Fußball-WM 2026: Der DFB ringt nach Antworten – Frankreich liefert

Trump mit Käppi und Infantino mit WM-Pokal

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Frankreichs Talentförderung wird zum Maßstab für den deutschen Fußball. Dazu: Trumps Eingriff bei der Fifa und Probleme für Gianni Infantino. WM-Blog – Folge 13.

"Nimm doch das Tempo nicht raus! Bleib doch in der Dynamik!"

Manuel Baum während des Viertelfinales zu den Marokkanern

Die "Gallier" gegen die "Löwen vom Atlas", am Dienstag schon "Gauchos" gegen "Pharaonen" und morgen dann die "Three Lions" mit "Gentleman Kane" gegen die "Wikinger" aus Norwegen mit "Dämon" Haaland – die Fußball-WM verführt Journalisten auch zu comichaft-bizarren Namensgebungen.

Einer wird scheitern im jetzt begonnenen Viertelfinale, davon muss man ausgehen: in einem von vier Spielen wird ein Favorit straucheln – so ist es sehr oft, so war es auch 2022 (mit Brasilien und Portugal) und 2018 (wieder Brasilien).

Vorher hätte man gedacht, vielleicht trifft es Frankreich gegen Marokko. Im Nachhinein war das eine absurde Vermutung. Marokko hatte keine Chance und hätte sie wohl auch nicht gehabt, wenn es härter und böser gegen die équipe tricolore gespielt hätte.

Gianni Infantino: ein Trauerkloß mit Teflonhaut

"Die Dämonen laufen sich gerade erst warm", titelt die Süddeutsche Zeitung am Donnerstag und meint keineswegs den norwegischen Stürmer-Star Erling Braut Haaland. Stattdessen behauptet Thomas Kistner im Text etwas optimistisch, "die Fifa und ihr Präsident Infantino geraten in die Defensive". Der Fifa-Boss ähnele derzeit einem "graugesichtigen Trauerkloß, der mit hängenden Mundwinkeln aufs Spielfeld starrt".

Vielleicht ist der Mann einfach nur müde. Aber dass Infantino zuließ, dass ein Anruf des US-Präsidenten eine zur Aufhebung der Rot-Sperre eines US-Stürmers führte, dürfte ihm noch Schwierigkeiten bereiten. Von Anzeigen ist die Rede, die Ethikkomitees laufen sich warm. De bisherige Erfahrung zeigt allerdings, dass an Infantinos Teflonhaut solche Dinge abperlen.

Schwieriger sind die Folgen des Trump-Eingriffs ins Fifa-Regelwerk: Jetzt fluten nämliche nachträgliche Korrekturanträge anderer Verbände die Schreibtische der Fifa: Briten und Franzosen beschweren sich, besonders aber die Ägypter, die sich über die komplette Spielleitung des Achtelfinales gegen Argentinien beschweren.

Nun ist allerdings gerade der ägyptische Fußballverband einer der korruptesten in der allemal nicht sehr demokratisch und transparent agierenden arabischen Sportszene. Und die Spuckattacken des ägyptischen Trainers gegen den inkriminierten Spielleiter und argentinische Fans hat der Angelegenheit auch nicht gerade geholfen.

Wer Weltmeister werden will, muss durch die Hölle gegangen sein

Das Foul der Ägypter war natürlich kein Grund, nachträglich deren Tor zu annullieren, das Foul der Argentinier aber auch später kein Grund deren Tor abzupfeifen. Jetzt glauben viele, die vorher skeptisch waren, an Argentinien.

Und tatsächlich: Eine Mannschaft, die Weltmeister werden will, muss normalerweise eine Krise überstanden haben, einmal durch die Hölle gegangen sein, ein schweres Spiel gehabt und der Gefahr einer Niederlage ins Auge geschaut haben - und diese überwunden.

Das ist bisher Spanien nach nicht vergönnt gewesen, und auch nicht den Franzosen. England und Argentinien haben solche Situationen schon meistern müssen.

Erfolgreichste Ausbildung in Frankreich

99 Fußballer in den Teams der WM sind in Frankreich geboren, das damit das Land mit der erfolgreichsten Ausbildung ist, 67 in den Niederlanden, mit immerhin 50 in Deutschland geborenen Spielern steht Deutschland in dieser Statistik auf dem dritten Platz.

Diese Zahlen legen verschiedene Hypothesen nahe: Tatsächlich verweisen sie auf die Qualität der Talentförderung, die offenbar in Deutschland weniger schlecht ist, als sie jetzt nach dem frühen deutschen Ausscheiden dargestellt wird.

Frankreich verfügt mit seinem inzwischen berühmten Leistungszentrum Clairefontaine, den Nachwuchsakademien der Profiklubs und einem dichten Netz an Scouts über eines der weltweit erfolgreichsten Ausbildungssysteme. Selbst Kritiker der französischen Verbandsarbeit bestreiten diesen Punkt kaum.

