Machtkampf im Weltfußball: Hat Gianni Infantino das Spiel überreizt?
Fifa-Präsident Gianni Infantino;Bild: Shutterstock.com
Der Fifa-Präsident zieht seinen umstrittenen Investorenplan zurück – und plötzlich geht es um mehr als nur einen gescheiterten Deal.
Die Aufregung war groß. Nicht nur die unverbesserlichen Fußballromantiker dieser Erde waren erschüttert über die neueste Infantino-Infamie.
Der Italo-Schweizer FIFA-Boss Gianni Infantino hatte Mitte vergangener Woche seine Pläne verkündet, Teile der kommerziellen Rechte des Weltfußballverbandes, etwa jene an der Fußball-Weltmeisterschaft, zu verkaufen und auf diesem Weg eine zusätzliche Milliardensumme einzuspielen.
Für die Umsetzung wollte die FIFA ein Tochterunternehmen namens FIFA Forward Enterprise (FFE) gründen. Vor allem damit hatte Infantino die Fußballwelt in Empörung versetzt.
13 Milliarden Euro WM-Erlöse
"Der Fußball steht nicht zum Verkauf!", tönte es allerorten – so als ob dies nicht schon lange der Fall wäre. Als ob nicht schon in diesem Jahr mit der gerade zu Ende gegangenen Fußball-WM gerade erst 13 Milliarden Euro erwirtschaftet worden waren.
So, als ob nicht der Fußball ohnehin vor allem ein großes Geschäft und essenzieller Teil des globalen Showbusiness wäre; als ob nicht Ablösesummen im zehnstelligen Millionenbereich heute auch für Durchschnittsspieler die Regel sind; so als ob nicht etwa ein Bundestrainer-Loser wie der deutsche Julian Nagelsmann auch noch nach dem komplett ins Wasser gefallenen deutschen WM-Auftritt mit einer Abfindung von über sechs Millionen Euro nach Hause gehen konnte.
Im Fußball herrscht vor allem Doppelmoral
Die große Empörung kam vor allem von drittklassigen Figuren und Durchschnittsfunktionären. Aus Deutschland meldete sich zum Beispiel DFB-Präsidiumsmitglied Alexander Wehrle zu Wort. Wehrle hielt es für nötig, rhetorische Fragen zu formulieren, wie "War Gianni Infantino je in einer Fankurve?" oder "hat er je selbst Fußball gespielt? Weiß er, was Fußball bedeutet?".
Das kommt ausgerechnet von einem Stuttgarter Funktionär, der selber niemals Fußballprofi war, und der genau weiß, dass weder Jürgen Klopp noch Julian Nagelsmann, um nur einmal die beiden zu nennen, herausragende Fußballspieler gewesen sind. Auf derlei "Expertise" kommt es nicht an.
Im Fußball herrscht also vor allem Doppelmoral. Zu dieser gehört, dass alle Geschäfte machen wollen und mitverdienen möchten, dass aber in dem Moment, wo einer ganz besonders viel verdient, dieser in Gefahr läuft, zum Geächteten zu werden.
So jetzt womöglich Gianni Infantino.
"Wir lehnen den Vorschlag der Fifa einstimmig und unmissverständlich ab"
Was war geschehen? Kurz nach der vergangenen Fußball-WM, der größten, die es je gab, wurden Pläne für eine mögliche Ausweitung der Fußball-Weltmeisterschaft auf 64 Mannschaften publik.
Es sei ein Thema, über das man "auf jeden Fall" nach der WM nachdenken solle, sagte der 56-jährige Infantino. Die ganze Welt müsse von der WM träumen dürfen und "nicht nur Europa und Südamerika". Der Guardian, ESPN und Sky News berichteten mit Verweis auf ihnen vorliegende Dokumente des Weltverbandes, dass die FIFA die Auswirkungen einer möglichen Aufstockung konkret untersuchen lassen möchte.
Zeitgleich verkündete der Fußball-Weltverband um Präsident Gianni Infantino, dass er sich harscher Kritik für seine Investorenpläne ausgesetzt sieht. Der geplante Deal der Fifa führte zu weltweiten Gegenreaktionen.
Der europäische Dachverband Uefa stellte vergangene Woche die Möglichkeit eines WM-Boykotts in den Raum und drohte Infantino persönlich mit rechtlichen Schritten. "Wir lehnen den Vorschlag der Fifa, Eigentumsanteile an der Weltmeisterschaft und anderen Fifa-Wettbewerben auf private Investoren zu übertragen, einstimmig und unmissverständlich ab", teilte die Uefa in einer Stellungnahme am Donnerstag mit und kündigte einen Boykott für Fifa-Wettbewerbe an, wenn der Weltverband seine Pläne weiter verfolgen sollte.
