Langes Sitzen erhöht Krebsrisiko: Was eine neue Großstudie zeigt

Ein Mann sitzt in einem Bürostuhl

Wer beruflich oder privat viel sitzt, sollte regelmäßige Bewegungspausen einlegen

(Bild: PeopleImages/Shutterstock.com)

Wer täglich mehr als 30 Minuten am Stück sitzt, hat einer neuen Studie zufolge ein erhöhtes Risiko, an Krebs zu sterben. Schon kurze Bewegungspausen helfen.

Langes, ununterbrochenes Sitzen ist offenbar gefährlicher als bislang angenommen – zumindest wenn es um das Risiko geht, an Krebs zu sterben. Das ist das Kernergebnis einer am 2. Juli 2026 im Fachjournal PLOS Medicine veröffentlichten Studie, in der Forscher University of Glasgow und weiterer internationaler Institutionen Daten von 91.292 Teilnehmer der britischen UK-Biobank-Kohorte über einen Beobachtungszeitraum von mehr als 12 Jahren auswerteten.

Entscheidend dabei: Nicht nur die Gesamtdauer des Sitzens pro Tag spielt eine Rolle, sondern vor allem, ob die Ruhephasen am Stück oder mit Unterbrechungen verbracht werden.

Was die Studie gemessen hat

Die Teilnehmer trugen am Handgelenk befestigte Beschleunigungsmesser (sogenannte Akzelerometer) sieben Tage lang kontinuierlich. Ein maschinenlernbasiertes Klassifikationsmodell wertete die Rohdaten aus und unterschied zwischen sitzendem Verhalten, leichter körperlicher Aktivität – etwa Bügeln oder Abwaschen –, moderater Aktivität wie zügigem Gehen sowie intensiver Bewegung wie Laufen oder Tennisspielen.

Als "verlängertes sitzendes Verhalten" (prolonged sedentary behavior) definierten die Forscher Phasen, in denen jemand mindestens 30 Minuten am Stück zu mindestens 90 Prozent der Zeit saß oder lag, ohne sich nennenswert zu bewegen. "Unterbrochenes sitzendes Verhalten" hingegen umfasste kürzere Phasen oder solche, die regelmäßig durch Aktivität aufgelockert wurden. Beide Kategorien schließen sich gegenseitig aus.

Die zentralen Befunde

Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Unterschied zwischen den beiden Formen des Sitzens. Jede zusätzliche Stunde verlängerten Sitzens pro Tag war mit einem um zehn Prozent erhöhten Risiko verbunden, an Krebs zu sterben (Hazard Ratio 1,09; 95 Prozent-Konfidenzintervall 1,06–1,11). Demgegenüber war jede zusätzliche Stunde unterbrochenen Sitzens mit einem um 19 Prozent niedrigeren Risiko für Krebssterben assoziiert (HR 0,82; 95 Prozent-KI 0,78–0,86).

Auch bei der Krebsneuerkrankung zeigte sich ein ähnliches Muster: Verlängertes Sitzen war mit einem drei Prozent höheren Risiko pro Stunde verbunden, unterbrochenes Sitzen hingegen mit einem sechs Prozent niedrigeren Risiko. Besonders ausgeprägt waren die Zusammenhänge bei sogenannten adipositas-assoziierten Krebsarten – darunter Speiseröhren-, Leber-, Nieren-, Brust- und Darmkrebs – sowie bei Krebsarten, die mit Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht werden, etwa Schilddrüsen-, Bauchspeicheldrüsen- und Blasenkrebs.

Zudem zeigte sich bei mehreren krebsspezifischen Auswertungen – etwa für Brust-, Lungen- und Mundkrebs sowie Non-Hodgkin-Lymphome und Leukämie –, dass verlängertes Sitzen mit einem höheren, unterbrochenes Sitzen hingegen mit einem niedrigeren Erkrankungsrisiko verbunden war.

Bewegung als Gegenmaßnahme

Die Studie untersuchte auch, was passiert, wenn Sitzzeiten durch körperliche Aktivität ersetzt werden. Die Ergebnisse: Wer täglich eine Stunde verlängerten Sitzens durch leichte körperliche Aktivität ersetzt – etwa Bügeln oder Abwaschen –, hatte ein um zwölf Prozent niedrigeres Risiko, an Krebs zu sterben.

