KI in Unternehmen: Warum die "Gut-genug-Falle" beim Lernen droht

Becher mit Mensch schüttet in Becher mit KI. Becher mit KI schüttet durch Trichter mit Mensch

Schneller Content, aber kein Lerneffekt: Experten warnen Unternehmen vor den Risiken beim unüberlegten Einsatz künstlicher Intelligenz.

Künstliche Intelligenz (KI) gehört für viele Menschen zum Alltag. Es mehren sich bei vielen Anwendern aber auch kritische Stimmen. Den übermäßigen KI-Einsatz kritisiert die Ökonomin Aline Blankertz. In der Verwaltung großflächig KI einzusetzen, etwa nach dem Vorbild von Doge aus den USA, sei ein Problem:

"Das wird zwangsläufig dazu führen, dass mehr Menschen diskriminiert werden und dafür wiederum weniger Verantwortung übernommen wird. Das kennen wir beispielsweise aus Amsterdam, wo ein Algorithmus zur Folge hatte, dass vor allem sozial schwachen Familien Betrugsvorwürfe gemacht wurden."

"Die öffentliche Debatte vermittelt derzeit leicht den Eindruck, KI sei in Unternehmen bereits breit angekommen", schreiben Janine Kappenberg und Rubén Leites García, die Gründer der Sapered GmbH sind, einer Innovationsagentur für Learning & Development (L&D) in Essen.

Die Realität zeige jedoch ein anderes Bild – etwa bei Personalentwicklung und Weiterbildung. Zwar können KI-Anwendungen schnell Inhalt erstellen:

"Was früher Zeit, Abstimmung und didaktische Erfahrung erforderte, lässt sich heute in wenigen Minuten erzeugen."

Janine Kappenberg, Rubén Leites García

Das Ergebnis sei eine "schnell wachsende Menge an Content, die produktiv aussieht, aber häufig keinen tragfähigen Lernprozess auslöst. Wir nennen das die 'Gut-genug-Falle'". In vielen Unternehmen ist die Zielsetzung nicht klar, zukünftig müsse vor Einsatz der Technik mehr Aufwand betrieben werden:

"KI kann Planung und Ausführung sehr gut unterstützen. Entscheidend bleibt aber die Vorarbeit. Wer nicht weiß, welches Ziel mit dem Einsatz erreicht werden soll, produziert zwar Material, aber keine Entwicklung. […] Lernen im eigentlichen Sinn entsteht erst, wenn Menschen Inhalte einordnen, anwenden, reflektieren und in Verhalten übersetzen."

Janine Kappenberg, Rubén Leites García

Je mehr Routinearbeit KI übernimmt, umso wichtiger werden Aufgaben, die sich nicht automatisieren lassen. "Dazu gehören Reflexion, Feedback, emotionale Unterstützung, soziale Resonanz und die Fähigkeit, Erfahrungen in den eigenen Arbeitskontext zu übertragen".

Das gehe immer mehr verloren, wenn Unternehmen denken, Trainer oder Coaching durch digitale Assistenzsysteme zu ersetzen.

Urteilskraft statt IT-Delegation: Das Führungs-Dilemma laut IBE Ludwigshafen

Unternehmensentscheider müssen über technologische Urteilskraft verfügen. "Gemeint ist die Fähigkeit, digitale Systeme und insbesondere KI so weit zu verstehen, dass ihre Möglichkeiten, Grenzen und Wirklogiken eingeschätzt werden können", schreibt Jutta Rump, Professorin am Institut für Beschäftigung und Employability (IBE), Ludwigshafen

Dies erfordert keine technischen Detailwissen. Die Ausrichtung ist aber entscheidend, denn KI-Tools bereiten Entscheidungen vor und steuern Prozesse – für welche Aufgaben dies sinnvoll ist, müssen Führungskräfte entscheiden können.

Ohne technologische Urteilskraft drohen zwei Extreme: Technologie wird entweder überschätzt oder blockiert. "Diese Entscheidungen lassen sich nicht delegieren – weder an IT-Abteilungen noch an externe Dienstleister", so Rump.

Menschlicher Dialog schlägt Algorithmen: Business Coach warnt vor KI-Hörigkeit

Der Einsatz von KI-Tools ist für Führungskräfte verführerisch, warnt Yvonne Breinlinger-Scheuring, die als Business Coach arbeitet. "KI muss geführt werden – nicht umgekehrt", sagt sie im Gespräch mit der Haufe Akademie. KI ist ein Werkzeug, das aktiv geführt werden muss. Wichtig sei auch, die Grenzen zu erkennen:

"Ich kann mich mit der KI im Dialog weiterbilden und mein Wissensmanagement ausbauen. Schließlich bekomme ich immer direkt eine Antwort. Aber wenn Menschen hingegen miteinander diskutieren, entsteht etwas ganz Neues – und das brauchen wir gerade auch dringend. KI kann immer nur auf Bestehendes zurückgreifen."

Sei es in der Diagnostik oder in der Forschung: KI wird als Problemlöser angesehen.

KI-Unternehmer werden deshalb als "Heilsbringende" glorifiziert, bemängelt Aline Blankertz, die Mitgründerin des digitalpolitischen Kollektiv Structural Integrity ist. Ein Beispiel sei Dieter Schwarz, dem die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland gehört:

"Neben vielen Rechenzentren baut er so etwas wie eine Privatstadt in Baden-Württemberg auf und wird dafür gefeiert. Die CEOs von SAP und Telekom werden ebenfalls häufig gefragt, was für eine Gesellschaft sie sich wünschen. Ganz so, als ob sie gesellschaftliche Interessen im Blick hätten."

Deren wirtschaftliche Interessen werden in den Medien kaum hinterfragt.