Nach WM-Debakel: Kann der designierte DFB-Coach Jürgen Klopp uns retten?

Jürgen-Klopp-Mural in Liverpool

Jürgen-Klopp-Mural in Liverpool. Bild: Shutterstock.com

Das WM-Aus offenbart tiefe Krisen im deutschen Fußball. Kann der designierte Bundestrainer Jürgen Klopp die dringend nötige DFB-Reform erzwingen?

"Wir wollen Weltklasse möglichst ohne maximalen Druck. Außergewöhnliche Ergebnisse möglichst ohne Verzicht. So entsteht aber keine Spitzenleistung."

Oliver Kahn

Heute vor 14 Tagen schied die deutsche Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale der Fußball-WM 2026 gegen Paraguay aus. Vier Tage später gab Julian Nagelsmann dem Druck der Fans, der Experten, der Medien wie auch der Funktionäre des DFB nach und tat das Überfällige: Er trat als Fußball-Bundestrainer zurück.

Sein designierter Nachfolger ist Jürgen Klopp. Aber schon wenige Tage nachdem die deutschen Kicker fußballerisch auf ganzer Linie gescheitert sind, sind noch vor Vertragsunterzeichnung immer mehr Klopp-skeptische Stimmen zu hören.

Auch diese überflüssige Debatte zeigt: Fußball ist Spiegel und Seismograf der Gesellschaft. Für den deutschen Fußball ist das keine gute Nachricht.

Resilienz im WM-Halbfinale: Wie sich Argentinien um Messi und England durchsetzen

Dreimal Glück ist kein Glück mehr. In der Nacht zum Sonntag zog die argentinische Nationalmannschaft rund um Superstar Lionel Messi mit dem 3:1 n.V. über die Schweiz als vierte Mannschaft ins Halbfinale ein. Zum dritten Mal hintereinander hatte der amtierende Weltmeister in den letzten Minuten das Spiel für sich entschieden.

Bei den Briten wie bei den Argentiniern kann man sagen: Irgendetwas fehlt noch, ja. Aber die Weltmeister des Achtelfinales oder des Viertelfinales werden nie Weltmeister. Das werden jene Teams, die jene neudeutsch "Resilienz" genannte Behauptungsfähigkeit haben. Von allen Mannschaften im Halbfinale haben dies am wenigsten die Franzosen. Frankreich ist noch überhaupt nicht ernsthaft geprüft worden und Spanien auch nur ein bisschen.

Wer Argentinienspiele sieht, kommt immer wieder an den Punkt, wo er denkt: Jetzt ist es so weit. Jetzt verlieren sie. Jetzt aber wirklich. Und dann entscheidet die argentinische Mannschaft das Spiel für sich. Ähnlich, wenn auch mit etwas mehr Glück und Schiedsrichterhilfe, die Engländer.

Franzosen und Spanier rückten problemloser unter die letzten vier. Im Ergebnis erleben die Fußballliebhaber zwei tolle Halbfinals, bei denen es keine klaren Favoriten gibt.

Kramer-Analyse beim ZDF: Hinkt der DFB-Fußball zehn Jahre hinterher?

Erleben wir damit gerade auch eine Zeitenwende im Fußball? Das diesjährige Viertelfinale war das erste Viertelfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft, bei dem weder Brasilien noch Deutschland dabei waren – das gab es noch nie!

Zählt man das nichtquaIifizierte Italien dazu und das nach der Vorrunde ausgeschiedene Uruguay, dann sind Mannschaften, die zusammen 19 ehemalige WM-Turniere gewannen, im Viertelfinale nicht mehr dabei. Die Titelträger von 2010, 2018 und 2022 sind aber sogar im Halbfinale.

Interessant war auch die beiläufige Bemerkung des ZDF-Experten Christoph Kramer, dass bei der WM gerade ein Fußball gespielt würde, "wie er im europäischen Spitzenfußball vor zehn Jahren gespielt wurde". Heute spiele kein Team mehr mit einem so tiefen Block, wie viele Mannschaften die wir bei der WM sehen, erläuterte Kramer.

