Interozeption: Wie 22 bis 33 Sinne unsere Gefühle steuern

Eine junge frau hält eine Hand an ihr herz, die andere Hand auf ihren bauch.

(Bild: Pawel Michalowski, shutterstock)

Herzschlag, Atmung, Hunger: Wer Körpersignale schlecht wahrnimmt, hat ein höheres Risiko für Depressionen und Panikstörungen. Interozeption lässt sich messen.

Lange galt: Der Mensch besitzt fünf Sinne. Doch Forschende der Universität Glasgow und der Universität Oxford widerlegen diese jahrhundertealte Annahme. Sie gehen davon aus, dass Menschen zwischen 22 und 33 verschiedene Sinnessysteme nutzen.

Neben Gleichgewichtssinn und Propriozeption – der Fähigkeit, die Position eigener Körperteile ohne Hinsehen zu spüren – rücken nun weitere Sinne in den Fokus, die unter dem Begriff Interozeption zusammengefasst sind. Dabei geht es um Signale aus dem Körperinneren wie Herzschlag, Atmung, Hunger, Durst oder die Temperatur des Körpers.

Diese Informationen sendet der Organismus kontinuierlich ans Gehirn. "Interozeption ist ein ganz basaler Prozess, ohne den wir nicht überleben könnten", erklärt Beate Herbert, Psychologieprofessorin an der Hochschule Fresenius München und Privatdozentin an der Universität Tübingen gegenüber Spektrum der Wissenschaft.

Körpersignale als Grundlage von Emotionen

Die Bedeutung der Interozeption geht über reine Überlebensfunktionen hinaus. Viele Forschende sind überzeugt, dass sie eine Voraussetzung für emotionales Empfinden ist. Demnach sind körperliche Veränderungen nicht die Folge von Gefühlen, sondern ihre Ursache.

Emotionen gehen immer mit körperlichen Reaktionen einher. Bei Gefahr etwa aktiviert die Amygdala im Gehirn den Körper: Das Herz schlägt schneller, Muskeln spannen sich an, Blutzucker wird freigesetzt. Gefühle entstehen erst, wenn diese körperlichen Veränderungen wahrgenommen werden.

Sie helfen dann, in komplexen Situationen Entscheidungen zu treffen, ohne bewusst nachdenken zu müssen. Das Bauchgefühl zeigt die Richtung.

Interozeptive Akkuranz: Warum Menschen ihr Innenleben unterschiedlich spüren

Menschen unterscheiden sich erheblich darin, wie genau sie Signale aus ihrem Körperinneren wahrnehmen. Forschende sprechen von "interozeptiver Akkuranz" also der Genauigkeit mit der Menschen ihr Innenleben wahrnehmen. Das lässt sich messen – etwa durch Tests, bei denen Probanden ihren Herzschlag zählen, ohne den Puls zu ertasten.

Eine gestörte Interozeption steht im Zusammenhang mit verschiedenen psychischen Erkrankungen. Eine Metaanalyse, die Daten aus sechs Studien zusammenfasste, zeigte: Menschen mit Depressionen haben oft einen schlechteren Einblick in ihr Körperinneres.

Je schwächer ihre Innenwahrnehmung, desto schwächer nehmen sie positive Emotionen wahr und desto schwerer fällt es ihnen, Entscheidungen zu treffen.

Panik wegen der Signale aus dem Körperinneren

Besonders deutlich wird die Bedeutung fehlerhafter Körperwahrnehmung bei Panikstörungen. Die Betroffenen nehmen eine körperliche Veränderung wahr – etwa einen Anstieg der Herzrate oder Kribbeln in den Beinen –, finden aber keine plausible Erklärung dafür. Deshalb wird das dann als Hinweis auf ein bedrohliches körperliches Problem bewertet.

Das löst einen Teufelskreis aus: Die Angst steigert sich, das Herz schlägt noch schneller, der Magen verkrampft, Schwitzen setzt ein. All das verstärkt die ursprüngliche Einschätzung, dass etwas nicht stimmt. Die Reaktion kann sich bis zur Panikattacke steigern.

