Kriege, Dünger und El Niño: Warum Lebensmittel weltweit teurer werden

Ratloser Bauer, der mit Ochsen auf gerissenem, trockenem Boden in einem von Dürre betroffenen landwirtschaftlichen Feld steht.

(Bild: Wirestock Creators, shutterstock)

Blockierte Handelsrouten, Düngemittelknappheit und ein extrem starker El Niño: Die Vereinten Nationen rechnen 2027 mit 45 Millionen zusätzlichen Hungernden.

Die Welt steht vor einer neuen Nahrungsmittelkrise – und wieder kommen mehrere Bedrohungen zusammen. Seit Anfang 2026 ist die Straße von Hormus weitgehend blockiert, eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt. Gleichzeitig entwickelt sich ein außergewöhnlich starker El-Niño.

Die Folge: Lebensmittelpreise steigen weltweit rasant und das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen rechnet damit, dass in der Folge zusätzlich 45 Millionen Menschen von akutem Hunger bedroht sein werden.

Die Investmentbank JPMorgan warnt in einem Bericht mit dem Titel "Ernährungssicherheit ist nationale Sicherheit", dass die globalen Lebensmittelpreise in der ersten Jahreshälfte 2027 um fünf Prozent steigen könnten.

Blockierte Handelsrouten, Sanktionen und Krieg

Etwa 20 Prozent des weltweiten Öls und Flüssiggases passieren die Straße von Hormus. Ebenso wichtig: Rund ein Drittel der weltweit auf dem Seeweg transportierten Düngemittel wird durch die Meeresenge verschifft.

Seit die Route de facto geschlossen ist, steigen die Kosten für Treibstoff, Transport und Dünger dramatisch. Traktoren, Bewässerungssysteme, Kühlketten und Lastwagen – alles das braucht Energie. Höhere Öl- und Gaspreise schlagen sich deshalb direkt auf die Lebensmittelpreise nieder.

Auch der Ukraine-Krieg hat erhebliche Auswirkungen auf die Versorgung mit Düngemitteln und Getreide. Importabhängige Länder mit hoher Verschuldung trifft das besonders hart.

Super-El Niño

Die Situation wird durch das Wetterphänomen El Niño verschärft. Der US-amerikanische Climate Prediction Center schätzt die Wahrscheinlichkeit für ein "sehr starkes" El Niño im Winter und Herbst 2026 auf über 90 Prozent. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 69 Prozent könnte es das stärkste El Niño seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1950 werden.

El Niño verändert Wettermuster weltweit: Temperaturen steigen, in manchen Regionen kommt es zu schweren Dürren. Besonders betroffen sind laut JPMorgan Asien und Lateinamerika.

So steuert Indien auf den schwächsten Monsun seit 2009 zu. Das meldet die Economic Times unter Berufung auf zwei hochrangige Quellen des indischen Wetterdienstes Demnach werden die Niederschlagsmengen voraussichtlich rund 15 Prozent unter dem Normalwert liegen. Die ursprüngliche Defizitprognose hatte bei von 8 Prozent gelegen.

Düngemittelknappheit führt zu schlechten Ernten

Die Auswirkungen entfalten sich in mehreren Phasen.

  • In der ersten Phase steigen unmittelbar die Kosten für Treibstoff und Transport. Verbraucher spüren das binnen Wochen an höheren Preisen für Grundnahrungsmittel.
  • Die zweite Phase wird in den kommenden Monaten folgen: Düngemittel werden noch knapper, und Bauern müssen Entscheidungen über die Aussaat treffen.
  • Die dritte Phase tritt mit der nächsten Ernte ein, wenn geringere Erträge das Angebot weiter verknappen und die Preise noch stärker steigen lassen.

Im Ergebnis entsteht kein kurzer Preisschock, sondern ein sich über ein Jahr hinziehender Inflationszyklus bei Lebensmitteln.

Schwellen- und Entwicklungsländer besonders betroffen

Die Landwirtschaft steckt bereits in der ersten Phase. Länder wie die Türkei und Argentinien verzeichnen weiterhin Steigerungsraten bei Lebensmittelpreisen von über 30 Prozent. Neben Indien könnten Indonesien, Brasilien und Kolumbien schwer getroffen werden.

