KI-Boom ohne Plan: So zerfasern Projekte in Unternehmen
Der KI-Einsatz wächst rasant, doch vielen Unternehmen fehlt ein klarer Plan. Warum Einzelprojekte ohne gemeinsames Zielbild an Grenzen stoßen.
Der Ausbau der KI verläuft schneller als andere große Investitionszyklen, warnen Ökonomen. Torsten Sløk, Chefökonom beim Vermögensverwalter Apollo, vergleicht die Situation mit dem Immobilienmarkt vor dem Crash 2008 und warnt vor einer KI-Blase, sollte die Nachfrage nach der neuen Technik geringer ausfallen als erwartet.
Die Sorgen der Aktionäre nehmen viel Platz in der Berichterstattung ein. Von den Sorgen bei KI-Einführung in den Betrieben ist weniger zu lesen. Dabei verfügen viele Unternehmen über keine KI-Strategie. Manche Betriebe arbeiten an einer firmeneigenen KI, in anderen nutzen Beschäftigte generative KI eigenständig.
Viele Projekte entstehen derzeit eher zufällig – ein Fachbereich testet KI-Anwendungen, Softwareanbieter integrieren KI-Funktionen in bestehende Systeme. Die Vorgaben von Zeitungsredaktionen zeigen, wie unterschiedlich die Technik eingeschätzt wird.
Der Spiegel nutzt KI primär für Recherche und technische Unterstützung, während das eigenständige Texten durch KI untersagt ist. Die journalistische Verantwortung bleibt bei den Redakteuren.
"Die Spiegel-Redaktion nutzt intern freigegebene KI-Werkzeuge als Hilfsmittel, beispielsweise für eine Rechtschreib- und Grammatikprüfung, für Suchen im Archiv oder für Datenrecherchen. Wir lassen nicht KI unsere Arbeit bestimmen, redaktionelle Entscheidungen vorwegnehmen oder treffen."
Die Berliner Zeitung beispielsweise plädiert für einen offensiveren Umgang und warnt vor einer Blockadehaltung bei KI.
Warnung vor "KI-Blendern"
Die neue Technik gibt "Blender-Kultur" einen neuen Schub. "Während man früher für rhetorische Täuschung noch erheblichen Aufwand betreiben musste, genügt heute ein durchschnittlicher Prompt, um eine Projektpräsentation zu optimieren oder einen Lebenslauf zu glätten", warnt Reiner Straub, Herausgeber des Personalmagazins.
Nutzen Beschäftigte KI-Tools, um fachliche Mängel zu kompensieren, erfolgt eine mehrfache Täuschung.
"Zuerst täuscht sich der Anwender selbst: Er oder sie verwechselt die Eloquenz der Maschine mit eigener Kompetenz und verlernt die mühevolle Arbeit des strukturierten Denkens. Zweitens täuscht er oder sie die Empfänger, indem eine inhaltliche Tiefe vorgegaukelt wird, die Nachfragen nicht standhält. Und drittens verzerrt der intransparente KI-Einsatz den fairen Wettbewerb im Unternehmen: Sachkenntnis tritt zurück, Tooleinsatz wird entscheidend."
Reiner Straub
Dagegen helfen Schulungen im Einsatz mit KI. Wer sich auskennt, erkennt die Muster. "Die beste Antwort auf den KI-Blender ist nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Kompetenz", betont Straub.
KI-Zielbild gefordert
KI sollte nicht eingeführt werden, nur weil sie technisch möglich sei, fordert die gewerkschaftliche Technologie-Beratung TBS NRW. Jedes Unternehmen solle ein "KI-Zielbild" haben, durch das unterschiedliche Erfahrungen zusammengetragen werden. So soll ein "gemeinsamer Kompass" entstehen, damit Geschäftsführung, Beschäftigte und IT einen gemeinsamen Weg finden.
Die zentrale Frage lautet nicht: "Welche KI müssen wir einführen?", sondern sollte sein: "Wo kann KI uns helfen, Arbeit besser zu machen?" Die Zielsetzung kann von Bereich zu Bereich unterschiedlich sein:
"In der Verwaltung kann KI helfen, Informationen schneller zu finden oder Texte vorzubereiten. In der Produktion kann sie Hinweise auf Qualitätsprobleme geben. In der Personalabteilung kann sie helfen, Wissen zu strukturieren oder Routineprozesse zu vereinfachen."
Die Rolle der Gewerkschaften bleibt dabei unklar. Interessen der Beschäftigten müssen erst einmal durchgesetzt werden. Digitalisierungstarifverträge regeln in erster Linie die Qualifizierung der Belegschaften, ein klares Konzept für Tarifverträge zu KI gibt es nicht.
Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich als Ausgleich für entfallende Arbeiten und tarifliche Regelungen zur Personalbesetzung, ähnlich den Tarifverträgen zur Entlastung in den Krankenhäusern, wären wichtige Elemente.
"Das sollten wir nicht Mark Zuckerberg und Elon Musk überlassen"
Den Takt geben derzeit die großen Tech-Konzerne vor. Technologie ist kein Schicksal, will Maximilian Kasy, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Oxford, deutlich machen. Die Technikentwicklung ist gestaltbar. "Das sollten wir nicht Mark Zuckerberg und Elon Musk überlassen", so Kasy.
KI ist weder undurchschaubar noch unkontrollierbar. Denn unser Leben mit KI wird nicht von Technik bestimmt, sondern von Menschen. Gesetze, die den von KI-Algorithmen Betroffenen eine Stimme geben, fordert Kasy in seinem neuen Buch "Die Mittel der Prädiktion".
Er plädiert dafür, dass sich Arbeiter, Gewerkschaften, Verbraucherschützer, Journalisten und politische Entscheidungsträger als potenzielle "Agenten des Wandels" verstehen, die mit Streiks, Boykotts, Klagen und schlechter Presse dafür kämpfen, dass die Optimierungsziele der KI mit dem Gemeinwohl in Deckung gebracht werden.
"Die Zukunft der KI wird nicht von klügeren Algorithmen oder schnelleren Chips abhängen. Sie wird davon abhängen, wer die Daten kontrolliert – und wessen Werte und Interessen die Maschinen leiten. Wenn wir eine KI wollen, die dem Gemeinwohl dient, muss die Allgemeinheit entscheiden, wofür die KI eingesetzt wird", fordert Maximilian Kasy:
"Menschen, deren Daten zur Schulung der Algorithmen verwendet werden und deren Leben von ihnen geprägt wird, sollten mitreden. So könnten etwa Bürger:innenräte, repräsentativ und zufällig ausgewählt, über angemessene Ziele für Algorithmen beraten und entscheiden."