Essstörungen und Hungergefühl

Auch bei Essstörungen spielt die Interozeption eine zentrale Rolle. Übergewichtige Menschen nehmen den Dehnungszustand ihres Magens oft nicht wirklich wahr und haben ein vermindertes Sättigungsgefühl. Aber auch bei Magersucht ist die interozeptive Genauigkeit ebenfalls verringert.

Eine Studie der University of California, Los Angeles, untersuchte Menschen mit Anorexia nervosa mithilfe einer aktivierbaren, vibrierenden Kapsel. Die Teilnehmenden zeigten eine geringere Genauigkeit bei der Wahrnehmung von Magenempfindungen – selbst nachdem sie wieder an Gewicht zugenommen hatten.

Hunger und Stimmung: Was die Studie aus Tübingen und Bonn zeigt

"Menschen mit Anorexia nervosa ignorieren nicht einfach Signale aus dem Körper", äußerte Sahib Khalsa, leitender Autor der Studie und Neurowissenschaftler an der UCLA gegenüber Science Alert. "Ihr Nervensystem verarbeitet Darmempfindungen möglicherweise anders, was diese Signale schwerer erkennbar, vertrauenswürdig und erlernbar macht. "

Ein Team der Universitäten Tübingen und Bonn untersuchte den Zusammenhang zwischen Hunger und Stimmung. Sie fanden heraus, dass Menschen mit stärker ausgeprägter und präziser Interozeption weniger Stimmungsschwankungen durch Hunger erleben als Menschen mit geringerer Interozeption.

Entscheidend war dabei nicht der gemessene Blutzuckerspiegel, sondern das subjektive Gefühl des Energiemangels. Erst wenn der Hunger bewusst wahrgenommen wurde, sank auch die Laune. Eine gute Körperwahrnehmung kann demnach als Puffer gegen Stimmungsschwankungen dienen.

Der Rumble Recognition Test: Wie das UCL Darmwahrnehmung misst

Forschende der University College London haben gerade einen neuen Test zur Messung der gastrointestinalen Interozeption entwickelt. Der sogenannte „Rumble Recognition"-Test nutzt Aufnahmen von Magen-Darm-Geräuschen – in der Fachsprache Borborygmi genannt.

Im Rahmen einer Studie baten die Forscher dann 45 gesunde Erwachsene, zwei Drittel davon Frauen nach drei Stunden Fasten ins Labor. Ein digitales Stethoskop auf dem Bauch zeichnete die Verdauungsgeräusche auf.

Die Teilnehmenden hörten zwei 15-sekündige Audioclips. Einer war eine Live-Aufnahme ihrer aktuellen Darmgeräusche, der andere war einige Minuten zuvor aufgezeichnet worden. Sie mussten entscheiden, welche Aufnahme in Echtzeit ablief, und bewerten, wie sicher sie sich ihrer Antwort waren.

Der Test wurde in drei verschiedenen Verdauungszuständen wiederholt: während des Fastens, nach dem Trinken von Sprudelwasser und nach dem Konsum eines proteinreichen Mahlzeitenersatz-Shakes.

Veränderungen der Darmwahrnehmung diagnostizieren?

Insgesamt waren die Probanden nicht besonders gut darin, die Live-Aufnahme zu identifizieren. Die Genauigkeit lag zwischen 56 und 60 Prozent – nur leicht über den 50 Prozent, die durch Raten zu erwarten wären.

Doch etwa einer von fünf Teilnehmenden schnitt während des Fastens signifikant besser ab als durch Zufall zu erwarten, nach dem Trinken von Sprudelwasser oder dem Mahlzeitenersatz waren es etwa einer von vier. Das deutet darauf hin, dass sich die Wahrnehmung innerer Verdauungssignale mit dem physiologischen Zustand verändert.

Die Forschenden argumentierten, dass dieser Test künftig helfen könnte, Erkrankungen zu untersuchen, bei denen die Darmwahrnehmung verändert erscheint – darunter Essstörungen, Reizdarmsyndrom, Angststörungen und Depressionen. Das Team stellte den Test als Open-Source-Werkzeug zur Verfügung, was weitere Forschung erleichtern könnte.