Fußball-WM 2026: Spaniens Fußball verzaubert – das ZDF redet ihn kaputt
"...fühlt sich aber nach einer ganzen Wand an". Der ZDF-Kommentator über Marc Cucurella. Bild vom EM-Endspiel 2024: Shutterstock.com
Gebühren zahlen, Phrasen hören. Während Spanien gegen Frankreich Fußballkunst zeigt, liefert das ZDF einen Kommentar voller Phrasen. WM Blog – Folge 15.
Die vier Favoriten vor Turnierbeginn haben sich bis ins Halbfinale durchgesetzt. Die vier Mannschaften, "welche die schlechtesten Quoten hatten in den ganzen Wettbuden", wie es Chris Kramer im ZDF treffend ausdrückte.
War das Halbfinale zwischen Frankreich und Spanien nun ein vorweggenommenes Endspiel?
Keineswegs! Für Spanien-Fans war es zwar ein wunderbarer Abend, aber auch ein Abend voller Demut und Dankbarkeit für etwas nicht Selbstverständliches. Es begann in den ersten zehn Minuten ausgeglichen. Zwei sehr starke Mannschaften, die wenig Fehler machten, begegneten sich gegenseitig voller Respekt.
Auch die Nationaltrainer von Spanien und Frankreich hatten Gemeinsamkeiten: zwei reife, erwachsene Gentleman-Trainer. Sie hatten Haltung, Höflichkeit, sie meckerten nicht viel mit den Schiedsrichtern herum, trugen beide einen Anzug mit offenem Hemd.
All das fiel noch mehr im Kontrast zum Deutschen Nagelsmann ins Gewicht.
Die Hölle der Franzosen
Ein gewisses optisches Übergewicht für die Spanier war früh erkennbar, das aber auch daran lag, dass diese Ballbesitzmannschaft etwas stärker nach vorne ging.
Der Elfmeter für Spanien war sehr hart gegen Frankreich, denn er war zwar schon korrekt und regelgerecht, weil es ein Foul war, aber ganz offensichtlich kein Foul, das auch nur minimal beabsichtigt oder in Kauf genommen wurde. Einfach Pech.
Bemerkenswert war, dass die Franzosen mit der Situation nervlich irgendwie nicht umgehen konnten, dass sie zum ersten Mal mit echter Gegenwehr konfrontiert waren und zurücklagen. Zunehmend erschien Spanien dann unüberwindlich.
Für den französischen Trainer Didier Deschamps konnte es einem leidtun. Er verliert im Laufe des Spiels auch langsam die Fassung.
Man muss, um Weltmeister zu werden, einmal durch die Hölle gegangen sein. Und Frankreich hatte bislang keine richtigen Prüfungen gegen sich – an der ersten scheiterten sie zur Unzeit.
Nun kommt es in jedem Fall zu einem WM-Endspiel, das noch nie stattgefunden hat. Entweder zu einer Wiederauflage des letzten EM-Finales, das Spanien genau vor zwei Jahren, am 14. Juli 2024, mit 2:1 gegen Enlgand für sich entscheiden konnte. Oder zum Kontinentalduell, zur Begegnung der beiden besten Mannschaften des europäischen und des lateinamerikanischen Kontinents und insofern auch zum Duell zweier Fußballphilosophien: gegen die argentinische Mannschaft.
Phrasendrescher im ZDF
Im Kontrast zum Spiel fiel umso schwerer der peinliche Auftritt des ZDF-Kommentators Gari Pauband ins Gewicht. Pauband scheint ein Experte für banale Etikettierungen und falsche Metaphern zu sein. Auch wenn er absolut nichts zu sagen hat, muss er wie eine Sprechmaschine wirklich immer reden, und Phrasen dreschen.
So häuft er gewaltig viele Banalitäten aufeinander und sagt nur das, was man sowieso schon gerade gesehen hat, aber das oft falsch. Dass er die spanische Führung mit "Frankreich führt!" kommentierte, war noch lustig und schnell korrigiert, aber dass er Spanien zum "Einzug ins EM Finale" gratulierte, war zuviel des Schlechten.
