KI im Journalismus: Wer sie verbietet – und wer auf sie setzt
Von FAZ und New York Times bis zum griechischen Parlament: Künstliche Intelligenz sorgt für widersprüchliche Regeln, Interessen und Moralvorstellungen.
Darf man, soll man oder muss man Künstliche Intelligenz einsetzen? Dazu gibt es kontroverse Debatten und das berühmte "zweierlei Maß". Es gibt Medien, die nur ihren freien Mitarbeitern die KI verbieten und Politiker, welche der KI die Kunst der Rede beibringen möchten.
Und es gibt Professoren, die ein wirksames Mittel gegen KI-Einsatz gefunden haben wollen.
Politik mit KI? – In Deutschland ein kontroverses Thema
Aktuell stehen deutsche Politiker und Journalisten wegen extensiver Nutzung von KI im Fokus. Von Visionären und Planern, als die man Politiker im Idealfall sehen möchte, erwarten viele, dass sie ihre Gedanken selbst oder zumindest mit humaner Hilfe ordnen.
Andere sehen kein Problem darin. Geht es nach dem Verleger Mathias Döpfner, sind selbst mit KI erstellte Kommentare kein Problem. Döpfner ließ Googles Gemini in einem für die Welt verfassten Kommentar die Kritiken an der KI als "verzweifelten Versuch der Postkutschen-Lobby, das Automobil zu verbieten" bezeichnen.
Ob Döpfner das künftige Kerngeschäft von Zeitschriften, Zeitungen und Internetmagazinen im Veröffentlichen von Prompts zur Generierung von KI-Texten sieht, ist noch nicht bekannt. Über einen Mangel an Befürwortern seiner These braucht sich Döpfner freilich nicht zu sorgen.
Derweil löschen – im Szenejargon: "depublizieren" – die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Tagespiegel Beiträge, die von der KI geschrieben wurden. Der Medienverband der freien Presse (MVFP) sieht sogar die Pressefreiheit in Gefahr. Dem Verband gehören knapp 350 Verlagshäuser an
Eine interessante Fußnote zur Diskussion ist, dass in kleineren Medien wie dem Axel-Springer Ableger upday news, die entsprechende Meldung mit einem KI-erzeugten Symbolbild garniert wird.
Der MVFP-Noch-Vorstandsvorsitzender Philipp Welte sieht durch die KI und die Tech-Konzerne die Demokratie gefährdet.
Welte wirft dem Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt vor, er wäre der Verantwortung für die von ihm generierten KI-Texte nicht gerecht geworden. Sie seien zurecht depubliziert worden, meint der Verlagsmanager.
Zwei-Klassen KI-Lizenz bei der New York Times
Dagegen wählen auf der anderen Seite des Atlantiks die New York Times einen denkwürdigen Mittelweg. Internen, fest angestellten Journalisten ist die KI-Nutzung erlaubt. Freie Mitarbeiter erhielten dagegen per E-Mail die Order:
"Die Verwendung von (generativen KI-)Tools zum Erstellen, Entwerfen, Leiten, Bereinigen, Bearbeiten, Verbessern oder Umformulieren Ihrer Texte ist strengstens untersagt."
Griechische Zeitung feiert sich für KI-Nutzung
Im Smalltalk mit griechischen Zeitungskollegen aus der Nachrichtenredaktion höre ich immer wieder, dass die KI extensiv genutzt wird. Mit ihr lassen sich schnell Nachrichtentexte "raushauen". Anders als mit dem Einsatz der neuen Technologie sind die Taktzeiten der griechischen Onlinemedien kaum zu bewerkstelligen.
Bevor wir nun mit Moralisieren beginnen, empfiehlt es sich, den Beitrag "KI und Sportjournalismus – Wir sollten uns ehrlich machen" von Martin Kraus in der taz zu lesen.
Kraus erinnert in seiner interessanten Sicht auf den KI-gestützten Sportjournalismus daran, es auch früher in der Branche üblich war, etwas unsauber zu arbeiten. Und das ist auch ohne KI-Einsatz weiterhin der Fall. Etwa, indem Agenturnachrichten als eigene Recherche präsentiert oder fremdsprachige Artikel schlicht übersetzt wurden.
Kraus kann der KI durchaus etwas Positives abgewinnen, wenn sie sinnvoll als Arbeitshilfe und nicht zur Arbeitsplatzvernichtung eingesetzt wird.
