Longevity-Forschung: Bringt Delphinidin den Nacktmull-Effekt für Menschen?
(Bild: Butusova Elena, shutterstock)
Forscher der Universität Rochester nutzen den Pflanzenstoff Delphinidin, um den Anti-Aging-Schutz von Nacktmullen auf Mäuse zu übertragen.
Nacktmulle sehen sehr merkwürdig aus, leben aber auch sehr lange. Die faltigen Nagetiere werden bis zu 41 Jahre alt – fast zehnmal so lange wie ähnlich große Nagetiere. Zudem erkranken sie im Alter kaum an Krebs, Herz-Kreislauf-Problemen oder neurodegenerativen Leiden.
Wissenschaftler der Universität Rochester haben nun einen Teil dieses biologischen Vorteils gentechnisch auf Mäuse übertragen. Das Team um Vera Gorbunova, Professorin für Biologie und Medizin, und Andrei Seluanov, Professor für Biologie, übertrug das Nacktmull-Gen für Hyaluronan-Synthase 2 auf Mäuse.
Dieses Gen steuert die Produktion eines Proteins, das Hyaluronsäure herstellt. Und diese gelartige Substanz kommt bei Nacktmullen in etwa zehnfacher Menge vor wie bei Menschen oder Mäusen.
Die gentechnisch veränderten Mäuse lebten im Median rund 4,4 Prozent länger als normale Mäuse. Sie entwickelten überdies seltener spontane Tumore und waren besser gegen chemisch ausgelösten Hautkrebs geschützt. Zudem zeigten sie im Alter weniger Entzündungen in verschiedenen Geweben und ihre Darmbarriere blieb stabiler.
Longevity-Faktor Hyaluronsäure: Auf die Länge kommt es an
Hyaluronsäure, eine Kette aus Disacchariden, ist ein Bestandteil des Gewebes zwischen den Zellen. Sie beeinflusst, wie Zellen miteinander kommunizieren, Schäden reparieren und auf Stress reagieren. Entscheidend ist dabei die Größe der Moleküle, also dioe Länge des Polysaccharids.
Hochmolekulare, also besonders langkettige Hyaluronsäuremoleküle, wirken entzündungshemmend und schützen Gewebe. Das ist auch die Form, die Nacktmulle in großen Mengen erzeugen.
Wird die Verbindung jedoch in kleinere Bruchstücke zerlegt, kehrt sich die Wirkung um: Die Fragmente wirken wie Alarmsignale, verstärken Entzündungen und können Prozesse fördern, die mit Tumorwachstum in Verbindung stehen.
Grenzen der Longevity: Nicht alle Organe profitieren gleich
Die Forschenden vermuten, dass hochmolekulare Hyaluronsäure das Immunsystem direkt reguliert. Der genaue Mechanismus ist jedoch noch nicht vollständig verstanden und bedarf weiterer Untersuchungen.
Und die Übertragung des Gens führte zwar zu messbaren Verbesserungen, schützte die Mäuse aber nicht vor allen Alterserscheinungen. Eine Studie aus dem Jahr 2025, die auf dem Preprint-Server bioRxiv veröffentlicht wurde, zeigte, dass die genetisch veränderten Mäuse durch ihr neues Gen zum Beispiel keinen Schutz vor altersbedingtem Hörverlust genossen.
Das deutet darauf hin, dass manche Organe weniger gut auf diesen Mechanismus ansprechen als andere. Die Langlebigkeit von Nacktmullen beruht wahrscheinlich auf mehreren, sich überschneidenden Schutzmechanismen.
Eine 2025 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Studie beschrieb einen weiteren möglichen Mechanismus der Langlebigkeit begünstigt: Das Protein cGAS, das bei Menschen und Mäusen bestimmte Formen der DNA-Reparatur behindern kann, scheint bei Nacktmullen Zellen dabei zu helfen, DNA-Schäden effektiver zu reparieren.
Spezifische Veränderungen in diesem Protein verbesserten in Experimenten die Genomstabilität und verzögerten Alterungsanzeichen.
Longevity-Therapie: Vom Gen-Eingriff zum Medikament
Das Forschungsteam betont, dass Genübertragung nicht das Endziel ist. Das nächste Ziel sei es, eine Therapie für Menschen zu entwickeln. Dabei verfolgt die Gruppe zwei Ansätze: Ein Weg könnte sein, die körpereigene Produktion von hochmolekularer Hyaluronsäure zu steigern, der andere, ihren Abbau zu bremsen.
Derzeit wird allerdings noch in präklinischen Studien – also im Reagenzglas oder mit Tieren – experimentiert.
Ein konkretes Beispiel für die Strategie, den Abbau zu verlangsamen, erschien 2024 in der Fachzeitschrift Scientific Reports. Die Forscher identifizierten Delphinidin, ein Pflanzenpigment aus verschiedenen Früchten und Gemüsesorten, als vielversprechenden Kandidaten. Denn Delphinidin hemmt Hyaluronidasen – Enzyme, die Hyaluronsäure abbauen.
Pflanzenstoff Delphinidin: Natürlicher Longevity-Booster?
In der Studie erhöhte die Hemmung dieser Enzyme durch Delphinidin die Menge an hochmolekularer Hyaluronsäure in Zellen und Mausgewebe. Sie verringerte zudem die Ausbreitung mehrerer Krebszelllinien und unterdrückte Melanom-Metastasen bei Mäusen.
Das ist besonders relevant, weil Nacktmulle nicht nur ungewöhnlich viel Hyaluronsäure herstellen, sondern sie auch ungewöhnlich langsam abbauen. Ihre Biologie gewinnt also auf beiden Seiten der Gleichung.
Sichere Longevity: Warum die Kontrolle entscheidend bleibt
Die Arbeit aus Rochester stützt die Idee, dass einige Eigenschaften, die Langlebigkeit versprechen, übertragbar sein könnten. Doch sie in menschliche Therapien umzusetzen, wird wohl eine andauernde, regelmäßige und präzise Kontrolle erfordern.
Es gilt nämlich, die richtige molekulare Form der Hyaluronsäure zu erhalten, das richtige Gleichgewicht zwischen Synthese und Abbau zu finden und sorgfältig auf mögliche Nachteile zu achten, da verschiedene Gewebe unterschiedlich reagieren.