Hoffnung bei Depression: Ketamin, Lachgas und Hirnstimulation
Transkraniale magnetische Stimulationstherapie gegen Depressionen oder Angstzustände.
(Bild: Yiistocking, shutterstock)
Für Menschen mit therapieresistenter Depression gibt es bisher kaum Hilfen. Schnell wirkende Medikamente und Neuromodulation könnten das in Zukunft ändern.
Weltweit leiden etwa 280 Millionen Menschen an Depressionen. Bei rund einem Drittel helfen herkömmliche Antidepressiva nicht oder nicht ausreichend. Dieser Zustand wird als therapieresistente Depression bezeichnet und kann Jahrzehnte dauern.
Wissenschaftler testen nun neuartige Behandlungsansätze, die schneller wirken und auch schwer kranken Patienten Linderung verschaffen könnten.
Ketamin
Ketamin ist als Narkosemittel und illegale Droge bekannt. Seit einigen Jahren wird es jedoch auch als Antidepressivum erforscht. Anders als klassische Medikamente, die auf Botenstoffe wie Serotonin oder Dopamin wirken und Wochen bis zum Wirkeintritt benötigen, kann Ketamin depressive Symptome innerhalb von Minuten lindern. Die Wirkung hält mehrere Tage an.
Forscher der Yokohama City University in Japan haben nun den Mechanismus hinter dieser Wirkung genauer untersucht. Demnach unterdrückt Ketamin gezielt die neuronale Aktivität in einer Habenula genannten Hirnregion, die bei Depressionen überaktiv ist. Ketamin bewirkte jedoch keine gleichmäßigen Veränderungen im gesamten Gehirn.
In einigen Bereichen der Großhirnrinde stieg die Dichte bestimmter Rezeptoren, die die Kommunikation zwischen Nervenzellen regeln. In anderen Regionen, die mit der Verarbeitung von Belohnungen verbunden sind, insbesondere der Habenula, sanken sie dagegen. Diese Verschiebungen korrelierten stark mit der Verbesserung depressiver Symptome.
Die Forscher hoffen nun, dass die Bildgebung künftig dazu dienen könnte, um vorherzusagen, welche Patienten auf Ketamin ansprechen.
Lachgas
Auch Lachgas, medizinisch als Distickstoffoxid (N2O) bekannt, wird als schnell wirkendes Antidepressivum untersucht. Eine Meta-Analyse der University of Birmingham, veröffentlicht in eBioMedicine, wertete sieben klinische Studien aus. Die Forscher untersuchten die Wirkung von klinisch verabreichtem Lachgas bei Erwachsenen mit schwerer und/oder therapieresistenter Depression.
Die Analyse zeigte, dass schon eine einzelne Sitzung mit 50-prozentiger Lachgas-Inhalation innerhalb von 24 Stunden zu schnellen und bedeutsamen Verbesserungen der depressiven Symptome führte. Diese Verbesserungen hielten jedoch nicht länger als eine Woche an. Erst bei wiederholten Behandlungen über mehrere Wochen zeigten sich länger anhaltende Effekte.
Lachgas wirkt vermutlich ähnlich wie Ketamin auf Glutamat-Rezeptoren. Dies könnte auch die rasche Stimmungsaufhellung erklären. Kiranpreet Gill, Doktorandin an der University of Birmingham und Erstautorin der Studie, sagte, Lachgas könnte Teil einer neuen Generation schnell wirkender Depressionsbehandlungen werden.
Zu den Nebenwirkungen von Lachgas zählten Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen. Diese Beschwerden waren jedoch kurzlebig und verschwanden ohne medizinische Behandlung. Höhere Dosen bei 50 Prozent Konzentration führten dagegen häufiger zu Nebenwirkungen. Langzeitstudien zur Sicherheit fehlen bislang.
