Frankreich nach dem Hitzesommer: Wird Klimapolitik zum Aufstiegsversprechen?
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Raphaël Glucksmann definiert Ökologie neu – nicht als Verzicht, sondern als industrielle Revolution. Nach langer Hitze bekommt der Versuch politische Brisanz.
Frankreich kehrt aus den Ferien zurück. La rentrée heißt das Ritual, bei dem nach den langen Sommerwochen Schulen, Unternehmen und Politik wieder hochfahren. In diesem Jahr fällt die Rückkehr schwerer als sonst. Drei Hitzewellen mit insgesamt 52 Tagen, Rekordtemperaturen, Dürre und gewaltige Waldbrände haben einen Sommer geprägt, in dem der Klimawandel für viele Franzosen vom Zukunftsszenario zur unmittelbaren körperlichen Erfahrung wurde.
Besonders unter Jüngeren wächst die écoanxiété, die Angst vor den Folgen der Klimakrise. Nach Daten der französischen Umweltagentur Ademe aus dem Jahr 2025 betrifft sie 33 Prozent der 15- bis 24-Jährigen und 39 Prozent der 25- bis 34-Jährigen, berichtete Le Monde. Der 29-jährige Clément aus Paris erzählte der Zeitung von unkontrollierbaren Weinkrämpfen, wenn er daran denke, dass dies "sicherlich der kühlste Sommer meines restlichen Lebens" sei.
Katastrophe kann lähmen oder mobilisieren
Die Philosophin und Bildungsexpertin Irène Pereira von der Universität Rouen beschreibt in einem Interview mit der Zeitung die politische Ambivalenz dieses Gefühls: Die Vorstellung einer Katastrophe könne lähmen – oder auch im Gegenteil: zum Handeln treiben. Werde das Schlimmste als unausweichlich dargestellt, entstehe allerdings oftmals Fatalismus.
Bemerkenswert ist ihre Kritik an einer Klimapolitik, die vor allem auf individuelles Verhalten zielt: weniger fliegen, anders essen, bewusster konsumieren.
"In Frankreich konzentrieren die Lehrpläne die Debatte auf Konsum und individuelles Verhalten. Implizit handelt es sich dabei um eine Ökologie, die sich an die Mittel- und Oberschicht richtet."
Irène Pereira, Le Monde
Den Diskurs auf den Konsum des Einzelnen auszurichten bedeute häufig, vom Produktionssystem abzulenken.
"Der größte Teil der Treibhausgasemissionen wird nicht durch individuelles Verhalten bestimmt, sondern durch Infrastrukturen und Industrien."
Ökologie als industrielle Revolution
Genau an dieser Stelle setzt Raphaël Glucksmann an. Der Gründer der kleinen, den Sozialisten nahestehenden Partei Place publique hat am 23. August seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl im April 2027 erklärt. Sein erstes großes Thema: die "ökologische Republik". Für seinen ersten Wahlkampfauftritt am 25. August bestieg er gemeinsam mit dem grünen Politiker Yannick Jadot eine Windkraftanlage in der Charente-Maritime.
Glucksmann verspricht den schnellen Ausstieg aus Gas und Öl, mehr erneuerbare Energien, Elektrifizierung, Gebäudesanierung, Sozialleasing für Elektroautos, Bahnverkehr und Agroökologie.
"Unmittelbar nach unserem Wahlsieg werden wir die hundert Tage der ökologischen Revolution einleiten", kündigte er vor der Presse an.
Entscheidender als die einzelnen Maßnahmen ist deren politische Verpackung: Der ökologische Umbau soll nicht als Verzicht verkauft werden, sondern als wirtschaftlicher Aufbruch.
Glucksmann verspricht mehr Kaufkraft für untere und mittlere Einkommen, neue Fabriken in den Regionen und Hunderttausende nicht verlagerbare Arbeitsplätze. Die Veränderungen würden Frankreich "seine Souveränität zurückgeben" und den Kampf gegen die Erderwärmung zum "A und O der öffentlichen Politik" machen.
