Frankreich oder: Die Möglichkeiten des Glücks

Tisch im Restaurant von Cambon.

(Bild: Foto: Copyright Eric Brendle, herault-tourisme.com)

Für eine Kultur der Gelassenheit – auch im Winter. Warum eine Reise ins Hinterland Südfrankreichs den Horizont öffnet und die Laune hebt.

In den dunklen Monaten, immer wenn man merkt, dass man um den Mund herum grimmig wird, ist es am besten, man fährt nach Frankreich. Nach Südfrankreich. In meinem Fall ins Département de l'Hérault. Das funktioniert jedes Mal. Es geht aufwärts mit der Laune. Nachhaltig. Wie das? Und warum?

Wenn die Laune friert, hilft nur der Süden

Die Gründe sind einfach. Ein erster ist hier zu sehen.

Anhöhe St-Martin-du-Froid
(Bild: Foto: Copyright Eric Brendle, herault-tourisme.)

Der Anblick auf der Höhe, benannt nach der Kapelle St.-Martin-du-Froid, ist ein befreiender Schock. Noch klopft das Herz vom – leichten – Anstieg, dann nimmt der plötzlich offene Horizont, man sieht bis ans Meer einem den Atem, bis die Lungenflügel sich weiten und mit ihnen das gesamte Innenleben, dem es im herbstlichen Deutschland zu eng geworden war.

Dorthin zu finden, ist nicht ganz einfach. Aber das zwischenzeitliche Verlorengehen gehört zu der Art von Streifzügen, die eine Reise in den Süden Frankreichs zu einem Unterfangen machen, das einen noch wochenlang trägt. Weil es Möglichkeiten des Glücks vor Augen führt, die man verschwunden glaubte.

Das andere Südfrankreich

Es ist gegen die Intuition und gegen Sehnsüchte, die tief in uns stecken, wenn man der schönen Stadt im Süden, Montpellier den Rücken kehrt. Die Stadt voller lebendiger Cafés mit vielen Studenten und der grandiosen Mittelalterbauten ist nur eine halbe Stunde mit dem Bus von einer Küste entfernt, an der die Flamingos ihre rosa Farbstoffe aus den Etangs picken und die Sandstrände weit und herrlich leer ihr hellen einladenden Bänder ziehen.

Wer ins Hinterland fährt, fährt in die ungewohnte Richtung. Gibt es denn nichts Schöneres, als vor dem endlosen Blau des Meeres den stillen Frieden und die Wärme genießen?

Aber nicht doch, hieß es. Das kennst du schon.

Wir fuhren ins Hinterland. In die entgegengesetzte Richtung also. Du wirst sehen, es gibt neue Entdeckungen, neue Ziele für die Touristen, andere Erlebnisse als die, die man an den Stränden macht, sagten mir meine Begleiter. Andere Begegnungen. Auf die kommt es an.

Auf die Begegnungen kommt es an

Einen Vorgeschmack bekam ich am Vortag. Wir besuchten ein von außen unauffälliges Restaurant. Der Chef der Maison du Coquillage (wörtlich "Haus der Muschel"), an der Peripherie von Montpellier, ein "Ecailler", der seine Austern wie Juwelen anbot, erklärte uns – mit einem zwinkernden Blick auf den Gast aus Süddeutschland – dass er eine Crème Chantilly (Schlagsahne) servieren werde, die sämtliche Schlagsahne-Artisten aus der österreichisch-ungarischen k. und k.-Monarchie vor Neid zum Weinen gebracht hätte.

Der Mann behielt Recht. Er hatte der Sahne Gewürzspitzen zugesetzt, die einen verblüffenden Effekt hatten und Geschmackszonen ansprach, von denen ich nicht ahnte, dass es sie gibt. Aber ich war nicht zum Weinen gekommen. Ich wollte einen Teil Frankreichs sehen, den ich nicht kannte. Das rurale Südfrankreich. Nicht das Frankreich, in dem der Sprüche nach Gott am liebsten lebt und essen geht und die Reichen mit ihm am Tisch sitzen.

(Bild: Foto: T.P.)

Berge, die den Blick bis zum Meer tragen

Auf der Fahrt durchs Hinterland auf schnellen, kommod gewundenen Straßen geht es durch ein beinahe fantasy-artiges Panorama an Bergkämmen in einer Hügellandschaft mit einem sanft-freundlichen Grün bis ganz nach oben. Die Augen werden mild gestimmt, anders als in den felsigen Alpenlandschaften, derart, dass man keiner Sensation mehr bedarf.

Und doch gibt es sie. In der Bergkette der Monts de l'Espinouse, zum Beispiel, einem Gebirgsmassiv, das als Wasserscheide zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer fungiert. Dort ragt auch das Felsmassiv des Mont Caroux unübersehbar ins Blickfeld. Dessen helle Felsen sind weithin sichtbar, bis ans Meer, das etwa 30 bis 40 Kilometer entfernt ist.

Seeleute nutzten ihn früher als Navigationshilfe, heute erfreuen sich Wanderer an dem Blick bis hin zum Meer. Auch hier öffnet sich ein Horizont, der viele Fragen, die sich vor Bildschirmen auftürmen, in Luft auflöst.

Auf dem Gipfel von Caroux.
(Bild: Foto: Copyright Eric Brendle, herault-tourisme.)

Vorbei an der Tiefe, hinein in die Gegenwart

Wer da Anflüge erfährt für eine Ausweitung seiner Kenntnisse über Tiefenzeit und paläoalte Lebensspuren im Stein, der ist genau auf dem richtigen Terrain. Denn dort befindet sich ein Naturpark mit einer geologischen Tiefe bis ins Paläozoikum, der Géoparc Terres d'Hérault.