Vagusnerv-Stimulation
Für Patienten mit schwerer, chronischer Depression könnte die Vagusnerv-Stimulation eine Option sein. Diese Therapie verwendet ein chirurgisch implantiertes Gerät, das unter der Haut im Brustbereich platziert wird. Das Gerät sendet kontrollierte elektrische Signale an den linken Vagusnerv, einen wichtigen Kommunikationsweg zwischen Gehirn und inneren Organen.
Die 500 Teilnehmer an der entsprechenden klinischen Studie Washington University School of Medicine hatten im Durchschnitt seit 29 Jahren mit Depressionen gelebt und diverse Behandlungen ohne Erfolg ausprobiert. Etwa drei Viertel der Teilnehmer waren so schwer erkrankt, dass sie nicht arbeiten konnten.
In der Versuchsgruppe, die Behandlung erhielt, zeigten nach einem Jahr rund zwei Drittel der Teilnehmer eine bedeutende Verbesserung in mindestens einem der gemessenen Bereiche Depression, Lebensqualität und Alltagsfunktion. Von diesen konnten wiederum über 80 Prozent ihre Verbesserungen zwei Jahre lang aufrechterhalten oder sogar steigern.
Und selbst ein Drittel der Teilnehmer, die nach dem ersten Jahr keine Verbesserung zeigten, berichteten am Ende des zweiten Jahres von Vorteilen. Dies deutet darauf hin, dass die Therapie bei manchen Menschen länger braucht, um zu wirken. Die Rückfallraten blieben durchweg niedrig, berichten die Forscher im International Journal of Neuropsychopharmacology.
Fortschritte auch bei der Magnetstimulation
Die transkranielle Magnetstimulation (TMS) ist eine bereits etablierte Behandlung für therapieresistente Depression. Sie nutzt magnetische Impulse, um gezielt Hirnareale zu aktivieren, die mit der Stimmung verbunden sind. Doch normalerweise müssen Patienten sechs bis acht Wochen lang jeden Werktag eine Klinik aufsuchen.
Forscher der University of California testeten nun, ob TMS auch innerhalb eines deutlich kürzeren Zeitplans durchgeführt werden kann. Ihr Ansatz umfasste fünf Sitzungen pro Tag an fünf aufeinanderfolgenden Tagen, bekannt als "5x5"-Protokoll. Die Ergebnisse wurden im Journal of Affective Disorders veröffentlicht.
An der Studie nahmen 175 Patienten mit therapieresistenter Depression teil. Unabhängig davon, ob sie das Standardprotoll über sechs Wochen oder das beschleunigte Format durchliefen, erlebten die Patienten signifikante Verbesserungen ihrer depressiven Symptome. Es gab keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den beiden Behandlungsplänen.
Verzögerte Wirkung möglich
Eine bemerkenswerte Beobachtung betraf allerdings die Patienten im beschleunigten Format, die unmittelbar nach Abschluss der Behandlung kaum Fortschritte zeigten. Als die Forscher jedoch zwei bis vier Wochen später nachprüften, zeigten diese Personen eine erhebliche Verbesserung. Dies legt im Umkehrschluss nahe, dass die Bewertung der beschleunigten TMS direkt am Ende der fünf Tage nicht das vollständige Bild zeigt.
Über die Depression hinaus untersuchen Wissenschaftler der UCLA übrigens auch, ob TMS bei anderen Erkrankungen wie Zwangsstörungen und chronische Schmerzen helfen könnte. Mit der Ausweitung der Forschung könnte TMS eine wachsende Rolle in der nächsten Generation hirnbasierter Behandlungen für psychische Gesundheit spielen.
Leiden Sie an Depressionen oder jemand, den Sie kennen? Die Telefonseelsorge bietet rund um die Uhr kostenfrei und anonym Unterstützung unter der Telefonnummer 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222. Weitere Informationen und Hilfsangebote sind online unter telefonseelsorge.de und bei der Deutschen Depressionshilfe verfügbar.