Kernfusion in Mecklenburg: Wie Rostock und Greifswald die Sonne kopieren
Symbolischer Start für Deutschlands neue „künstliche Sonne“ im Wettlauf gegen China: Michael Zimmermann, Michael Kretschmer, Elizabeth Prommer, Manuela Schwesig, Sebastian M. Schmidt (v.l.n.r.) beim Start des HEDI-Laserprojekts zur Kernfusion.
(Bild: HZDR/K. Zheynova)
Nach dem Weltrekord am Wendelstein 7-X in Greifswald schlägt das HZDR in Rostock mit HEDI ein neues Kapitel der laserbasierten Fusionsforschung auf.
Ostdeutschland entwickelt sich zum Hotspot der deutschen Fusionsforschung. Nachdem am Stellarator Wendelstein 7-X in Greifswald bereits ein historischer Weltrekord gelang, haben die Universität Rostock und das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) am 18. Juni 2026 die High Energy Density Initiative (HEDI) ins Leben gerufen.
Mit dieser neuen Allianz fällt der Startschuss für ein neues Forschungszentrum, das Materie unter Bedingungen untersucht, wie sie sonst nur im Inneren von Sternen und Riesenplaneten herrschen.
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und ihr sächsischer Amtskollege Michael Kretschmer (CDU) unterzeichneten die Gründungsdokumente. Das Land Mecklenburg-Vorpommern investiert 20 Millionen Euro in einen Forschungsneubau, der bis 2030 fertiggestellt sein soll.
Das im Rahmen der Initiative neu gegründete Institut für Hochenergiedichtephysik am Standort Rostock wird zu 90 Prozent vom Bund und zu 10 Prozent vom Freistaat Sachsen finanziert.
Doppel-Allianz im Norden: Greifswalds Magnete und Rostocks Super-Laser
Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) unterstrich die strategische Dimension: Die Kernfusion habe das Potenzial, den Energiebedarf der Zukunft zu decken. Und damit das erste kommerzielle Fusionskraftwerk der Welt auch in Deutschland stehe, müsse man die Schlüsseltechnologie „bis ins Detail verstehen“.
HEDI, so die Ministerin, werde erforschen, was mit dem Brennstoff unter den extremen Bedingungen der Laserfusion passiert.
Tatsächlich verfolgt HEDI einen grundlegend anderen Ansatz als der Stellarator in Greifswald. Statt Plasma über Magnetfelder einzuschließen, konzentriert sich die Initiative auf die sogenannte Trägheitsfusion (Inertial Confinement Fusion, ICF).
Dabei komprimieren hochintensive Laserpulse winzige Brennstoffkapseln so stark, dass Kernfusion einsetzt.
Unter der Leitung der beiden Gründungsdirektoren Ronald Redmer (Theorie) und Dominik Kraus (Experiment) erforschen die neu aufgebauten Teams dafür warme dichte und heiße dichte Materie bei Drücken im Mega- und Gigabar-Bereich – Zustände, die auf der Erde nur für Bruchteile von Sekunden existieren.
Der Weltrekord von Wendelstein 7-X: Heißer als das Innere der Sonne
Dass Mecklenburg-Vorpommern in der Fusionsforschung bereits eine Spitzenposition einnimmt, bewies der Weltrekord am Wendelstein 7-X, der im vergangenen Jahr aufgestellt wurde, eindrucksvoll.
Forscher am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) hielten über 43 Sekunden einen neuen Weltrekord beim Tripelprodukt für lange Plasmaentladungen – jener zentralen Kenngröße aus Plasmadichte, Temperatur und Energieeinschlusszeit, die bestimmt, wie nah ein Reaktor an der sich selbst tragenden Fusion ist.
Die Anlage, deren Fusionsforschung vor zehn Jahren in Greifswald begann, erhitzte das Plasma mit Mikrowellen auf über 20 Millionen Grad Celsius, in Spitzen sogar auf 30 Millionen Grad – doppelt so heiß wie das Innere der Sonne.
Entscheidend war ein neuer Pellet-Injektor vom US-amerikanischen Oak Ridge National Laboratory. Das Gerät schoss rund 90 gefrorene Wasserstoffkügelchen ins Plasma und lief erstmals mit variablen, vorprogrammierten Taktfrequenzen.
Aktionsplan Fusion 2040: Deutschlands Wettlauf gegen China
HEDI fügt sich in eine breitere deutsche Fusionsoffensive ein. Die Bundesregierung hat eine milliardenschwere EU-Allianz für Fusionsenergie angestoßen, die über ein europäisches IPCEI-Großprojekt Forschung, Start-ups und Industrie vernetzen soll.
Parallel treibt das BMFTR-Förderprogramm „Fusion 2040“ die Entwicklung eines Fusionskraftwerks voran.
Dabei zeichnet sich ein intensiver Wettbewerb zwischen den Bundesländern ab. Während HEDI auf laserbasierte Grundlagenforschung setzt, hat das Darmstädter Start-up Focused Energy in Hessen kürzlich 240 Millionen Dollar eingesammelt, um die Forschung voranzutreiben.
In Sachsen bündelt das EFRE-geförderte Netzwerk SAXFUSION mit 2,4 Millionen Euro Förderung die Kompetenzen von Fraunhofer IWS, HZDR und weiteren Partnern für Laser-, Material- und Simulationstechnologien.
HEDI kooperiert bereits mit dem European XFEL in Schenefeld und dem Münchner Fusionsunternehmen Marvel Fusion. Eine dritte Professur für Angewandte Hochenergiedichtephysik soll 2027 besetzt werden.
Ob die Zeit reicht, um das ehrgeizige Ziel zu schaffen, das erste kommerzielle Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland zu errichten, ist offen: Chinas Fusionsreaktor EAST hat bereits die Dichtegrenze für stabiles Plasma durchbrochen, und Analysen warnen, dass Europa und die USA das Rennen um die Fusionsenergie verlieren könnten, wenn industrielle Lieferketten nicht schnell genug aufgebaut werden.