Mehrere Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, darunter Malawi, Libanon, Nigeria und Angola, kämpfen mit anhaltend zweistelliger Lebensmittelinflation. Ursachen sind neben steigenden Transport- und Energiekosten auch Währungsabwertungen, Konflikte und Importabhängigkeit.

In ärmeren Ländern geben Haushalte oft 40 bis 60 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel aus. Selbst moderate Preissteigerungen können dort schnell zu Hunger, Verschuldung und sozialen Unruhen führen.

Was die Krise für Ihren Wocheneinkauf bedeutet

Im Gegensatz dazu werden die direkten, durch El Niño verursachten Auswirkungen auf die Lebensmittelinflation in Europa und anderen hoch entwickelten Volkswirtschaften voraussichtlich geringer ausfallen. Dort dürften höhere Energiekosten der Haupttreiber höherer Lebensmittelpreise sein.

Die Bank merkt zudem an, dass die aktuellen Bedingungen günstiger sind als während früherer großer El-Niño-Episoden. Die weltweiten Getreidevorräte sind ausreichend, die Reisbestände in Asien solide und die Lebensmittelinflation derzeit verhältnismäßig niedrig.

Dennoch könnte die Kombination aus einem mächtigen El Niño und einer anhaltenden Phase hoher Energiepreise auch hier einen erheblichen Preisimpuls bei Lebensmitteln erzeugen.

China sichert Versorgung durch Vorräte

Die Blockade hat auch defensive Politikmaßnahmen ausgelöst. China, das für etwa ein Viertel der globalen Düngemittelproduktion verantwortlich ist, hat bereits Exporte gekürzt, um die inländische Versorgung und Preise zu schützen.

Das Reich der Mitte dominiert die weltweiten Weizen-, Mais- und Reisbestände, und China und Indien halten zusammen den überwältigenden Großteil der globalen Reisreserven. Bei mehreren wichtigen Rohstoffen sind etwa 70 bis 90 Prozent der weltweiten Bestände auf weniger als fünf Länder konzentriert.

Nur wenige Länder exportieren Weizen und Mais

Strukturelle Schwächen in den globalen Lebensmittelmärkten machen diese Verwundbarkeiten gefährlicher. Der Handel und die Reserven der wichtigsten Grundnahrungsmittel der Welt sind auf eine kleine Anzahl von Ländern konzentriert.

Nach Schätzungen des US-Landwirtschaftsministeriums entfallen auf nur sieben Exporteure fast 84 Prozent der weltweiten Weizenexporte, während sechs Länder mehr als 92 Prozent der globalen Maisexporte kontrollieren.

Das ist wichtig, weil Reserven, die insgesamt groß erscheinen, während Krisen oft nicht vollständig für die Weltmärkte verfügbar sind, da Regierungen inländische Stabilität über globales Angebot stellen.

Phosphor: Der unsichtbare Engpass

Eine weitere, weniger sichtbare Bedrohung liegt in der Versorgung mit Phosphor. Zusammen mit Stickstoff und Kalium ist Phosphor einer der drei wichtigsten Pflanzennährstoffe.

Jede Störung in der Phosphorversorgung kann sich durch die globale Landwirtschaft und Industrie ziehen, die Lebensmittelproduktion und kritische Technologien wie Energiespeicherung beeinträchtigen.

Wenige Länder kontrollieren Phosphat-Abbau

Die globale Phosphatgesteinsproduktion ist stark konzentriert, wobei eine kleine Anzahl von Ländern das Angebot dominiert, vor allem Marokko und China. Andere wichtige Produzenten, darunter die USA und Russland, spielen wichtige, aber vergleichsweise kleinere Rollen in der globalen Versorgung.

Wirtschaftliche und politische Schocks wie Handelsbeschränkungen, Konflikte und Politikänderungen können also durchaus in den globalen Phosphormärkten nachhallen. China hat beispielsweise periodisch Phosphatexporte begrenzt, was das Angebot verknappt und Preisvolatilität verursacht hat.

Regionen wie die Europäische Union, Südostasien und Lateinamerika importieren erhebliche Mengen an Phosphatprodukten aufgrund begrenzter Reserven und Verarbeitungskapazität und sind auf externe Lieferanten sowohl für industrielle Phosphate als auch für Düngemittel-Inputs angewiesen.