Das ist in Griechenland bereits der Fall. Ich hatte dabei immer den Eindruck, dass man es nicht an die große Glocke hängen möchte. Weit gefehlt. So freut sich die große griechische Boulevard-Zeitung Proto Thema, dass sie von Google als internationale Case-Study für die Nutzung der KI auserkoren wurde.
Die Implementierung des Gemini Enterprise Agent in den Redaktionsalltag half der Zeitung nach eigenen Angaben bei der Verarbeitung von 360.000 Leserkommentaren. Bei sämtlichen online veröffentlichten Artikeln gibt es Zusammenfassungen für Schnellleser.
Eine sehr große Offenheit für die neue Technologie gibt es bei der aktuellen griechischen Regierung. Schließlich gehört die gelungene Digitalisierung des Staats zu den Paradebeispielen der Regierungspolitik.
Mit der KI soll nun alles noch besser werden; auch dem Tourismus soll sie dienen. So stellte in dieser Woche Tourismusministerin Olga Kefalogianni eine neue KI-unterstützte Version der Tourismus-App Visit Greece vor.
Es gibt auch im Parlament keine Berührungsangst zur KI. Mit einer Kooperationsvereinbarungen des Ministeriums für digitale Regierungsführung, der Nationalen Technischen Universität Athen und dem Parlament wurde beschlossen, das nationale KI-Systems "Faros" mit aktuellen und älteren Reden des Parlaments zu füttern.
Es ist ausdrücklich beabsichtigt, der KI das Archiv der "Vouli der Hellenen", des griechischen Parlaments seit 1944 einzuverleiben. Dadurch wird es möglich, in unzähligen Parlamentsreden nach Zitaten und der Sicht auf Ereignisse zu suchen.
Als Nebenwirkung kann "Faros" dann auch Reden schreiben. Darüber wird in den griechischen Kaffeehäusern (noch) nicht so intensiv wie in Deutschland gestritten. Schließlich sieht Parlamentspräsident Nikitas Kaklamanis in vier Achsen der KI-Nutzung offensichtlich eher eine Stütze für die Demokratie als eine Gefahr.
- Die Bearbeitung, Analyse und automatische Dokumentation von Parlamentsmaterialien.
- Die Förderung des Kulturbestands der Parlamentsbibliothek.
- Die Entwicklung eines intelligenten digitalen Assistenten zur Beantwortung von Bürgerfragen in natürlicher Sprache.
- Die Optimierung zeitaufwendiger administrativer Abläufe im Parlament durch deren Automatisierung.
Brown University vs. KI: mündliche Prüfungen
Der spanisch-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler Roberto Serrano hat dagegen eine eindeutig negative Meinung zur KI in seinen Studienkursen. Er sieht die akademische Integrität in Gefahr.
Serrano kann dies an den Prüfungsergebnissen seines Kurses Econ 1170 manifestieren. Der anspruchsvolle Kurs zieht traditionell eine kleine, aber hochbegabte Studierendenschaft an. Im aktuellen Studienjahr meldeten 86 Personen an. Die Zwischenprüfung fand am 5. März als Hausarbeit statt. Dabei konnten die Studierende von zu Hause aus, offiziell ohne Hilfsmittel, unbeaufsichtigt arbeiten.
Die Ergebnisse waren imposant. Im Durchschnitt wurden 96 von 100 Punkten erreicht. Vierzig Studierenden gelang die Bestnote, 100 von 100 möglichen Punkten.
Die Prüfer stellten jedoch fest, dass viele Antworten nahezu identische Formulierungen enthielten. Diese stimmten mit den von ChatGPT gelieferten Antworten in erschreckendem Ausmaß überein. Prof. Serrano entschloss sich deswegen, die Abschlussprüfung ausschließlich in Präsenz durchführen zu lassen.
Das bewog 27 Studierende dazu, der Prüfung fernzubleiben. Darunter waren 22 denen in der Hausarbeit die volle Punktausbeute gelang. Die 59, die zur Prüfung erschienen, schafften nur einen Schnitt von 48/100. "Die empirischen Beweise für Betrug sind erdrückend", argwöhnt der Professor.
An der Hochschule wird auch die Rückkehr zu mündlichen Prüfungen als sicheres Mittel gegen den KI-Betrug diskutiert. Tragisch ist, dass die Prüfung per Hausarbeit von Serrano als Reaktion auf einen Amoklauf an der Brown University eingeführt wurde. Er wollte seinen Kursteilnehmern eigentlich mehr Sicherheit verschaffen.
Die Versuchung, mit KI in Prüfungen zu täuschen, ist offenkundlig zu groß für solche Hausarbeits-Konzepte.