Auch der für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständigen Concacaf und der asiatische Fußballdachverband AFC hatten die Pläne von Infantino heftig kritisiert.
"Die AFC solidarisiert sich mit der Uefa und der Concacaf", hieß es in einer Pressemitteilung. Und aus Asien war von "ernsthaften Bedenken" hinsichtlich der Fifa-Pläne zu hören.
Dass ein WM-Boykott im Raum stehe, müsse "jeden beunruhigen". Eine Weiterverfolgung der Pläne ergebe keinen Sinn:
"Die AFC ist der Ansicht, dass die vorgeschlagene FFE realistisch gesehen nicht den notwendigen breiten Konsens und die Einigkeit erzielen kann, die für weitere Fortschritte erforderlich sind."
Kritik aus der Fifa
In der Folge war auch aus Kreisen der Fifa selbst Kritik laut geworden: Gegen die Pläne seines Chefs regte sich Widerstand bei Betriebsdirektor Kevin Lamour, der warf Infantino vor, die Mitarbeiter hintergangen zu haben. Zuvor war bereits Carlos Cordeiro, ein hochrangiger Berater Infantinos, aus Protest gegen das Vorhaben zurückgetreten. Er betonte, an den Plänen nicht beteiligt gewesen zu sein.
Die Fifa besteht aus 211 Mitgliedsverbänden und erklärte im Rahmen ihrer Statements, dass eine einfache Mehrheit zur Absegnung der Pläne genügen würde. Das entspricht 106 Einzelverbänden. Die Uefa (55), die Concacaf (41) und der AFC (47) vereinen aber 147 Mitgliedsverbände. Irrelevant ist ob der Menge an sich widersetzenden Verbänden, wie der sanktionierte russische Verband bei einer Fifa-Abstimmung eingebunden worden wäre.
In der Nacht von Freitag auf Samstag beendete Fifa-Präsident Gianni Infantino offiziell die umstrittenen Investorenpläne
"Wir können nicht so weitermachen wie bisher"
Nun könnte es auch für Infantino persönlich eng werden. Nach dem endgültigen Aus bezog die Uefa am Samstag noch einmal Stellung – mit teils scharfen Worten. Das Statement im Wortlaut:
"Die Uefa begrüßt die Entscheidung der Fifa, ihren Plan zum Verkauf von Anteilen an ihren Wettbewerben - einschließlich der Weltmeisterschaft - an private Investoren zurückzuziehen. Der Vorschlag wurde von den Nationalverbänden der Uefa sowie von vielen anderen Verbänden und Konföderationen aller Größenordnungen weltweit, deren Aufgabe es ist, den Fußball zu schützen, einstimmig abgelehnt. ...
Wir können nicht so weitermachen wie bisher - mit geheimen Plänen, die im Eiltempo von anonymen Personen ausgeheckt werden und deren Nutzen für den Sport zweifelhaft ist. Wir müssen die Verantwortlichen identifizieren und zur Rechenschaft ziehen ...
Es ist richtig, dass die Uefa in den kommenden Tagen und Wochen gemeinsam mit ihren Verbänden und in enger Zusammenarbeit mit anderen Konföderationen darüber nachdenken wird, wie es dazu kommen konnte, und einen Plan ausarbeiten wird, um sicherzustellen, dass sich so etwas nicht wiederholen kann.
Diese Überprüfung sollte gründlich und grundlegend sein. Keine Option sollte ausgeschlossen werden. ... Der schäbige, hinter verschlossenen Türen ausgehandelte, undurchsichtige Deal ... war alles andere als transparent."
Die Revolution im Weltfußball scheint also abgesagt – oder doch nicht? Hat Gianni Infantino das Spiel überreizt? Oder wird der "Sieg über Infantino", den die SZ am Samstag verkündete, schnell verpuffen?
Infantino ist nicht das erste Mal mit einem zuvor nie erlebten Ausverkauf von Fifa-Rechten gescheitert. 2018 warb er für einen Investoren-Deal für die Vermarktungsrechte an einer neuen Club-WM mit 24 Teams sowie einer globalen Nations League mit einem Finalturnier kontinentaler Champions. Es ging um die stolze Summe von 25 Milliarden Dollar. Daraus wurde nichts.
Mit Kritik und Gegenwind kennt sich der Strippenzieher Infantino aus. Der würde gerne beim 77. Fifa-Kongress im März nächsten Jahres in Rabat (Marokko) ein weiteres und letztes Mal für vier Jahre gewählt werden.
Wie geschwächt ist seine Position nun wirklich? Oder konnte er mit dem abgeblasenen Investorenplan seine Rivalen noch einmal halbwegs milde stimmen?
Bis zum 18. November können Kandidaten ihre Bewerbungen für die Wahl zum FIFA-Präsidenten einreichen.