Iran: Alles unter Kontrolle?

Satellitenbild der straße von Hormus

Nichts geht mehr: Laut Schiffsdaten wird die Straße von Hormus kaum passiert

(Bild: FoxPictures/Shutterstock.com)

Schiffsdaten zeigen historische Tiefstände in der Straße von Hormus. Trump ist in einer Sackgasse – während Iran die Meerenge als Faustpfand hält. Eine Analyse.

Nun also eine "Wand aus Stahl": Mit diesem neuen Superlativ beschrieb US-Präsident Donald Trump am Dienstagnachmittag die US-Präsenz in der Straße von Hormus. Washington habe die "totale Kontrolle" über die Schiffspassage, erklärte er weiter.

Diese Sichtweise korreliert jedoch nicht mit der Realität vor Ort: Verschiedene Anbieter von Schiffsdaten meldeten in den vergangenen Tagen maximal ein- bis zweistellige Passagen. Am Dienstag erfasste der Datenanbieter Kpler nur acht Schiffe – der niedrigste Tageswert seit dem 5. August. Sieben der acht Schiffe fuhren dabei über die iranische Route in die Straße ein, nur ein Kohlefrachter verließ sie.

Auch die britische Seefahrtsbehörde UKMTO stuft die Lage weiterhin als "ernst" ein und warnt vor feindlichen Handlungen. Vor der Schließung passierten täglich etwa 130 bis 140 Schiffe die Straße – Zahlen, die Trumps Worte in ein gänzlich anderes Licht rücken.

Teheran wies die Trump-Äußerungen umgehend zurück und erklärte die Straße bleibe geschlossen, solange die USA ihr Verhalten nicht änderten und Irans Bedingungen nicht akzeptierten. Wie weiter am Persischen Golf?

Blockade und Beschuss

Auf dem Papier mag über eine Öffnung verhandelt werden, auf dem Wasser bleibt die Lage explosiv. Die US-Armee setzt ihre Seeblockade gegen Iran unvermindert fort.

Wie ernst die Lage ist, zeigte sich am Dienstag: US-Streitkräfte feuerten auf das unter panamaischer Flagge fahrende Frachtschiff "Vela Nova". Ein Marinehubschrauber traf den Maschinenraum mit zwei Hellfire-Raketen und legte die Steuerung lahm; nach US-Angaben ignorierte die Besatzung zuvor wiederholte Warnungen.

Noch vor wenigen Tagen gab es seichte Hoffnung: Ein US-Vertreter berichtete gegenüber Reuters von Fortschritten bei den durch den Oman organisierten Verhandlungen. Sobald ein Abkommen verkündet werde, wolle Washington im Gegenzug die Blockade der iranischen Häfen aufheben, hieß es.

Aufgrund wiederholter, mannigfacher falscher Hoffnungen dominierte schon damalig Skepsis – dennoch schien Bewegung in der Sache zu sein. Inzwischen sind, so überstimmende Medienberichte, zumindest die omanischen Gespräche wieder ins Stocken geraten.

Pakistans Powerplay

Neue Hoffnung kommt erneut aus Islamabad. Pakistan hatte schon vor Wochen – ohne Erfolg – einen Deal im Rahmen eines Memorandum of Understanding (MoU) angebahnt und entsandte nun offenbar seinen Innenminister Mohsin Naqvi gestern gen Teheran.

Grundlage bleibt das im Juni in Islamabad unterzeichnete Memorandum of Understanding (MoU), dessen 60-tägige Frist an diesem Sonntag ausläuft – und somit starken diplomatischen Druck kreiert. Genau auf diese Frist beruft sich Teheran nun: Washington müsse zunächst zum MoU zurückkehren und einen konkreten Zeitplan zur Erfüllung seiner Pflichten vorlegen, bevor überhaupt über eine Verlängerung gesprochen werden könne, zitierte Reuters einen hochrangigen, anonymen, iranischen Vertreter.

Die USA hatten das Abkommen bereits binnen 48 Stunden verletzt und sich wenige Tage später ganz zurückgezogen, so die iranische Darstellung. Pakistanische Quellen hatten zuvor von einer bereits vereinbarten Verlängerung der Waffenruhe berichtet – Iran widerspricht dem ausdrücklich.

Islamabad selbst vertieft damit ein Diplomatie-Powerplay: Es hält die Kanäle nach Teheran und Washington offen, schmiedet zugleich aber mit Saudi-Arabien und der Türkei einen engeren militärischen Beistandspakt.

Dies ist keineswegs ein Selbstläufer, sondern besitzt Verve und Notwendigkeit: Pakistan und Iran teilen 900 Kilometer gemeinsame Grenze, der Krieg liegt für Islamabad direkt vor der Haustür, und die wirtschaftlichen Verflechtungen bringen selbst engste Partner wie Riad zunehmend in Schieflage, haben Auswirkungen auf die pakistanische Volkswirtschaft selbst.

