Fußball-WM-Finale: Spanien siegt, die ARD patzt, Hollywood übernimmt

Spanische Spieler mit einem Pokal - allerdings dem EM-Pokal von 2024. Die Spieler -  Pedri, Torres und Gavi sind Teil der goldenen Generation, die jetzut das WM-Finale gewonnen hat.

Das Gesicht einer neuen Ära: Pedri, Ferran Torres und Gavi feiern den EM-Titel 2024. Zwei Jahre später krönten sie sich auch zu Weltmeistern. Archivbild: Shutterstock.com

Spanien wird verdient Weltmeister. Das ZDF überzeugt, die ARD patzt – und die Fifa macht den Fußball zur unerträglichen Show. WM-Blog, Folge 17.

Manchmal siegt der Kopf und nicht der Bauch. Absolut verdient ist die beste Mannschaft des WM-Turniers Weltmeister geworden. Das spanische WM-Team ist ein würdiger Nachfolger der Goldenen Generation Iniesta und Xavi und Ramos, die 2010 Weltmeister wurden.

Erst zum dritten Mal nach 2010 und 2014 wurden damit Europäer außerhalb Europas Weltmeister.

Mit der spanischen Mannschaft hat die Zukunft über die Vergangenheit gesiegt. Spanien könnte noch über viele Jahre praktisch unschlagbar sein, sie werden weitere Titelchancen bekommen. Während Lionel Messi hier seine vermutlich letzte Titelchance hatte.

Argentinien wird nun für die Zeit nach Messi planen müssen und auch für die Zeit nach der "Generation Messi".

Widerlegt wurden mit dem Ergebnis auch alle Verschwörungstheorien, nach denen die FIFA und "die jüdische Lobby" oder "Israel" einen Sieg Argentiniens wünschten und durch parteiische Schiedsrichter abgesichert hätten.

Das Ergebnis war ein Erfolg des Kollektivs, wie schon das ganze Finale.

Die zwei taktisch besten Mannschaften

"Es ist ein wunderbares Finale", sagte ZDF-Experte Christian Streich schon gleich zu Beginn der ZDF-Übertragung:

"Es sind die zwei taktisch besten Mannschaften, die zwei Mannschaften, die mich am meisten überzeugt haben von der Intensität und von der fußballerischen Qualität her."

Damit hatte Streich elegant auch das Urteil gesprochen über das Spekatakel um den dritten-Platz, dessen "Tralala und Hoppsassa"-Fußball (Marcel Reif) man wie dem 6:4 Eishockey-Ergebnis anmerkte, dass es beiden Teams um gar nichts mehr ging; allenfalls darum, Kylian Mbappé soviel Tore und Scorer-Punkte zu verschaffen, dass Lionel Messi im Finale keine Chance mehr auf den Torjäger-Titel hatte – die kleine süße Rache der Engländer an ihrer Nemesis.

Argentinien geriet zu spät in Rückstand, um das Spiel zu gewinnen

Finale bei Weltmeisterschaften sind immer schwierige, von Taktik und Vorsicht dominierte Spiele. Sechs der fünf letzten WM-Finale gingen in die Verlängerung. Insofern konnte niemand überrascht sein, dass es kein üppiges barockes Fußballfest wurde; aber es war bis zum Ende ein spannendes Spiel. Argentinien geriet zu spät in Rückstand, um das Spiel zu gewinnen. Sie hätten mehr Zeit gebraucht, um zu Chancen zu kommen.

Aber natürlich kamen sie auch deswegen nicht zu Chancen, weil die Spanier ein perfektes Abwehrspiel aufgebaut hatten – nicht erst in diesem Spiel – und weniger zuließen, als die bisherigen Gegner der Argentinier, und nicht nur Messi weitgehend kaltstellten, sondern auch McAllister.

Spanien spielte schön, versuchte viel, hatte aber auch erkennbar viel und vielleicht ein bisschen zu viel Respekt vor Argentinien. Keine Angst, aber eine wahnsinnige Vorsicht, die den Spielern bestimmt auch von ihrem Trainer eingeschärft wurde.

Argentinien setzte eher auf ein Momentum und die Ermüdung des Gegners gegen Ende. Der Weltmeister schien sich zu sagen: Vielleicht klappt es, und wenn nicht, dann versuchen wir es im Elfmeterschießen.

Weil die Spanier dieses unbedingt vermeiden wollten, wurde es in der Verlängerung spannend, als Spanien offensiv einwechselte und sogar auf Spielmacher Rodri verzichtete. Zum Schlüsselspieler wurde wie beim EM-Sieg 2024 der offensive Linksaußen Nico Williams, der zunächst selbst das dann zu Unrecht aberkannte spanische Führungstor schoss und später die Kopfballvorlage zum Siegtreffer gab.

Argentinien begann zu früh mit Auszuwechslungen und hatte im letzten Drittel nichts zuzusetzen. Auch war es ein taktischer Fehler, zu Beginn der zweiten Halbzeit den Stürmer Gonzalez auszuwechseln. Das brachte Stabilität, aber schwächte die Offensive.