Warnung von Roque Santa Cruz: Wie die ZDF-Experten Paraguay unterschätzten

"Wir sind Mittelmaß. Das ist die Wahrheit. Die nackte Wahrheit."

Bastian Schweinsteiger

Dreimal Pech ist kein Pech mehr. Auf den Tag heute vor zwei Wochen verlor Deutschland gegen Paraguay. Damit entschied sich das Schicksal von Julian Nagelsmann. Zum dritten Mal hintereinander scheiterte Deutschland bei einer WM lange vor den entscheidenden Spielen und der Erfüllung der eigenen Minimalansprüche.

Der Blick zurück auf diesen Tag lohnt sich. Vor dem Spiel, das im ZDF übertragen wurde, gab der aus Paraguay stammende langjährige FC-Bayern-Stürmer Roque Santa Cruz ein Interview: "Ich glaube, es wird ein gutes Spiel für uns", sagte er. "Mal schauen, in welcher Laune die Deutschen heute kommen."

Santa Cruz blieb bescheiden, aber inhaltlich bestimmt:

"Ich glaube, es wird eng. Die Deutschen müssen Geduld haben. Es sind selten schöne Spiele gegen Paraguay, aber das ist unser Spiel."

Einen Fehler dürfte die deutsche Mannschaft auf keinen Fall machen:

"Sie dürfen es nicht so leicht nehmen."

Genau das aber fiel der Mannschaft wie den Medien-Experten erkennbar schwer. Auch die Experten im ZDF, Christian Streich, Per Mertesacker, Fritzi Kromp und Chris Kramer betonten immer wieder wie "schlagbar" dieser Gegner sei. Das ist er gewiß. Aber auch hier zeigte sich mehr als ein Hauch von Überschätzung, der auch im Spiel zu sehen war, dort gepaart mit Unvermögen und zunehmender Nervosität.

Vor dem Spiel tippten alle Experten 3:0, außer Christian Streich, der 2:0 tippte. Vielleicht hatten sie alle den Sinn des Tipps nicht verstanden, denn der ist ja nicht, das zu tippen, was man hofft, sondern zu tippen, wie es ausgeht.

Wenn sie aber wirklich glaubten, dass die deutsche Nationalmannschaft gerade an diesem Tag ihr erstes Spiel seit zwölf Jahren zu null beenden könnte, gegen eine Mannschaft, die Argentinien und Brasilien geschlagen hat, und wenn sie wirklich glauben, dass die Mannschaft von Paraguay, die in 18 Qualifikationsspielen nur zehn Gegentore bekommen hatte, plötzlich von den Deutschen drei eingeschenkt bekommt, nachdem die das gegen die Elfenbeinküste und Ecuador nicht geschafft hatte, dann sind diese Fußballexperten ein bisschen naiv.

Nagelsmanns WM-Titel-Versprechen: Die fatale Fehleinschätzung des DFB

Hier zeigt sich exemplarisch ein tieferes Problem: die Unfähigkeit Deutschlands zur Selbstkritik.

Man erkannte nicht – oder wollte nicht erkennen – dass die deutsche Mannschaft bereits zuvor schlecht gespielt hatte. Das Spiel gegen die Elfenbeinküste hätte noch viel schlechter ausgehen können.

Man ist sehenden Auges in die spielerischen Probleme hineingelaufen.

Beispielhaft konnte man die Kurve der medialen Urteile über die Performance und Entwicklung der DFB-Elf in der "Sport 1"-Talkrunde "Doppelpass" verfolgen. Von Sendung zu Sendung wurden die Urteile kritischer, plötzlich waren sich gestandene Reporter einig, dass die Europameisterschaft 2024 auch kein erfolgreiches Turnier gewesen ist – das hätte man an dieser Stelle bereits vor zwei Jahren nachlesen können.

