Hitzewelle in Europa: "Die Klimakrise steht nicht auf dem Totenschein"
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Frankreich und Deutschland streiten über die Toten der Hitzewelle. Warum die Politik auf beiden Seiten des Rheins versagt. Ein Kommentar.
Die Bilder überlasteter Leichenhallen in Paris sind kaum abgeklungen, da offenbart die europäische Klimadebatte ihre ganze Lähmung. Statt konsequentem Hitzeschutz dominiert auf beiden Seiten des Rheins das politische Ablenkungsmanöver.
Während Frankreichs Rechtspopulisten die Toten instrumentalisieren, um vom menschengemachten Klimawandel abzulenken, stiehlt sich die deutsche Bundesregierung durch die Übertragung des Hitzeschutzes auf chronisch unterfinanzierte Kommunen aus der Verantwortung.
Das Sterben im Sommer ist längst kein rein meteorologisches Problem mehr – es ist das Ergebnis politischer Mutlosigkeit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass extreme Hitze jährlich weltweit rund 500.000 Menschenleben fordert. Die Zahl der Hitzetoten trifft nicht nur die weniger entwickelten Länder des Globalen Südens.
Alleine für die vergangene Woche meldete die WHO über 1.300 Hitzetote in Europa. Vor allem für ältere und vulnerable Menschen wurde die Hitze gefährlich. Laut dem Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, leiden derzeit 150 Millionen Menschen unter extremer Hitze, Schulen seien geschlossen, die Stromnetze würden zusammenbrechen. Europäische Wohnungen, Arbeitsplätze und Schulen seien für solche Temperaturen nicht ausgelegt, so der WHO-Generaldirektor.
Krise in Paris: Wie das Rassemblement National die Hitzewelle instrumentalisiert
Vor allem in Frankreich hat die Hitzewelle für Schocks gesorgt. In Paris waren die Leichenhallen laut Medienberichten überfüllt: "Tote werden in benachbarte Regionen gebracht", berichtete etwa das ZDF. Zwar kann es Wochen oder gar Monate dauern, bis eine endgültige Zahl der Hitzetoten vorliegt, aber es zeichnet sich ab, dass die hohen Temperaturen zu vielen Todesfällen beigetragen haben.
Dies als Folge des Klimawandels zuzuordnen, ist ein großer Streitpunkt, dies und jenseits des Rheins. Die rechte Partei von Marine Le Pen, der Rassemblement National, leugnet den menschengemachten Klimawandel seit Langem. Man konzentriert sich darauf, der Regierung schlechtes Krisenmanagement als Grund für die hohen Todeszahlen vorzuwerfen.
So meldete ZDF heute am 29. Juni 2026:
"Die nationale Gesundheitsbehörde Santé publique France hat am Sonntag in einer vorläufigen Schätzung festgestellt, dass vom Mittwoch bis Freitag vergangener Woche 1.200 bis 1.400 Todesopfer gemeldet wurden und damit deutlich mehr als im Durchschnitt von April bis Mai, als es 900 bis 1.000 täglich waren. Diese Zahlen dürften aber noch steigen, weil noch nicht alle Toten erfasst wurden, die zum Beispiel zu Hause gestorben seien oder in Pflegeheimen, in denen Todesfälle noch händisch erfasst werden, heißt es."
Dass die Statistiken der Sterblichkeitsentwicklung die aktuelle Situation noch nicht verarbeitet haben, überraschen nicht. Vieles geht aus den direkten Zahlen nicht hervor. So titelte der Spiegel Ende vergangener Woche: "Klimakrise steht nicht auf dem Totenschein."
Klimaanpassungsgesetz ohne Geld: Berlin stiehlt sich aus der Verantwortung
Deutschland ächzte ebenfalls vernehmlich unter einer Hitzewelle, die angesichts des Klimawandels vermutlich nicht die letzte sein wird. Dennoch bestimmt der Hitzeschutz nicht die politische Tagesordnung.
Dort dominieren Fragen wie eine Aufrüstung gegen Russland und die Eindämmung der chinesischen Wirtschaftserfolge. Die Bundesregierung wartet offenbar ab, bis die Hitzewelle wieder verschwindet und sich das Problem somit von selbst löst.
Außerdem verweist sie darauf, dass Hitzeschutz in Deutschland zu den Aufgaben der Kommunen zählt, die jedoch durch sinkende Steuerzuweisungen und steigende Kosten durch vom Bund zugewiesenen Aufgaben oft die Grenzen ihrer Möglichkeiten überschritten haben.
So drängt sich der Gedanke auf, dass man in Berlin keine Idee dazu hat, wie der herbeigesehnte Wirtschaftsaufschwung klimaverträglich erfolgen könnte. Der von großen Teilen der Medien und vielen Meinungsteilchen- und wellen mobilisierte Widerstand und Widerwille gegen den vormaligen grünen Vizekanzler, Minister und Protagonisten einer anderen Klimapolitik, Robert Habeck, hat nun eine ganz andere Politik die Macht gebracht.
Die aktuelle Bundesregierung sieht ganz offensichtlich ihre Hauptaufgabe darin, die Klimaschutzmaßnahmen der verflossenen Ampel auf Eis zu legen oder gar zurückzubauen.
Zur Erinnerung: Der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte im Juli 2023 den "Hitzeschutzplan für Gesundheit" präsentiert, ein Jahr später folgte das Klimaanpassungsgesetz. Darin werden die Länder aufgefordert, Klimaanpassungsstrategien zu entwickeln und dafür zu sorgen, dass Kommunen eigene Klimaanpassungskonzepte erarbeiten.
Die Idee der staatlichen Klimaanpassung zielte darauf ab, die Bevölkerung vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Das Gesetz selbst gibt aber nur einen Rahmen vor. Da die Klimaanpassung als kommunale Aufgabe festgelegt ist, fallen die Maßnahmen regional sehr unterschiedlich aus.
Tropenmedizin in Europa: Die verdrängten Folgen der Erderwärmung
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft den Klimawandel als größte Gesundheitsbedrohung für die Menschheit ein. Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit sieht in den Klimaveränderungen die größte Gesundheitsgefahr für Kinder und Jugendliche.
Laut dem Robert Koch-Institut vergrößert die derzeitige Erwärmung das Verbreitungsgebiet von Krankheiten wie Dengue-Fieber, Chikungunya, Zika, West-Nil-Fieber und Malaria. Die Folgen sind derzeit noch nicht abschätzbar.