Seine zentrale Formel lautet: "Die ökologische Revolution ist eine industrielle Revolution."
Frankreich müsse wieder mehr selbst produzieren, statt etwa bei Solarmodulen von China abhängig zu sein. "Wir werden dafür kämpfen, dass wir wieder bei uns produzieren und nicht in allem von China abhängig sind", sagte Glucksmann. Klimapolitik wird damit zugleich zur Industrie- und Souveränitätspolitik.
Arbeit gegen Erbschaften
Auch die soziale Gerechtigkeit gehört zu dieser Konstruktion. Glucksmann will die Sozialabgaben auf Arbeit senken und dies durch höhere Steuern auf die größten Erbschaften finanzieren. Das oberste Prozent der Erbschaften soll ab zwei Millionen Euro progressiv stärker belastet werden.
"Heute stammen zwei Drittel des Vermögens der Franzosen aus Erbschaften und ein Drittel aus Arbeit, während es vor fünfzig Jahren genau umgekehrt war", sagte Glucksmann in einem Interview. Er lehne es ab, dass Frankreich wieder zu einer "Gesellschaft von Rentiers und Erben" werde.
Damit versucht Glucksmann etwas, das in vielen europäischen Debatten verloren gegangen ist: Ökologie nicht primär als moralische Forderung an den Einzelnen, sondern als Versprechen gesellschaftlicher Modernisierung zu präsentieren.
Klimapolitik soll nach Arbeit, Industrie, Kaufkraft und Souveränität klingen – nicht nach Verzicht.
Kampf um die Neuordnung der Linken
Politisch ist das zugleich ein Kampf um die Neuordnung der französischen Linken vor der Präsidentschaftswahl. Glucksmann sucht das Bündnis mit Sozialisten, Grünen und Kommunisten, schließt eine Zusammenarbeit mit Jean-Luc Mélenchons La France insoumise (LFI, deutsch etwa: Das unbeugsame Frankreich) aber ausdrücklich aus.
"Es wird keinerlei Bündnis mit Jean-Luc Mélenchon geben. Die demokratische Linke wird gewinnen, wenn sie sich auf einer klaren Grundlage zusammenschließt", sagte er. Den Grünen bietet er eine proeuropäische, pro-ukrainische und industriepolitisch ausgerichtete Alternative zu Mélenchon an.
Der frühere grüne Präsidentschaftskandidat Yannick Jadot unterstützt Glucksmann bereits und soll die "hundert Tage der ökologischen Revolution" vorbereiten. Seine eigene Partei Les Ecologistes folgt ihm bislang allerdings nicht.
Einen Konflikt gibt es bei der Atomkraft: Glucksmann befürwortet den Bau neuer EPR-Reaktoren, Jadot nicht. Einig sind sich beide darin, den bestehenden Kraftwerkspark zu sichern. Die Entscheidung über neue Reaktoren soll zunächst vertagt werden.
Offene Rechnung
Ob daraus eine Mehrheit gegen die starke Rechte entstehen kann, ist völlig offen. Glucksmann muss zunächst eine Vorwahl des Parti Socialiste (PS) am 10. und 17. Oktober gewinnen.
Auch die finanzielle Rechnung steht noch aus. Die Kosten seiner "ökologischen Republik" hat Glucksmann bislang nicht beziffert. "Natürlich wird es teuer", räumt er ein. Seine Gegenrechnung: Nach der Gaskrise von 2021 bis 2022 gab der französische Staat 70 Milliarden Euro für die Subventionierung fossiler Energien aus. Investitionen in Elektrifizierung, Energieeffizienz und Energiesparen seien deshalb auch Investitionen in künftige Einsparungen.
Aber nach diesem französischen Ausnahmesommer stellt Glucksmann eine ungewöhnliche politische Wette auf: Klimapolitik soll nicht länger nach Verzicht klingen, sondern nach Aufstieg.