Longevity: Was der Darm der ältesten Frau der Welt verrät
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Forscher aus Barcelona entschlüsseln das Mikrobiom einer 117-Jährigen. Ihr biologisches Alter lag im Schnitt rund 23 Jahre unter dem realen.
Maria Branyas Morera wurde 117 Jahre und 168 Tage alt. Damit war sie zuletzt der älteste Mensch der Welt und damit besonders interessant für die Langlebigkeitsforschung.
Ein internationales Team um den Epigenetiker Manel Esteller hat sich auch tatsächlich mit ihr beschäftigt, um ihr Geheimnis des langen Lebens zu entschlüsseln. Kürzlich haben sie ihre Ergebnisse in einer Studie im Fachmagazin Cell Reports Medicine veröffentlicht. Analysiert haben sie Moreras Genom, ihre Epigenetik und ihr Darmmikrobiom.
Eines der Ergebnisse: Der Darm spielt offenbar eine wichtige Rolle für ein langes Leben.
Die Wissenschaftler bestimmten Moreras biologisches Alter anhand von sechs kalibrierten epigenetischen Uhren, die DNA-Methylierungsmuster in drei Gewebetypen auswerteten.
Das Ergebnis: Ihr biologisches Alter lag je nach Messmethode zwischen 83,9 und 107,9 Jahren. Im Schnitt war sie physiologisch 17 bis 23 Jahre jünger als chronologisch. Und das sei einer der Gründe gewesen, dass sie ihr hohes Alter erreicht hat, erklärte Esteller gegenüber dem Magazin New Scientist.
Bifidobacterium statt Clostridium: Die Darmflora einer Supercentenarian
Besonders auffällig war das Mikrobiom der Spanierin. Verglichen mit Kontrollpersonen im Alter von 61 bis 91 Jahren zeigte ihre Darmflora eine deutlich höhere Alpha-Diversität – also mehr Artenreichtum innerhalb der Probe.
Bifidobakterien, deren Anzahl im Darm eigentlich mit dem Alter abnimmt, waren bei ihr etwa fünfmal häufiger vertreten als in der Kontrollgruppe. Diese Bakteriengattung produziert aus dem Nahrungsbrei kurzkettige Fettsäuren wie Acetat, von denen sich die Zellen in der Darmschleimhaut ernähren. Werden sie also durch kurzkettige Fettsäuren gefördert, stabilisiert sich die Darmbarriere und entzündungsfördernde Zytokine werden ausgebremst.
Gleichzeitig lagen ihre Clostridium-Bestände niedriger als bei jüngeren Vergleichspersonen. Einige dieser Bakterienstämme bilden Toxine, die die Darmzellen schädigen können, wodurch sie die Barriere durchlässig machen und chronische Entzündungen begünstigen.
Drei Joghurt am Tag und die mediterrane Formel
Moreras Ernährungsprofil der vergangenen 20 Jahre zeigt ein klares Muster: drei Joghurt täglich, dazu hielt sie sich weitgehend an eine mediterrane Diät mit viel Gemüse, Olivenöl, Fisch und Hülsenfrüchten.
Dazu pflegte sie einen gesunden Lebensstil: Sie rauchte nie, trank keinen Alkohol und ging jahrelang täglich eine Stunde spazieren.
Der Genuss von fermentierten Milchprodukten und ballaststoffreicher Kost, wie von Morera praktiziert, gilt als besonders günstig, da diese Lebensmittel als Nährboden für nützliche Keime wie Akkermansia muciniphila gelten, die die Schleimhautschicht des Darms aktiv erneuern.
Die Bedeutung des Darmmikrobioms wird auch durch andere Studien bestätigt. So kam eine vergleichende Studie mit 125 Centenarians aus Indien, Italien, Japan und China zu folgendem Ergebnis: Unabhängig von Herkunft und Kultur wiesen Hundertjährige durchweg eine höhere Biodiversität im Darm auf als jüngere Kontrollgruppen.
Als potenzielle Signaturen gesunden Alterns identifizierten die Forscher neben Akkermansia auch Alistipes und Ruminococcaceae D16 – allesamt Gattungen, die entzündungshemmende Metabolite oder Butyrat produzieren.
Fäkaltransplantation als nächster Schritt
Die Ergebnisse sind noch Korrelationen, keine bewiesenen Kausalitäten. Doch Tierversuche deuten bereits an, wohin die Reise gehen könnte: Fäkale Mikrobiomtransfers von jungen Spendern verbesserten bei Mäusen kognitive Funktionen und reduzierten Neuroinflammation messbar.
Das Pioneer 100 Wellness Project zeigte zudem, dass Menschen zwischen verschiedenen mikrobiellen Profilen wechseln können und dass dynamische Veränderungen im Alter mit einer besseren Gesundheit korrelieren.
Für den Alltag bleibt die Botschaft nüchtern: Ballaststoffreiche Ernährung, Bewegung und ein sparsamer Umgang mit Antibiotika sind nach aktuellem Wissensstand die wirksamsten Hebel für ein diverses Darmmikrobiom. Kommerzielle Mikrobiom-Tests liefern zwar breite Profile, können aber weder Krankheiten diagnostizieren noch Langlebigkeit vorhersagen.