Jet-Drohnen über Kiew: Russlands neue Geran-Modelle senken Abfangquote
Symbolbild: Die hier gezeigte ältere Geran-2-Drohne wird zunehmend durch schnellere Jet-Drohnen vom Typ Geran-4 ersetzt.
(Bild: Corona Borealis Studio / Shutterstock.com)
Strahlgetriebene Geran-4-Drohnen erreichen dreifache Shahed-Geschwindigkeit. Die Abfangquote fiel auf 65 Prozent.
Russland hat seine Taktik für Luftangriffe gegen die Ukraine grundlegend verändert. Statt wie bisher massiver nächtlicher Drohnensalven setzt Moskau seit Ende August auf nahezu pausenlose Angriffe rund um die Uhr. Getragen werden diese Attacken von einer neuen Generation strahlgetriebener Drohnen.
Wie das Wall Street Journal berichtete, stellen die sogenannten Geran-4-Drohnen mit Geschwindigkeiten von bis zu 500 km/h die ukrainische Luftabwehr vor massive Probleme.
Präsident Wolodymyr Selenskyj bezifferte den Umfang in einer Videoansprache am Sonntag: Innerhalb von vier Tagen habe Russland 1.500 Langstreckendrohnen gestartet, davon rund 800 mit Strahltriebwerken.
"Derzeit besteht Russlands Taktik darin, die Ukraine und die Ukrainer zu zermürben – in erster Linie unser Volk", sagte Selenskyj.
Dreimal schneller als die alten Shahed-Modelle
Die strahlgetriebenen Geran-4 basieren zwar noch auf dem iranischen Shahed-Design, sind aber technisch eine andere Klasse.
Zwei chinesische Turbojet-Triebwerke kommen laut ukrainischer Aufklärung zum Einsatz: der Telefly LX-WP-160 mit 160 Kilogramm Schub und der stärkere TF-TJ2000A mit 200 Kilogramm Schub.
Im Manöver erreichen die Drohnen 300 bis 400 km/h, die Maximalgeschwindigkeit liegt bei 500 km/h, was in etwa dem Dreifachen der älteren propellergetriebenen Versionen entspricht. Die Einsatzhöhe beträgt bis zu 5000 Meter, die Reichweite bis zu 450 Kilometer.
Yurii Ihnat, Sprecher der ukrainischen Luftwaffe, erklärte gegenüber dem Wall Street Journal, dass ein deutlich höherer Anteil der strahlgetriebenen Drohnen seine Ziele erreiche. Bei manchen Angriffen seien inzwischen bis zu zwei Drittel aller eingesetzten Gerans mit Strahlantrieb ausgestattet.
Abfangquote von 90 auf 65 Prozent gefallen
Die Zahlen belegen den Effekt. Noch im Sommer 2026 schoss die ukrainische Luftabwehr rund 90 Prozent der langsameren, propellergetriebenen Geran-2 ab.
Am 6. August startete Russland dann 101 überwiegend strahlgetriebene Geran-Drohnen – die Abfangquote fiel auf nur 65 Prozent, wie das britische Centre for Information Resilience, auf das sich das Wall Street Journal bezieht, ermittelte.
Die ukrainische Luftwaffe setzt gegen die Jet-Drohnen unter anderem F-16-Kampfflugzeuge, tragbare Boden-Luft-Raketen und stationäre Luftabwehrbatterien ein. Auch Abfangdrohnen kommen zum Einsatz – doch die Luftwaffe verfügt laut einem Regierungsvertreter nur über Hunderte solcher Systeme, benötigt aber Tausende.
Das ukrainische Unternehmen Noctis arbeitet an einer schnelleren Version seiner propellergetriebenen Abfangdrohne Zirka, die binnen Wochen einsatzbereit sein soll. "Wir müssen die Geschwindigkeit der Abfangdrohnen und die Höhe, in der sie operieren können, erhöhen", sagte Noctis-Manager Oleksiy Komlichenko gegenüber dem WSJ.
Produktionskapazität und Folgen für die Zivilbevölkerung
Hinter dem Ansturm steht eine massiv ausgebaute Fertigung. In der russischen Drohnenfabrik Alabuga in Tatarstan schätzt der ukrainische Militärgeheimdienst die monatliche Produktion auf rund 2.800 Geran-2 und etwa 3.000 der neueren strahlgetriebenen Varianten.
Insgesamt plane Russland mit rund 11.000 Einheiten monatlich über neun verschiedene Drohnen- und Täuschkörpertypen hinweg. Zu Letzteren zählt auch die Gerbera-Drohne, die sich von einer primitiven Holzattrappe zu einem eigenständigen Wirkmittel mit Kamera und Gefechtskopf entwickelt hat.
Die Dauerangriffe treffen auch die zivile Infrastruktur gezielt. Russland bombardiert systematisch Lebensmittel-Logistikzentren rund um Kiew.
Landwirtschaftsminister Taras Vysotskyi bezifferte die Zerstörung auf rund 90 Prozent der von Handelsketten betriebenen Lebensmittellogistik. In Kiewer Supermärkten verschwanden zeitweise frisches Obst, Gemüse, Zucker und Milchprodukte aus den Regalen. Schon Anfang August hatten Raketenangriffe auf Lagerhäuser die Versorgungsketten empfindlich getroffen.
In Kiew selbst ist ungestörter Schlaf zum Luxus geworden. Brücken werden während der Angriffe gesperrt, der Nahverkehr fällt regelmäßig aus, Geschäftstreffen finden in Tiefgaragen statt. "Es ist mittlerweile völlig unmöglich geworden, irgendetwas zu planen", sagte die 28-jährige Kunstkritikerin Milena Khomchenko gegenüber dem Wall Street Journal.