzeit kontaktiert werden zu können. Damit geht eine hohe psychische Beanspruchung einher. Der Druck auf die Beschäftigten nimmt zu. Eine höhere Arbeitsbelastung ist oft Folge der Entgrenzung und Verlängerung der Arbeitszeiten, der permanenten Erreichbarkeit und der Arbeitsverdichtung durch New Work. Daran ändern auch neue Bürokonzepte nichts.