Fußball-WM 2026: Marcel Reif schießt gegen Nagelsmann: "Nervenkostüm hat Risse"

Fassungslose deutsche Fußballfans

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Vor dem Paraguay-Spiel kritisiert Experte Marcel Reif Bundestrainer Nagelsmann scharf. Er wirft ihm mangelnde Einstellung der Elf vor. WM-Blog – Folge 09.

Vor dem wegweisenden K.-o.-Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Paraguay brennt im DFB-Lager die Luft. Nach der bitteren Niederlage gegen Ecuador steht Bundestrainer Julian Nagelsmann unter massivem Druck – und die Experten nehmen kein Blatt mehr vor den Mund.

Im Mittelpunkt: Nagelsmanns Kommunikation, die als erratisch und ungeschickt bewertet wird. Aber auch Nagelsmanns fachliche Entscheidungen werden zunehmend angegriffen.

Allen voran TV-Legende Marcel Reif, der elder statesman unter den deutschen Fußballexperten, rechnet schonungslos ab. Er setzte auf "Reif ist live" zu einem außergewöhnlichen Rant an, der an Trainer und Team kaum ein gutes Haar ließ: "Das Nervenkostüm des Bundestrainers hat offenkundige Risse", bockig und patzig trete Nagelsmann auf:

"Und rechts steht Jürgen Klopp und guckt peinlich beschämt nach unten."

Es sei nicht gelungen, einen Flow mitzunehmen, sagte Reif, der gegen Ecuador "ein erschreckend schlechtes Spiel" gesehen hat.

"Wir sehen, dass es in dieser Mannschaft Problemfelder gibt, und zwar mehr als eigentlich gesund ist, wenn man höhere Ziele haben will bei dieser WM."

Das Ganze sei schlechter bei der deutschen Nationalmannschaft als die Summe der Einzelteile.

"Das passiert nicht in den Beinen, sondern im Kopf"

"Du kannst nicht einfach sagen: Wir sind Deutschland und wir werden hier Weltmeister."

Lukas Podolski, 26.6.26

"Abspielfehler, technische Fehler, das passiert nicht in den Beinen, sondern im Kopf", die Mannschaft sei nicht konzentriert, glaube nicht an das Konzept – "Nagelsmann kriegt die Truppe nicht hin", so die Tirade Reifs.

Musiala habe "nicht stattgefunden... Kinderfussball gespielt".

Er habe nur dieses Spiel gesehen, sagte Reif.

"Und ich habe keine Lust mehr zu erzählen, dass das alles prima war. Irgendwann ist dann mal gut."

Und weiter:

"Das, was (…) passiert ist, das war die falsche Einstellung. Es ist nicht gelungen und dafür ist auch der Bundestrainer zuständig dieser Mannschaft die Einstellung zu vermitteln."

Der Bundestrainer benehme sich in der Öffentlichkeit "wie ein kleines bockiges Kind", lästerte auch Ex-Nationalspieler Markus Babbel in seiner "Brandrede" im Sport-1-"Doppelpass".

"Er handelt kommunikativ übersprungsmäßig"

Bei 11 Freunde ging es vor allem um die Medienauftritte Nagelsmanns. "Man könnte als deutsche Mannschaft dieses Spiel viel besser abmoderieren", so Mia Guethe im "Themenfrühstück". Ein "Kernproblem" des aktuellen Bundestrainers sei, "egal, was für Kritik kommt, er tut sich unfassbar schwer damit, sie in irgendeiner Form konstruktiv aufzufassen – er handelt kommunikativ übersprungsmäßig. Reflexartig widerspricht er einfach".

Vor allem stelle es Nagelsmann immer so dar, als habe er ohnehin immer schon kapiert, was genau das Problem ist, während alle anderen es überhaupt nicht kapieren: "wenn wir etwas dazu sagen, ist das eh Quatsch – diese Art zu kommunizieren ist natürlich dann ein Problem, wenn die Ergebnisse nicht stimmen".

Auch Calcio Berlin findet die Schuld an der Niederlage gegen Ecuador und der miserablen Form der deutschen Mannschaft beim Bundestrainer: "Nagelsmann ist sehenden Auges in die Probleme gelaufen, die er jetzt hat. (...) Der muss reagieren. Du machst dich ja lächerlich!"

Wer sei denn für Stimmung und für den Siegeswillen der Mannschaft verantwortlich? fragt Pit Gottschalk ("fever pitch") nur rhetorisch und gab die selbst die Antwort:

"Jemand lebt das ja vor, und da sehe ich dann schon den Herrn Nagelsmann in der Pflicht – da muss er jetzt liefern und mit so ein paar Plattitüden kommt er nicht aus der Nummer raus. Du kannst machen, was du willst, du musst halt nur gewinnen, darum geht es bei einer WM. Wenn du eins zu zwei verlierst, bist du in Erklärungsnot."

Schon heute Abend gegen Paraguay droht das Ausscheiden. "In dieser Form müssen wir damit rechnen", so Gottschalk.

Sind die Medien schuld?

"I′m going where sore losers go/ To hide my face and spend my dough

Though it's a dream, it′s not a lie/ And I won't stop to say goodbye

Paraguay, Paraguay

See, I just couldn't take no more/ Of whipping fools and keeping score

I just thought, 'Well, fuck it man/ I′m gonna pack my soul and scram'

Paraguay, Paraguay"

Iggy Pop

Ist es nun allein der deutsche Medienbetrieb, der eine an sich herausragende Mannschaft mutwillig schlechtredet, ist man in Deutschland – wie viele Deutsche selbst meinen – immer besonders negativ und übertrieben kritisch?