"Wo ist nur Frankreichs Durchschlagskraft?", fragte er in der 55. Minute, und wiederholte das noch zweimal, anstatt zu erklären, warum sich die Franzosen mit diesem Gegner schwerer taten.
Pauband schwafelte vom "der schwächste Auftritt Frankreichs", dabei war es vielleicht einfach der stärkste Gegner, auf den Frankreich getroffen ist. Insofern muss man sagen "Frankreich wurde entzaubert von den Spaniern".
Dann irgendwann: "Cucurella ist nur eine Person, fühlt sich aber nach einer ganzen Wand an". Vorher hatte er schon die Haare des Abwehrgenies dafür verantwortlich gemacht, "dass er den Angreifer des Gegners nicht sehen konnte".
Der ZDF-Spaßvogel könnte einen guten Kabarettisten abgeben, als Sportreporter wirkte er wie eine totale Fehlbesetzung.
Spanien ist ein Fußball-System
Es war eben nicht nur eine defensive Glanzleistung, sondern natürlich auch eine sehr gute Mittelfeld- und Offensivleistung der spanischen Mannschaft.
Das rückten dann vor allem Christian Streich und Chris Kramer gerade: Spanien ist ein Fußball-System, und das produziert offensichtlich Titel. Auch bei den U19, die am Samstag gegen Deutschland gewannen, wie auch bei den Frauen. Spanische Trainer standen als Trainer beider Vereine im Champions League-Finale – Mikel Arteta für den FC Arsenal London und Luis Enrique für PSG Paris, so wie übrigens Argentinier die Hälfte der lateinamerikanischen Nationen trainieren.
ZDF: Peinliche Paukenschläge von Pauband
Mit Pauband geht es auch anderen so: "Wenn du sprichst, bluten die Ohren der Götter", spottete FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube kürzlich in einem wunderbaren Kommentar über die ZDF-Plage: "Du aber, Gari Paubandt, bist schrecklich, es fürchten dich die Götter."
"Ein schneller Stürmer hat bei dir 'flinke Beine'. Läuft er mit ihnen los, und es stellt sich ihm niemand entgegen, hat er 'viel Wiese vor sich . . . ach, doch nicht mehr', denn so viel Wiese war es gar nicht. Du sagst nicht 'der Schiedsrichter lässt das Spiel laufen', du sagst 'selten wurde eine Pfeife seltener benutzt'. Selten seltener, das ist schon fast am seltensten.
Ein guter Spieler ist für dich, Poet, 'einer, der durchaus zu gefallen weiß'. Was liegt nicht alles in solchem Durchaus! Bei dir, jedwedes Ding Ausschmückendem, findet ein Wechsel nicht einfach statt, vielmehr wird Algerien gleich 'einen Wechsel vollführen'. ...
Läuft einer einem anderen ins Kreuz, findest du, Herr der scherzhaften Metapher, 'Rodriguez hat sich als Rucksack versucht'. Der Ball ist für dich gern 'das Spielgerät'. Merkwürdig darum dein Satz: 'Wenn der Ball sauber getroffen wird, dann kann's hier direkt klingeln.' Wurde denn nicht 'das Spielgerät' unsauber getroffen? Die Algerier sind für dich 'die Wüstenfüchse'.
So fließt die Rede aus deinem Mund, erlaube uns ein altes Bild, 'wie Limonade aus dem Schlund des Raben' (Walter Benjamin)."
Jürgen Kaube, FAZ
Andere formulierten einfach "schlimmer als Claudia Neumann", was für Fans eine Art Todesurteil ist, im Netz liest man "was für ein inkompetenter Kommentator!" "Man kann dieses Gerede kaum ertragen", "Was dieser Kommentator an selbstverliebtem, sprachlichen Nonsens abliefert, kann nicht mehr überboten werden. Grauenhaft!"