Mit Blick auf eine mögliche Nachkriegsordnung an einem Tag X könnten Pakistans Verbindungen zu Teheran wie zu Riad, an sich zwei verfeindete Lagerzusammen mit chinesischer Vermittlung – zu einem gewichtigen Faktor werden, der dem US-israelischen Hegemoniemodell des Teile-und-Herrsche entgegensteht.

Internationalisierung

Unterdessen ist die Straße von Hormus längst mehr als ein militärischer Schauplatz geworden: Der Iran macht ihre Öffnung selbst zur politischen Verhandlungsmasse – aus dem US-Druckmittel wird so ein iranisches Gegenwerk.

Der Beschuss der "Vela Nova" zeigt zugleich, wie eng Diplomatie und Eskalation mittlerweile verzahnt sind: Jeder Versuch, die Öffnung der Passage militärisch zu erzwingen, treibt zugleich ihren politischen Preis in die Höhe. Damit droht sich der Konflikt über Hormus hinauszuwachsen und internationalisiert sich zunehmend Richtung Bab al-Mandab und Rotes Meer – eine zweite maritime Front.

Während Hormus im Zentrum der Konfrontation steht, greifen die jemenitischen Huthi erneut Schiffe am anderen Ende der arabischen Halbinsel an. Am Dienstag starben sechs Menschen bei einem Doppelangriff auf ein Frachtschiff im Bab al-Mandab, darunter ausgerechnet auch drei pakistanische Staatsbürger – die ersten Todesopfer eines Huthi-Angriffs seit Kriegsbeginn.

Auch an der Landfront bleibt der Krieg aktiv: Iran griff erneut Stellungen kurdisch-irakischer Oppositionsgruppen nordöstlich von Erbil an, die Teheran zunehmend als mögliche US-Stellvertretertruppe an seiner Westgrenze betrachtet. Eine Einschätzung von Chatham House verweist zudem auf widersprüchliche Signale der Trump-Regierung zu einer möglichen Unterstützung eines kurdischen Aufstands gegen Teheran.

Insbesondere die iranischen Angriffe auf die Erbil-Kurden ergeben strategisch durchaus Sinn: Denn im Februar 2026 haben sich fünf große iranisch-irakische kurdische Parteien – darunter PDKI, kommunistische Komala und PJAK – zu einer gemeinsamen politischen Koalition zusammengeschlossen und könnten die US-Luftangriffe am Boden verstärken.

Erneut drohen die kurdischen Separationsbestrebungen und eigenstaatlichen Hoffnungen zum Springquell einer möglichen Zusammenarbeit mit dem US-Imperium zu werden – dass dies für die kurdischen Bewegungen in Syrien wie zuvor im Irak in einer tödlichen Sackgasse endete scheint vergessen.

Parallel zeigte sich Iran unbeeindruckt von neuen US-Sanktionsdrohungen und treibt seine wirtschaftliche Öffnung gen Osten voran: Das Land will der New Development Bank der Brics-Staaten beitreten und setzt damit verstärkt auf Handelskanäle außerhalb des Dollar-Systems.

Kluge Antworten, teure Konsequenzen

Berichten zufolge zahlt sich Teherans Anpassungsstrategie militärisch aus: Im Juli kombinierte Iran über mehrere Tage unterschiedliche Flugkörper und Angriffswellen bei intensiven Attacken auf US-Stellungen in Jordanien, um die amerikanische Luftverteidigung gezielt zu überlasten – mit der Folge, dass teurere Patriot-Abwehrraketen zum Einsatz kommen mussten.

Eine Analyse des CSIS kommt zu dem Schluss, dass die USA bei mehreren Systemen – darunter Patriot, THAAD und SM-3 – bereits erhebliche Teile ihrer Vorkriegsbestände verbraucht haben könnten, während die Produktion vieler dieser Systeme Monate bis Jahre braucht.

Der Iran-Krieg entwickelt sich damit zunehmend zum industriellen Abnutzungskrieg: Washington muss immer knappere und teurere Abfangmunition einsetzen, die US-Schlagkraft ist damit weit weniger unbegrenzt, als es zunächst schien.

Während Pakistans diplomatischer Vorstoß offen bleiben muss, internationalisiert sich der Konflikt weiter – Richtung Irak, Jemen und Rotes Meer. Aus dem direkten Schlagabtausch zwischen Washington und Teheran wird so zunehmend ein regionaler Machtkampf mit vielen Fronten, der von der verkündeten "totalen" US-Kontrolle Lichtjahre entfernt ist.