Das Ersetzen von 30 Minuten verlängertem Sitzen durch moderates Gehen war mit einem um acht Prozent niedrigeren Sterblichkeitsrisiko verbunden. Den stärksten Effekt zeigte intensive Aktivität: Bereits fünf Minuten intensiver Bewegung täglich anstelle von fünf Minuten Sitzen waren mit einem um 22 Prozent niedrigeren Risiko für Krebssterben assoziiert.

Dr. Frederick Ho, Co-Autor der Studie an der University of Glasgow, erklärte dazu: "Was unsere Daten zeigen, ist, dass Sitzen von mehr als 30 Minuten am Stück besonders stark mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden ist. Die gute Nachricht ist, dass das Unterbrechen der Sitzzeit durch etwas so Einfaches wie einen kurzen Spaziergang schützend wirken könnte."

Ho wies zudem darauf hin, dass aktuelle Gesundheitsempfehlungen stark auf moderate und intensive körperliche Betätigung ausgerichtet seien: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass leichte Bewegung nicht ignoriert werden sollte." Leichte körperliche Aktivität ist bislang in keinen offiziellen Bewegungsempfehlungen verankert – unter anderem, weil sie mit Fragebögen schwer zu erfassen ist.

Keine Kausalität, aber ein klares Muster

Die Studie hat mehrere Einschränkungen, die die Forscher selbst benennen. Als Beobachtungsstudie kann sie keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen. Es ist beispielsweise denkbar, dass Menschen, die bereits erkrankt sind, mehr sitzen – und nicht umgekehrt. Um diesen Effekt zu minimieren, schlossen die Forscher die ersten zwei Beobachtungsjahre in einer Sensitivitätsanalyse aus; die Ergebnisse blieben dabei stabil.

Darüber hinaus ist die UK-Biobank-Kohorte nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung: Die Teilnehmer sind im Schnitt gesünder und wohlhabender als der Bevölkerungsdurchschnitt. Die Aktivitätsmessung erfolgte zudem nur über einen Zeitraum von sieben Tagen und bildet damit möglicherweise nicht das langfristige Bewegungsverhalten ab.

Auch der Kontext des Sitzens – ob am Schreibtisch, vor dem Fernseher oder beim Autofahren – ließ sich mit den Geräten nicht erfassen. Eine frühere UK-Biobank-Studie hatte gezeigt, dass insbesondere das Fernsehen, nicht aber Autofahren oder Computernutzung, mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden ist.

Prof. Kevin McConway, emeritierter Professor für angewandte Statistik an der Open University, der nicht an der Studie beteiligt war, bezeichnete die Ergebnisse als interessant, betonte aber, dass weitere Forschung nötig sei.

Biologische Erklärungsansätze

Die Forscher diskutieren mehrere biologische Mechanismen, die die beobachteten Zusammenhänge erklären könnten. Verlängertes Sitzen fördert demnach eine chronische, niedriggradige Entzündungsreaktion im Körper und beeinträchtigt die Immunfunktion.

Zudem begünstigt es die Ablagerung von Fett in Organen wie Leber, Skelettmuskulatur und Bauchspeicheldrüse – ein Prozess, der als ektope Fetteinlagerung bezeichnet wird und als metabolisch schädlich gilt. Schließlich kann langes Sitzen die Blutzuckerregulation stören und zu erhöhten Insulin- und IGF-1-Spiegeln führen – Wachstumsfaktoren, die mit dem Entstehen von Brust-, Prostata- und Darmkrebs in Verbindung gebracht werden.

Interessanterweise fanden die Forscher keine statistisch bedeutsame Wechselwirkung zwischen Sitzverhalten und Übergewicht: Das erhöhte Risiko durch langes Sitzen war unabhängig davon, ob jemand adipös war oder nicht.

Praktische Empfehlung: Alle 20 bis 30 Minuten aufstehen

Aus den Ergebnissen lässt sich eine einfache Handlungsempfehlung ableiten: Wer längere Zeit sitzt, sollte alle 20 bis 30 Minuten kurz aufstehen und sich bewegen – selbst wenn es nur darum geht, ein Glas Wasser zu holen oder kurz herumzugehen. Das ersetzt laut den Forschern keine regelmäßige sportliche Betätigung, ergänzt sie aber sinnvoll.

Ho betonte, dass klinische Studien folgen müssten, um personalisierte Strategien zur Unterbrechung von Sitzzeiten zu entwickeln: "Wir müssen über pauschale Ratschläge hinausgehen." Die Studie selbst sieht ihre Ergebnisse als Ausgangspunkt für Interventionsstudien, die Kausalität gezielt untersuchen sollen.