Daneben spielt aber die Tatsache eine große Rolle, dass in Frankreich geborene Spieler oft aus früheren französischen Kolonien stammen und aufgrund ihrer Eltern oder Großeltern die Staatsangehörigkeit eines weiteren Landes besitzen und leichter wählen können. Die Entscheidung für ein anderes Land ist dann oft keine gegen Frankreich, sondern für die eigenen sportlichen Chancen.

Auch Deutschland ist faktisch ein Einwanderungsland

Dass Deutschland so gut dasteht, ist bemerkenswert, denn Deutschland hatte historisch zwar Einwanderung durch Gastarbeiter, Spätaussiedler und Flüchtlinge, aber keine mit Frankreich oder den Niederlanden vergleichbare Kolonialgeschichte.

Das spricht zunächst dafür, dass die Bundesliga und die Nachwuchsleistungszentren (NLZ) mit systematischer Talentförderung viele Spieler hervorgebracht haben, die internationales Spitzenniveau erreichen. Auch Deutschland ist faktisch ein Einwanderungsland – unabhängig vom eigenen politischen Selbstverständnis und ideologischen Vorurteilen der Gesellschaft gegen diesen Begriff.

Viele WM-Spieler, auch in der deutschen Mannschaft, haben türkische, bosnische, kroatische, afrikanische oder andere Wurzeln.

Trotzdem müsse sich die Fußballausbildung in Deutschland radikal ändern, erklärt FC Augsburg-Trainer Manuel Baum auf Magenta:

"Wir trauen uns nicht, klare Vorgaben zu machen. Wenn man sich für irgendetwas entscheidet, muss man sich auch gegen etwas entscheiden. Was man in Marokko und in Frankreich sehen kann, ist, dass der Verband ganz klar vorgibt, wie gespielt werden muss. Punkt. Im Alter von elf bis 15 kommen alle Top-Talente nach Paris ins Clairefontaine, und es hat da keiner etwas mitzureden, das wird so entschieden."

Diese Debatte um Deutschlands Fußballzukunft rollt jetzt erst gerade an und wird mit der Berufung Jürgen Klopps zum Bundestrainer Fahrt aufnehmen.

Klopp: "Das macht wirklich Spaß zuzugucken."

"Frankreich steht für das Vermischen, deshalb bin ich heute für Frankreich", erklärte eine in den USA lebende Französin mit tunesischen und marokkanischen Wurzeln in der ARD vor dem Spiel. "Wir mögen uns wirklich", sagt sie, "es ist keine Feindschaft."

Von Frankreich lernen, heißt siegen lernen. Meistens. Von Marokko lernen, heißt zu lernen, wie man mindestens ins Viertelfinale kommt.

Trotzdem es eines der langweiligsten Spiele der diesjährigen WM war, mit dem Frankreich zum dritten Mal hintereinander ins Halbfinale vorstieß, gab es viel zu sehen und zu lernen: Es war ein langsames, statisches Spiel der Franzosen, die keine klaren Abläufe und Hierarchien erkennen ließen – weil sie es angesichts ihrer spielerischen Genies auch nicht brauchen.

"Frankreich hatte keinen Rhythmus", räumte auch Klopp ein.

Die deutschen Tugenden hätten Deutschland nicht gerettet

Was man auch erfuhr: Während die Deutschen in ihren vier Spielen auf 74 Prozent Ballbesitz kamen, haben die Franzosen einen Schnitt von unter 60 Prozent. Frankreich sei 2018 auf eine ganz andere Art Weltmeister geworden, als sie heute spielen, veranschaulichte der designierte Bundestrainer Jürgen Klopp auf Magenta:

"Damals Ballbesitz-Fußball, heute spielen sie mit fast nur neuen Spielern gegen den Ball. Sie haben eine eigene Fußball-Idee kreiert und das macht wirklich Spaß zuzugucken."

Daran ist zu sehen, dass es nicht die deutschen Tugenden sind, die Deutschland vor dem frühen Ausscheiden gerettet hätten, sondern ein höheres Konzentrationslevel und höhere technische Fertigkeiten, vor allem auch Automatismen der Spieler.

Der deutsche Ballbesitz-Fußball war vorhersehbar, fehleranfällig und erzeugte gegen kompakte Gegner wie Ecuador, Paraguay und die Elfenbeinküste nur wenige Chancen.

Da darf man auf den Pressing- und Umschaltfußball hoffen, den Jürgen Klopp und Ralf Rangnick praktizieren, der auf schnelle Ball(rück)eroberung setzt. Rangnick und Klopp wollen den Ball möglichst schnell in gefährliche Räume bringen und den Moment nach der Balleroberung ausnutzen. Ballbesitz ist für sie eines unter mehreren Werkzeugen – nicht wie für Nagelsmann Dogma und das eigentliche Spielziel.

Glaube-Liebe-Hoffnung, also Religion, was sonst? Der Himmel ist wie immer weißblau, die Hölle wäre: England siegt gegen Frankreich. Aber bis dahin müssen die "Three Lions" durch "Walhalla".