Ist es eigentlich nur diese fehlende Unterstützung durch eine mit sich hadernde, von Wokeness geschwächte Nation, die bei den letzten zwei Weltmeisterschaften mit unangemessener Kritik und Regenbogenbinden die sicheren deutschen Titel verhindert hat?

Diesen Eindruck kann man jedenfalls bekommen, wenn man manche deutschen Diskussionen verfolgt und etwa die Einlassungen der – übrigens halbitalienischen – Springer-Kolumnistin Valentina Marceri hört, die im Sport1 Doppelpass behauptet, fehlender Nationalstolz trage Schuld an deutschem Fußball-Versagen.

Debatten über Fußball sind Debatten über Hoffnungen und Träume

Viele Fans, nicht nur Fußballfans, lieben eine Fußball-WM, -EM oder Olympische Spiele auch genau dafür: Einige Wochen lang bewegt man sich real wie medial auf einer Art Raumschiff in einer eigenen Umlaufbahn, mit eigenen Gesetzen und Problemen.

Politische Ereignisse, Krisen, Kriege, Inflation und andere Sorgen sind für diese Zeit einmal in die zweite Reihe gerückt. Es mag sich dabei um Verdrängung und Eskapismus handeln, es ist aber auch psychologische Notwendigkeit.

Debatten über Fußball sind nie nur Debatten über Fußball. Sie sind immer auch Debatten über die Selbstverständigung einer Gesellschaft. Fußball ist eines der letzten Lagerfeuer. Hier sitzen alle und reden miteinander: Alle Klassen, alle politischen Lager, alle Geschlechter.

Fußball ist nur der Anlass, aber nicht das eigentliche Thema. Das eigentliche Thema sind Haltung, sind Herangehensweisen, sind Offenheiten, sind Ästhetik und Ethik, sind Geschmack und Begehren und Gelüste, sind Hoffnungen und Träume.

Darin, im Management der Erwartungen, liegt die Verantwortung einer Nationalmannschaft und ihres Trainers, und dieser Verantwortung werden Team und Nationaltrainer zurzeit nicht gerecht.

Die Wehleidigkeit der deutschen Mannschaft

Die Wehleidigkeit der deutschen Spieler, des Trainers und des Umfelds, auch von Teilen der Medien ist vielleicht eher das "typisch deutsche" als die Kritik – man sollte sich mal anschauen, wie etwa in England oder Spanien oder den Niederlanden über die eigene Mannschaft gesprochen und berichtet wird.

Die Fans mögen bei deutschen Toren das Lied des Major Tom singen: "Völlig losgelöst/ von der Erde/ fliegt das Raumschiff/ völlig schwerelooooos."

Für die Unterhaltungstruppe, die in der medialen und fußballerischen Arena liefern und die Voraussetzungen schaffen muss, geht dies alles allerdings nicht, und schon gar nicht für einen Bundestrainer.

Doch auch Julian Nagelsmann befindet sich dieser Tage offenbar in seinem eigenen Orbit. Er stellt sich als Trainer dar, der bei Problemen nur Ausreden hat, der sich in vielen Spielen in unwürdige Streitereien und Meckereien mit den Schiedsrichtern verbeißt, der augenscheinlich nicht mit Anstand verlieren kann. Nach dem Viertelfinal-Aus bei der EM 2024 sprach er von einer Weltmeistertitelphase:

"Dass man zwei Jahre warten muss, dass man Weltmeister wird, tut weh."

Er ist ein Trainer, der noch nach Wochen immer nur von einem nicht gegebenen angeblich klaren Elfmeter im EM-Viertelfinalspiel 2024 gegen Spanien redete – wobei überhaupt nicht klar ist, dass dieser Elfmeter dann verwandelt worden wäre, und Deutschland unter Umständen das Spiel gegen Spanien gedreht hätte.

Lukas Podolski : "Vielleicht ist auch mal gut, auf die Fresse zu kriegen"

Was muss sich bei der deutschen Nationalmannschaft ändern, damit sie am Samstag überhaupt gegen Frankreich antreten?

Sie müssen komplett das ganze System umstellen, meint der Autor dieser Kolumne: Raum und Goretzka rein, Kimmich in die Mitte. Wirtz und Sané raus, Amiri rein.

Lukas Podolski hat recht im Gespräch mit Toni Kroos:

"Du kannst nicht einfach sagen, wir sind Deutschland und wir werden hier Weltmeister. Vielleicht ist auch mal gut, auf die Fresse zu kriegen und zu sagen, jetzt komm mal runter."

Auch Kroos weiß:

"Es war ein Spiel, das wir schon nicht verdient hatten zu gewinnen. Wir müssen jetzt wirklich anfangen, besser Fußball zu spielen. Wir konnten mit schlechten Spielen trotzdem gewinnen – das hat sich geändert."

Österreichs Achterbahnfahrt: "Bist du deppert!!!"

Auch ansonsten gibt es viel Gesprächsstoff: Österreichs Achterbahnfahrt der Gefühle endete mit einem Last Minute Showdown und einem sagenhaften "Bist du deppert!!!" (Das Video zu diesem "historischen Moment" ist leider nicht mehr verfügbar).

Jetzt warten die Spanier. Spaniens Minimalismus wird sie weit bringen, aber nicht bis zum Titel. Und Argentinien, an die immer noch keiner glaubt, behält seine Seelenruhe. Schließlich passt es zum Iran, dass er ungeschlagen nach Hause fährt. Die Wagenburg hat in jeder Hinsicht gehalten.