Die deutschen Medien machen damit selbst den Fehler, den sie Nagelsmann und dem DFB vorwerfen: Das Erwartungsmanagement im deutschen Fußball ist falsch.

Die deutsche Nationalmannschaft hat ihre eigene Rolle nie richtig eingeschätzt. Es war total falsch von Nagelsmann im Sommer 2024 den Weltmeistertitel zum Ziel auszurufen.

Die deutsche Nationalmannschaft ist eine, die vielleicht zu den besten Top 16 gehört, aber sicher nicht zu den Besten Top 4 oder 5 oder 6. Das bedeutet: Man hätte nie das Weltmeisterschaftsziel ausgeben dürfen, sondern hätte sagen müssen, dass das Viertelfinale das bestmögliche Ziel ist.

Abrechnung im Doppelpass: Warum Alfred Draxler die Bundesjugendspiele vermisst

Der Fußball ist eben ein Spiegelbild der Gesellschaft. Deutschland ist kritikunfähig geworden.

Zwei Jahre nach 2024 spricht man in Fußball-Deutschland immer noch über das Handspiel des Spaniers Cucurella im Viertelfinale, von dem nicht mal gesagt ist, dass dies überhaupt zum Elfmeter geführt hätte, dass dieser zu einer Führung geführt hätte. Aber in Deutschland ist man seitdem der gefühlte Europameister.

Nach dem Aus gegen Paraguay hört man, man könne jetzt nicht nur Julian Nagelsmann kritisieren und solle "nicht immer die Spieler fertig machen". Aber was soll man denn sonst tun? Soll man behaupten, es hätte gegen Paraguay ein Fußball-Feuerwerk gegeben?

Springer-Sportkommentator Alfred Draxler forderte in der Sendung Doppelpass neue Eliten:

"Ein Land, das in der Grundschule die Bundesjugendspiele abschafft, mit der Begründung, dass sich die Schlechteren nicht zurückgesetzt fühlen sollen, wird keine Eliten hervorbringen und wird auch keine Leistung produzieren."

Man habe "ja auch das Gefühl, dass wir in Deutschland generell gerade nicht so ganz viel gebacken bekommen".

Sky-Moderator Marco Hagemann: Bremst der Föderalismus deutsche Olympia-Bewerbungen aus?

Sky-Moderator Marco Hagemann machte den "bescheuerten Föderalismus" zum Symbol für die deutsche Selbstverzwergung und forderte mehr Zentralisierung:

"Warum müssen sich in Deutschland vier oder fünf Standorte um Olympia bewerben? Weil keiner bereit ist, sein großes Ego mal zurückzustellen. Jede Region versucht nur ihre eigene Stärke zu zeigen, man schaut nicht auf das große Ganze. Warum kann man das nicht mal bündeln?"

So kommt die Fußballdebatte schnell in die Mitte der Gesellschaft und auf politische Grundthemen. Stichworte "Wohlfühloase" und die "Bereitschaft der Deutschen zu kämpfen" oder eigene "Privilegien zu opfern".

Man kann das im Detail in verschiedenen Tageszeitungen nachlesen und im Doppelpass nachhören. Aber wird mit Jürgen Klopp jetzt alles anders?

Widerstand der DFB-Landesverbände: Warum Klopp die alten Strukturen zerschlagen muss

"Der Kopf ist immer zuerst da und das Herz wird dem Kopf folgen."

Christoph Kramer

Der Vertrag mit dem neuen Bundestrainer ist noch nicht unterzeichnet, da melden sich schon gar nicht so wenige Kritiker über die Medien zu Wort.

Man muss hier zwei verschiedene Formen der Kritik unterscheiden. Es gibt die Verteidiger der eigenen Pfründe. Etwa jene Einwände, die jetzt von den Landesverbänden des DFB kommen.

