UN-Bericht: Meeresspiegel steigt doppelt so schnell wie vor zehn Jahren

Wellen und Luftblasen unter blauem Himmel mit dünnen Wolken

Der Meeresspiegel steigt besorgniserregend schnell an, wie ein neuer UN-Bericht aufzeigt.

(Bild: New Africa / Shutterstock.com)

Laut einem neuen UN-Bericht hat sich das Tempo des Meeresspiegelanstiegs binnen eines Jahrzehnts verdoppelt. Forscher warnen vor den Folgen.

Dass sich die Ozeane wegen des Klimawandels erhitzen, ist längst bekannt. Doch dieser Prozess schreitet wohl inzwischen deutlich schneller voran als noch vor Jahren angenommen. Und das hat erhebliche Folgen: Der Meeresspiegel steigt rapide an und Fischbestände schwinden.

Zu diesem Ergebnis kommt die dritte Weltmeerbewertung der Vereinten Nationen (WOA III), die bereits im Juni veröffentlicht wurde.

Mehr als 650 Wissenschaftler aus 86 Ländern haben den 1.352 Seiten starken Bericht erarbeitet. Es ist die umfassendste Bestandsaufnahme der Meeresgesundheit seit der letzten Ausgabe im Jahr 2021.

Die zentrale Zahl: Der globale Meeresspiegel stieg zwischen 2013 und 2023 um durchschnittlich 4,3 Millimeter pro Jahr. Im Zeitraum von 1993 bis 2002 lag die Rate noch bei 2,1 Millimetern. Vor 2015 betrug sie weniger als 2,0 Millimeter jährlich. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich das Tempo damit mehr als verdoppelt.

Wie der Guardian berichtete, sprechen die Vereinten Nationen von einem "schweren und sich beschleunigenden" Druck auf die Meere.

Historisch betrachtet ist die Entwicklung ohne Vergleich: Eine im Oktober 2025 im Fachblatt Nature veröffentlichte Studie zeigte bereits, dass der Meeresspiegelanstieg seit 1900 der stärkste seit 4.000 Jahren ist.

Atlantik und Pazifik: Wo sich die Ozeane am schnellsten erwärmen

Die Erwärmung der Meere hat sich in jüngster Zeit drastisch beschleunigt. Laut der Bewertung entfielen 16 Prozent der gesamten Wärmeaufnahme der Ozeane seit 1955 allein auf den Zeitraum von 2018 bis 2023.

Zum Vergleich: Die Meere haben insgesamt mehr als 90 Prozent der überschüssigen Wärme aufgenommen, die der Mensch durch Treibhausgasemissionen erzeugt hat, dazu rund 30 Prozent des anthropogenen Kohlendioxids.

Physikalisch treibt die Erwärmung den Meeresspiegel auf zwei Wegen nach oben.

  • Wärmeres Wasser dehnt sich aus – diese thermische Ausdehnung ist laut WOA III für 30 bis 50 Prozent des aktuellen Anstiegs verantwortlich.
  • Den Rest steuern schmelzende Eisschilde in Grönland und der Antarktis sowie Gebirgsgletscher bei.

Besonders stark fiel laut Bericht die Erwärmung im Atlantik sowie in den südlichen Bereichen des Indischen und Pazifischen Ozeans aus.

Die Konsequenzen reichen weit über steigende Pegel hinaus. Höhere Oberflächentemperaturen führen zu mehr Hurrikanen, deren zerstörerische Kraft etwa jedes Jahr in der Karibik zu erleben ist.

Die höheren Temperaturen treiben zudem Meeresarten in kühlere Gewässer und dezimieren Korallenriffe, die einem Viertel aller Meereslebewesen Lebensraum bieten. Parallel sinkt der pH-Wert der Ozeane: Seit vorindustrieller Zeit hat die durchschnittliche Oberflächenversauerung um etwa 0,1 pH-Einheiten zugenommen.

Eine im März 2026 in Nature publizierte Untersuchung zeigte zudem, dass die tatsächlichen Pegelstände an vielen Küsten höher liegen als bislang angenommen, was aber von den gängigen Erdmodellen systematisch unterschätzt wird.

Überfischung und Mikroplastik: Die Bedrohung der marinen Nahrungskette

Fisch liefert rund 20 Prozent des tierischen Proteins, das weltweit konsumiert wird. Wie lange die Meere noch in dieser Form zur Ernährung beitragen können, ist unklar, denn die Bestände werden kleiner.