Wir aber fuhren vorbei an den paläozoitischen Zeitzeugen. Immer wieder zeigten meine Begleiter auf einen ungewöhnlichen Fahrradweg, ein paar hundert Meter von der Autostraße entfernt, der ähnlich wie eine Eisenbahntrasse durch Tunnels hindurch und auf Brücken verläuft und ein Landschaftserlebnis der eigenen Art bietet.

Wir machten uns im Auto auf leeren, schön gewundenen Straßen mit zeitlosen Blickfenstern auf den Weg, um etwas über die Gegenwart im Hinterland zu erfahren.

Auf dem Weg zu den Dörfern.
(Bild: Foto: Copyright Eric Brendle, herault-tourisme.)

Fraisse-sur-Agout, Bar Tabac, Begegnungen

Wir sollten eine Bürgermeisterin eines kleinen Ortes treffen, der vom "Aussterben" bedroht ist. Auf dem Weg dahin gab es naturellement eine Abschweifung. Ein zwischenzeitliches, etwas verwunschenes Verlorengehen in einem kleinen Ort namens Fraisse-sur-Agout.

(Bild: Foto: Eric Brendle, herault-tourisme.com)

Schließlich kann man nicht reisen, ohne zwischendrin einen Kaffee zu trinken und mit Einheimischen die politische Lage des Landes zu besprechen. In Fraisse-sur-Agout gibt es noch, was in den großen kulturkritischen Anmerkungen zum Zustand des Landes bedauert wird: ein Restaurant Bar Tabac, ziemlich klein, ziemlich unspektakulär, nichts für sensationsgierige Besucher – bis auf die Betreiberinnen.

Ein Dorf, ein Kaffee, ein ganzes Land

Zwei Frauen, die laut Erzählungen weit über achtzig sind, wahrscheinlich über neunzig Jahre alt, halten die Bar in Schwung. Tatsächlich ist das Bild nicht übertrieben. Wer dort jemals einen Kaffee bestellt und das Glück hat, mit den Frauen ins Gespräch zu kommen, erlebt eine Geistesgegenwart mit spitzen Bemerkungen, die einen wacher machen als der starke Espresso, den die Frauen mit sicherer Hand und einem angenehmen Klirren des Löffels servieren.

Die Gäste waren ausnahmslos Einheimische, die den Besuchern gegenüber freundliche Willkommensmiene zeigten, untereinander aber nach genüsslichen Lungenzügen aus den Gauloises Liberté toujours mit wenigen scharfen Worten die Steuerpolitik der wechselnden Regierungen abkanzelten. Nein, sie wollen auf keinen Fall weg von Fraisse-sur-Agout, gaben sie dem Besucher zu verstehen. Es sei ein Paradies, etwas versteckt vielleicht, aber magisch.

Fraisse-sur-Agout
(Bild: Foto: Eric Brendle, herault-tourisme.com)

Paradies mit schwindenden Einwohnern

Das sagt auch die Bürgermeisterin von Cambon, einem Weiler, französisch "hameau", nur, dass dort die Einwohner schwinden, sie bleiben nicht. In den 1960er-Jahren zählte man noch etwa 600 Einwohner, Mitte der Achtzigerjahre waren es nur mehr 150. Jetzt sind es 56 und im Winter zehn.

Das Dörfchen am Fuß des Weges zur Kapelle von St-Martin-du-Froid liegt in einem paradiesischen Umfeld. Das wissen auch die Ausgewanderten. Viele, die dort aufgewachsen sind, haben das ererbte Haus oder Anwesen als Zweitwohnsitz behalten – für die Ferien. Leben wollen sie dort nicht mehr oder können es nicht, mangels Arbeitsmöglichkeiten.

Die Hoffnung

Das sei nicht nur hier, in Cambon, sondern im ganzen ruralen Frankreich, habe man mit diesem Problem zu kämpfen, sagt Marie Casares dem Besucher aus Deutschland. Sie listet die Fakten trocken auf, ohne Emotionen. Erst als es still wird und sie das Gespräch neu aufnimmt – "Wie kommen die Jüngeren dazu, dass sie sagen: Ich will mir von einem Haus nicht mein Leben blockieren lassen?" – lässt sie ihre tiefe Traurigkeit über die gegenwärtigen Zustände spüren.

Aber sie gibt nicht auf, sagt sie. Cambon sei den Kampf, der zu ihrer Lebensaufgabe geworden ist, wert. Rettung verspricht sie sich vom Tourismus. Und dafür hat sie besondere Angebote. Naturnah. Übernachten in einem Wagen auf einer Anhöhe, mit einem dieser Ausblicke, die den Horizont, die Lungenflügel und die Lebensgeister erweitern.

(Bild: Foto: Copyright Eric Brendle, herault-tourisme.com)

Der Tourismus hat sich verändert, sagt mein Begleiter. Er muss es wissen. Ich kenne ihn seit vierzig Jahren. Damals hab ich in Montpellier studiert und er war Radiojournalist. Mittlerweile arbeitet er im Tourismus.

Das "Dogma der Sonne", die Urlaube an Strand und Meer, die seit den 1950er Jahren als Paradigma der schönsten Zeit des Jahres propagiert wurden, seien nicht mehr alleingültiges Ferienglück. Jetzt entdecke man ein anderes Verhältnis zum Land und zur Natur, andere Begegnungen und andere Gefühle.

Dafür bieten sich andere Jahreszeiten zum Aufbruch an und andere Arten des Reisens.

Genaue Informationen zu Anfahrten, Touren, Übernachtungsmöglichkeiten und Radwegen finden sie bei herault-tourisme, auch auf Deutsch.

Dieser Text erschien auf Telepolis erstmals am 19. Dezember 2025.