Aber diese Einwände zeigen gerade, warum Klopp die richtige Wahl ist. Denn es muss darum gehen den Trott des DFB nicht nur zu verändern sondern eigentlich die ganze Organisation abzuschaffen und in ihrer alten Form abzuschaffen und von Grund auf neu zu bauen.

Das Red-Bull-Dilemma: Beschädigt der Leipzig-Deal Klopps DFB-Glaubwürdigkeit?

Die zweite Ebene der Kritik wiegt schwerer. Sie zielt auf die Person Jürgen Klopp und sein Image als gutgelaunter Fußball-Romantiker und Wahrer der Fußballtradition.

Dieses saubere Bild hat deutliche Risse bekommen, seit sich Klopp mit der Firma Red Bull zusammengetan hat, die wie der deutsche Red Bull Ableger, der Bundesliga Club RB Leipzig unter Fans ein Schmuddel-Image hat.

Diese Zusammenarbeit hat viele Fans enttäuscht. Hinzu kommt, dass Klopp mit einem Dutzend Werbeverträgen ausgestattet und als Fußballexperte auftretend, zunehmend auch die kühle Seite eines ganz normalen Fußballgroßverdieners zeigt und als "Head of Global Soccer" im Red Bull-Konzern auch die zynische Härte eines Wirtschaftsmanagers an den Tag legt.

Jüngstes Beispiel: die inhaltlich nachvollziehbare, in der Form fragwürdige Entlassung des Leipzig-Trainers Ole Werner. Dieser hatte zwar das Saisonziel erreicht, Werners Spielweise hatte Klopp und anderen Red-Bull-Funktionären nicht gefallen. Zudem zeigte sich Werner gegenüber Klopps Ratschlägen wenig aufgeschlossen.

Auf Sport 1 kommentierte man zugespitzt: "Klopp verschleißt Trainer wie Schalke und der HSV zusammen", auf der ARD spottete man über den Retter "Super Klopp". Der ARD dürfte zunächst die Verbindung Klopps zur Medienkonkurrenz bei magenta.tv ein Dorn im Auge sein.

Doch zeigt sich auch, dass die erkennbare Eitelkeit Klopps, und Sprüche wie "I would like to give wings to people" dem Coach medial schnell auf die Füße fallen können.

Abschied vom Ballbesitz: Warum Klopp für die DFB-Zweikampf-Reform alles riskiert

"Du musst die Zweikämpfe suchen; du musst sie finden und dann musst du sie führen mit aller Intensität."

Jürgen Klopp

Seine Härte wird er allerdings als Bundestrainer brauchen und sie wird ihm nutzen, Jürgen Klopps mediale Gradwanderung wird in Zukunft vor allem darin liegen, dass er die notwendige Revolution des deutschen Fußballs als romantisches "Zurück zur Tradition" verkauft, zu "deutschen Tugenden" des Fußballs, ohne dass dies in irgendeiner Form wieder ein Zurück zum alten Rumpelfußball bedeuten darf.

Die deutsche Fußballnationalmannschaft hat in den Augen vieler zuletzt allzu sehr auf Ballbesitzfußball gesetzt und Spieler ausgebildet, die zwar sehr gute Techniker sind und gut mit dem Ball umgehen können. Zugleich kann der deutsche Fußball immer schlechter Zweikämpfe führen, Krisen meistern und gegnerische Widerstände brechen.

Dies zu ändern, ist kurzfristig Klopps zentrale Aufgabe.

Klopp geht mit der Übernahme des Bundestrainerpostens ein sehr hohes Risiko. Er kann eigentlich vor allem verlieren, außer er hat riesengroßen Erfolg mit der Nationalmannschaft. Und davon ist eigentlich nicht auszugehen, wenn man nüchtern auf die Verhältnisse blickt.

Aber es wäre nicht das erste Mal, dass Klopp die Verhältnisse verändert und mit ehernen Regeln gebrochen hat.