Laut Bericht wurden im Jahr 2021 rund 38 Prozent der globalen Fischbestände schneller befischt, als sich die Populationen erholen konnten. Eine Änderung ist nicht in Sicht – ganz im Gegenteil, stieg der Anteil überfischter Bestände noch an: Im Jahr 2019 lag er noch bei 35,4 Prozent.

Gleichzeitig sank der Anteil nachhaltig bewirtschafteter Bestände von 64,6 Prozent im Jahr 2019 auf 62,3 Prozent im Jahr 2021.

Zur Überfischung kommen chemische Belastungen. Der Bericht nennt Plastikmüll, landwirtschaftliche Abwässer, Klärschlamm, pharmazeutische Rückstände und Industriechemikalien als wesentliche Treiber.

Diese Schadstoffe reichern sich in Meeresorganismen an und verstärken ihre Wirkung über die Nahrungskette hinweg bis zum Menschen. Seegraswiesen – wichtige Kinderstuben für Fische und natürliche Kohlenstoffspeicher – sind seit dem späten 19. Jahrhundert um rund 29 Prozent geschrumpft. Mehr als 4.000 Meeresarten sind inzwischen von Mikroplastik betroffen.

Ian Butler, Meeresökologe bei der australischen Regierung und einer der Hauptautoren, warnte gegenüber Bloomberg:

"Das kommende Jahrzehnt ist entscheidend: Ohne rasches, koordiniertes globales Handeln wird sich der Zustand der Ozeane weiter verschlechtern und damit die Klimastabilität, die Widerstandsfähigkeit der Artenvielfalt, die Ernährungssicherheit, die Lebensgrundlagen und das Wohlergehen von Milliarden Menschen gefährden."

Nur 27 Prozent des Meeresbodens sind kartiert

Trotz aller Warnsignale bleiben die Wissenslücken erheblich. Laut der Bewertung waren bis 2025 lediglich 27 Prozent des globalen Meeresbodens kartiert.

Über die Anfälligkeit mariner Biodiversität und mikrobieller Gemeinschaften in der Tiefsee gegenüber Klimawandel und industrieller Nutzung – etwa geplantem Tiefseebergbau – sei nur wenig bekannt, räumen die Wissenschaftler ein.

Verschärft wird das Problem durch politische Entscheidungen. Die Trump-Regierung in den USA unternimmt laut dem Bericht Schritte, das weltweit umfangreichste Netzwerk von Meeres-Sensoren und Beobachtungsplattformen abzubauen, was die Datenlücke noch vergrößern dürfte.

Wer immer noch glaubt, diese Entwicklung würde ohne Folgen an der Menschheit vorüberziehen, sieht sich getäuscht. Drei Milliarden Menschen leben im Umkreis von 100 Kilometern von der Küste, bis zu 45 Prozent der weltweiten Wirtschaftstätigkeit findet im Küstenraum statt.

Für europäische Küstenstädte liefert die Bewertung zwar keine ortsscharfen Projektionen. Doch die Befunde legen nahe, dass niedrig liegende Hafen- und Küstenräume weltweit verwundbar sind.

Wie konkret die Bedrohung auch für Städte wie Hamburg, New Orleans oder Bangkok ausfällt, zeigen bereits vorliegende Analysen zur historischen Treffsicherheit von Meeresspiegelprognosen.

BBNJ-Abkommen: Kann die UN-Politik den Kollaps der Meere stoppen?

Die Bewertung benennt aber auch politische Fortschritte. Anfang 2026 trat das UN-Abkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt auf Hoher See (BBNJ-Abkommen) in Kraft, das erstmals die Einrichtung von Meeresschutzgebieten in internationalen Gewässern ermöglicht.

Seit 2025 gilt zudem ein Fischereisubventionsabkommen, das schädliche Subventionen eindämmen soll. Die globale Ozean-Governance bleibe dennoch "fragmentiert", so die Forscher – Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialpolitik müssten stärker verzahnt werden.

Butler zeigte sich trotz der düsteren Bestandsaufnahme gegenüber Bloomberg vorsichtig optimistisch:

"Ich glaube, dass wir durch dringende, koordinierte globale Maßnahmen die Gesundheit der Meere noch wiederherstellen können, um einen gesunden, artenreichen Ozean zu sichern, der allen Lebewesen auf der Erde zugutekommt."

Ob das gelingt, dürfte sich in den kommenden Jahren entscheiden, allerdings sprechen die Daten bislang eine andere Sprache.