Fiesta gegen Religion
"Der Messias wird erst kommen, wenn er nicht mehr nötig sein wird, er wird erst nach seiner Ankunft kommen, er wird nicht am letzten Tag kommen, sondern am allerletzten."
Franz Kafka, am 4. Dezember 1917 in seinem Tagebuch
Wären die Öffentlich-Rechtlichen nun die einzigen, die Fußball übertragen, könnten sie sich solch ein Versagen noch erlauben. Aber sie haben eine starke Konkurrenz mit Magenta TV, die sowieso die Öffentlich-Rechtlichen insofern in den Schatten stellten, weil sie alle Spiele übertragen.
Es ist unverständlich, dass man einerseits Gebühren bezahlt, andererseits nicht alle Spiele zu sehen bekommt, während man bei Magenta die Gebühren bezahlt und dann wirklich auch alle Spiele sehen kann, und das auch Wochen später in der Mediathek, die sich ARD/ZDF auch zu großen Teilen eingespart haben. Solange die Öffentlich-rechtlichen dann wenigstens die besseren Kommentatoren auffahren, wäre das vielleicht noch auszuhalten.
Bei der WM 2026 zeigte sich, dass die Kommentatoren aber fast durchweg schwach sind. Nur die Experten können dies wettmachen, und sie werden oft nicht gut genug eingesetzt. Aber bis auf Oliver Schmidt im ZDF und Tom Bartels in der ARD, fiel es einem fußballinteressierten Menschen schwer, irgendeinem der Kommentatoren länger zuzuhören.
Warum sympathisiert der Autor dieses Textes mit Spanien und Argentinien? Spanien spielt, wenn alle Spieler gesund sind und an guten Tagen, einen nahezu perfekten Fußball. Dann geben sie ihrem Gegner keine Chance, machen ihn nieder, wie vor einem Jahr, an dem Spanien gegen Frankreich 5:4 gewann, und lange schon 5:1 geführt hatte. Spanien kann begeisternd und bezaubernd spielen, wie bei der Europameisterschaft 2024.
Argentinien ist das Gegenteil. Fußball ist da vor allem Willenskraft, nicht Leichtigkeit, es ist Verstand und bewundernswerte Kälte, wie sonst oft bei italienischen Mannscahften; Fußball ist aber bei ihnen auch leidenschaftlicher Kampfgeist. Fußball heißt hier nie aufgeben – es sind die Abenteuer und Achterbahnfahrten, die man immer mit dieser Mannschaft erlebt. Und natürlich die Tatsache, dass ein Genie wie Lionel Messi im Zentrum ist und früher Maradona.
In Spanien ist Fußball ein Freizeitvergnügen, eine große Fiesta, es ist, wie am Nachmittag in eine Ausstellung moderner Malerei zu gehen und dann zum Stierkampf und in beiden Fällen einfach die Kunst zu bewundern, und dann gut Essen und Trinken. Es ist diese Verbindung aus Kunst und Fiesta, aus Stil und Form und Spaß zu einer mediterranen Lebenskunst.
In Argentinien ist Fußball eine Religion. Es ist eine total ernste, aber auch eine leidenschaftliche Angelegenheit, sie entscheidet darüber, ob die Nation glücklich ist oder unglücklich, und die Argentinier haben, als sie 2022 Weltmeister wurden, gefühlt vier Jahre lang gefeiert. Sie feiern jetzt weiter, sie werden wahrscheinlich sogar feiern, wenn sie heute Abend gegen die Engländer ausscheiden, aber gleichzeitig werden sie unglaublich traurig sein.
Und dann ist da ja noch die Chance, dass sie ins Finale kommen und dass sie vielleicht sogar gegen Spanien gewinnen. Nichts ist unmöglich, das weiß man in Argentinien. Und alle Erfahrungen, besonders all die Leidenserfahrungen, die die Europäer in den kommenden Jahrzehnten noch machen werden, die haben die Argentinier schon gemacht.