Kleine Reaktoren, große Versprechen: Katherina Reiches Atomwette
3D-Rendering eines SMR
(Bild: Audio und werbung/Shutterstock.com)
Strahlende Zukunft oder gefährlicher Irrtum? Warum Ministerin Reiche vom Kernkraft-Comeback im Kleinformat träumt und ein positiver Ausgang offen ist.
Was Robert Habeck als Hemmschuh galt, gilt Katherina Reiche als Chance: Die Bundeswirtschaftsministerin (CDU) treibt die Prüfung sogenannter Small Modular Reactors (SMR), nuklearer Klein-Reaktormodule, als neuen Baustein der deutschen Energiepolitik zur Grundstromversorgung voran – und das mit bemerkenswerter strategischer Verve.
Ihr Amtsvorgänger Robert Habeck, bekennender Atomkraftgegner, schaltete die letzten deutschen Meiler nach einem "Streckbetrieb" seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sukzessive ab – trotz anderslautender Fachreferentenvorschläge.
Die Union, damalig in der Opposition, forcierte daraufhin einen Bundestagsuntersuchungsausschuss und warf Habeck vor, eine mögliche winterliche Energiemangellage bewusst riskiert zu haben. Doch dies waren späte Störgeräusche. Die Grundsatz-Debatte um die Kernkraft war, so glaubte man, beendet, denn am 15. April 2023 gingen mit Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland die letzten drei Atomkraftanlagen vom Netz. Nun also: alter Wein in neuen Schläuchen?
Münchner Zündung
Im Februar dieses Jahres kam es zu einem denkwürdigen Auftritt auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Im Rahmen des "Energy Security Hub" – ausgerichtet von der BMW-Stiftung – trat Wirtschaftsministerin Reiche, ihres Zeichens diplomierte Chemikerin und Chemiker-Tochter, gemeinsam mit IAEA-Chef Rafael Grossi vor die Weltöffentlichkeit.
Grossi, sonst nur im Rampenlicht bei neuen Anschuldigungen gegen den Iran, war Beiwerk. Im Fokus stand die deutsche Ministerin. Zu diesem Zeitpunkt war sie bislang lediglich durch eine Teilnahme am Treffen der europäischen Nuklear-Allianz als atomkraftfreundlich aufgefallen – jenes Treffen aus dem Sommer 2025 spielte jedoch in der medialen Öffentlichkeit kaum eine Rolle.
Die verbreitete Botschaft von München war eingehüllt in sicherheitspolitisches Vokabular: Energieressourcen, Resilienz, Schutz kritischer Infrastruktur. Reiche und Grossi spielten sich die Bälle zu, die Einigkeit war weitgehend: Die Zukunft liege in einer "technologischen Diversifizierung", es sei an der Zeit, "neue Technologien in den Blick zu nehmen", so die Ministerin. Das Wort SMR fiel noch kaum.
Am 1. April – ein Scherz war es dennoch nicht –, ließ Reiche die Bombe konkret platzen: Parallel zu Plänen für neue Gaskraftwerke erklärte sie, der Ausstieg aus der Atomkraft sei ein "schwerer Fehler" gewesen, und forderte eine Rückkehr – offen gegen die bisherige Linie ihres Parteikollegen und Kanzlers Friedrich Merz, der Atomkraft bislang ablehnte. Nicht in Form der alten Großkraftwerke – sondern als Atomkraftwerke im Miniaturformat.
Gaskraftwerke und Gigawatt-Poker
Reiches Strategie fußt zunächst auf fossilen Fundamenten. Die Große Koalition plante ursprünglich mindestens 20 Gigawatt starke neue Gaskraftwerke – nach zähem Ringen mit der EU-Kommission einigte man sich auf Ausschreibungen für 12 Gigawatt Leistung, davon rund 10 Gigawatt klassische Kraftwerkskapazität.
Nach Reuters-Schätzungen könnten allein die neuen Kapazitätszahlungen die Stromkunden ab 2031 bis zu 3 Milliarden Euro jährlich kosten. Das Wirtschaftsministerium verweist demgegenüber auf Netzstabilität und Versorgungssicherheit als zentrale Begründung.
Zur Beruhigung der Kritiker wurde vorab lanciert, dass die Kraftwerke zunächst Erdgas nutzen, später auf Wasserstoff umgestellt und bis 2045 vollständig dekarbonisiert betrieben werden sollen.
Präventive Protestvorverteidigung – mit begrenztem Erfolg. Während Energiekonzerne aufs Tempo drücken wollen, werfen die SPD wie Umweltverbände Reiche vor, den Ausbau der Erneuerbaren auszubremsen. Dr. Nina Scheer, SPD-Bundestagsabgeordnete und damit Teil der Regierungskoalition,nannte die Pläne einen "Bremser" statt einen "Erneuerbaren-Booster".