Parteinahmen der Medien und mancher Experten

Es ist falsch zu sagen, dass die Finalpaarung zwischen Spanien und Argentinien so extrem unerwartet war, wie es manche sogenannte Experten vergangene Woche schrieben.

Tatsächlich ist Argentinien zu Turnierbeginn der amtierende Weltmeister gewesen und Spanien nicht nur Europameister, sondern seit ungefähr drei Jahren ungeschlagen – wieso also sollte ein Finale für eine der beiden Mannschaften unwahrscheinlich sein?

Argentinien und Spanien spielten auch jeweils im Sechzehntel-Finale gegen den Zweiten der Gruppe des anderen. Nicht wie Deutschland, Frankreich oder England gegen Gruppendritte. Sie hatten keineswegs den leichteren Weg, eher im Gegenteil.

Da fragt man sich, was für Experten das sind, von welcher Expertise und von welchen Argumenten sie sich leiten lassen? Es scheint dann vielleicht doch eine allzu rosarote Sicht auf die französische Performance und auf die der Deutschen zu sein, oder auf die Kombination aus Kraft-Fußball und Star-Fußball, wie ihn neben Frankreich vor allem England repräsentiert.

Das wurde im Halbfinale zwischen England und Argentinien deutlich. Das Spiel war derart mitreißend, dass es verständlich war, dass nicht alle auch unmittelbar nach dem Spiel schon auf Ballhöhe waren.

Doch für den leider in diesem Fall allzu parteiischen Kommentator Tom Bartels von der ARD gibt es keine Rechtfertigung, wie überhaupt die ARD ihrer schwachen und halbherzigen WM-Berichterstattung in diesem Jahr, die nur Bastian Schweinsteiger als Experte ein wenig ausgleichen konnte, in ihrer letzten Folge eine Krone aufgesetzt hat.

Von den 30 Minuten, die zur Vorberichterstattung für ein WM-Halbfinale überhaupt gerade noch geblieben sind, waren zwei Drittel für die Lobpreisung der englischen Nationalmannschaft aufgewandt worden, mit Interviews.

Geld hilft

Das ZDF machte es wieder einmal viel besser: Der erwähnte Christian Streich in Berlin, die Paarung Per Mertesacker und Christoph Kramer vor Ort berichteten ausgewogen – und leidenschaftlich.

Geld schießt vielleicht keine Tore, aber manchmal hilft es. Vier der acht teuersten Mannschaften der WM erreichten die Halbfinale. Die spanische Mannschaft ist 1,2 Milliarden Euro wert, die argentinische nur 808 Millionen. Die beiden Mannschaften, die die Halbfinalpartien verloren, sind teurer: Die französische Mannschaft ist 1,5 Milliarden, die britische 1,4 Milliarden Euro wert.

Die Überraschungen kamen nicht überraschend

Tatsächlich ist diese Weltmeisterschaft somit eine WM der wenigen Überraschungen gewesen; am ehesten kamen das deutsche und das frühe brasilianische Ausscheiden unerwartet.

Natürlich hatte man von Brasilien mehr erwartet, von Deutschland auch, aber natürlich war auch klar, dass einige der afrikanischen Mannschaften und besonders Marokko stark sind, dass Japan, die Schweiz und Kolumbien und sogar Norwegen gut für Überraschungen sein würden – also gar nicht so überraschend.

Gab es Fußballinnovationen? Nicht viele. Von den häufigeren Weitschüssen war die Rede, und von den Auswirkungen der neuen Regeln.

Ansonsten war eher das Drumherum neu – und hier ist noch offen, ob die Amerikanisierung, besser Hollywoodisierung des Fußballs, inklusive der Einflussnahme des US-Präsidenten, eine Ausnahme bleiben oder zur Regel werden werden, wenn die WM in den Emiraten, undemokratischen Königreichen und anderen Diktaturen stattfinden wird.

Die Show ist das Ereignis

Die Show an sich war bereits das Ereignis. Ob mit Tom Cruise oder Madonna, Shakira oder Robbie Williams und all den anderen hochgradig geschmacklosen Showacts, die bereits vor Beginn zum schlechtesten Nationalhymnengesang aller Weltmeisterschaftsspiele führten.

Wie beim Super Bowl ging dem auch noch die US-Hymne voraus und die geschmacklose Fifa-Hymne – als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die Fifa ein eigener Staat ist, und sich auch so benimmt.

Co-Gastgeber Mexiko und Kanada fanden am Ende gar nicht mehr statt – ein trauriger Vorgriff auf die Sechs-Staaten-WM in vier Jahren.

Insgesamt war die Vorab- und die Halbzeit-Show grottig und riss keinen Fußballfan der Welt mit. "Das ist unsere neue Welt", sagte Christoph Kramer. Das ist letztlich nicht entschieden, vor allem aber eine unangemessene Identifikation mit dem Aggressor.

Der Fußball wird in seiner Schönheit selbst diese niederträchtigen Rahmenbedingungen überleben. So wie die Zeit nach Gianni Infantino in diesem Sommer begonnen hat, auch wenn Infantino selbst es noch nicht weiß.