Klein, modular, preiswert?
Ergänzend zu den Gaskraftwerken plädiert Reiche als zukünftige dritte Säule für SMR, Small Modular Reactors. Der Begriff steht für Kernreaktoren mit einer elektrischen Leistung von meist bis zu 300 Megawatt, die modular aufgebaut und in Fabriken vorgefertigt werden sollen. Normale Kernkraftwerke leisten 1.000 bis 1.600 Megawatt und benötigen durchschnittlich ein Jahrzehnt Bauzeit. SMR sollen schneller produziert und flexibel transportiert werden sowie verschiedene Module miteinander koppeln können.
Die Befürworter führen ins Feld: kürzere Bauzeiten durch Serienfertigung, geringere Anschubfinanzierung, vollkommen flexible Standortwahl, CO2-armer Strom, wetterunabhängige Netzstabilität. Theoretisch überzeugend, in der Praxis jedoch kaum belegt.
Kinderschuhe, Kostenprobleme, Kernmüll
Nahezu alle weltweiten SMR-Projekte befinden sich im Projektierungs-, Genehmigungs- oder Demonstrationsstadium. Die US-amerikanische Nuklearaufsicht verweist darauf, dass SMR zwar Serienfertigungsvorteile versprechen, aber unter dem Nachteil geringerer Skaleneffekte leiden. Das prominenteste US-Projekt, NuScale, wurde aus Kostengründen eingestellt. Deutsche wirtschaftliche Vorteile konnten bisher nicht praktisch nachgewiesen werden.
Schwerer noch wiegt die Endlagerfrage. Eine Übersicht in der Fachzeitschrift Progress in Nuclear Energy kommt zum Ergebnis, dass einige SMR-Konzepte pro erzeugter Strommente sogar mehr radioaktive Abfälle erzeugen können als heutige große Druckwasserreaktoren, zudem wird noch erforscht, inwiefern sich derlei Müll von Bisherigem ausdifferenziert. Eine gesellschaftlich akzeptierte Lösung für sichere Endlagerung fehlt – in Deutschland wie weltweit.
Hinzu kommt: Mehrere kleinere Reaktoren über das Bundesgebiet verteilt bieten in Spannungs- oder Kriegslagen eine kaum zu schützende Zielkulisse.
Zu spät
Der kritischste Punkt aber ist zeitlicher Natur. Mit Ausnahme des schwimmenden russischen Kraftwerks Akademik Lomonossow in Tschukotka – in Art und Bauweise für Deutschland unvergleichbar – existieren weltweit so gut wie keine praktischen Erfahrungen im Betrieb.
China betreibt mit dem HTR-PM einen vielversprechenden Demonstrator. Doch das jüngste westliche SMR-Projekt, Rolls-Royce in Schweden, sieht den ersten Reaktor frühestens Mitte der 2030er Jahre vor – obwohl der Planungsprozess bereits über vier Jahren vor deutschen Ideen begann.
Selbst wenn Berlin morgen beschließen würde, alle energiepolitischen Ressourcen in SMR zu lenken: Genehmigung, Rechtsrahmen, Standortsuche und Bau würden länger dauern als das verbleibende Zeitfenster bis 2035. Für die Klimaziele 2030 sind SMR definitiv zu spät, die Zielmarke 2035 muss bezweifelt werden. Zumal die ambitionierten Pläne davon abhängen, dass die Merz-Regierung politisch überlebt und eine Nachfolgeregierung derlei Konzeption mitträgt.
Kulturkampf statt Klimapolitik
Reiche betont zwar gelegentlich, man halte an den Erneuerbaren als "erster Säule" fest – kündigt zusätzliche Investitionen in Windkraft an – und wolle Gas als Brückentechnologie sowie SMR lediglich als Ergänzung. Doch gleichzeitig stellt sie die EU-Klimaziele für 2050 offen infrage.
Die Kosten derlei strategischer Kehrtwendungen tragen am Ende die Stromkunden.
Insgesamt wirkt die SMR-Debatte weit weniger wie eine Technikdebatte als wie ein konservativer Kulturkampf über die Energiewende. Durch diesen Kniff verschiebt Reiche die Debatte von der Klima- in die Industriepolitik, Priorität Wettbewerbsfähigkeit.
Der Diskurs um "Technologieoffenheit" kommt deutlich zu spät und fokussiert auf eine riskante Atomwette, die konsequente Energiewende wird verlangsamt, Klimaziele verwässert, die Gasabhängigkeit zementiert. Wer dafür die Zeche zahlt, dürfte nicht lange eine offene Frage bleiben.