Neues Krebsmedikament macht Tumore wieder sichtbar fürs Immunsystem
3D-Rendering der körpereigenen Antwort auf Krebszellen mittels T-Zellen des Immunsystems
(Bild: ALIOUI Mohammed Elamine7/Shutterstock.com)
Ein experimentelles Präparat soll Krebszellen für das Immunsystem sichtbar machen. Frühe Studien wecken Hoffnung bei schwer behandelbaren Tumorarten.
Ein in Oxford entwickeltes Medikament, das Krebszellen daran hindert, sich vor dem Immunsystem zu verbergen, hat in einer frühen klinischen Studie bei sechs der weltweit häufigsten Krebsarten Tumore bei einem Teil der Patienten um mindestens 30 Prozent verkleinert, wie der britische Guardian berichtet. Die Ergebnisse wurden am 1. Juni 2026 auf dem Jahreskongress der American Society of Clinical Oncology in Chicago, dem weltweit größten Krebskongress, vorgestellt.
Wie das Medikament wirkt
Das Präparat mit dem Namen GRWD5769 setzt an einem Enzym namens ERAP1 (Endoplasmic Reticulum Aminopeptidase 1) an. Krebszellen können dieses Enzym so verändern, dass sie für sogenannte T-Zellen – jene Immunzellen, die Infektionen und Krankheiten bekämpfen – unsichtbar werden. GRWD5769 hemmt dieses Enzym und macht die Tumorzellen dadurch wieder für das Immunsystem erkennbar.
In der Studie wurde das Medikament in Kombination mit dem Immuntherapeutikum Cemiplimab eingesetzt, das die so sichtbar gemachten Krebszellen dann gezielt angreifen kann.
Immuntherapien – Behandlungen, die das körpereigene Immunsystem gegen Krebs einsetzen – haben die Onkologie in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Sie schlagen jedoch bei etwa zwei Dritteln der Patienten nicht an, häufig weil Tumore sich vor dem Immunsystem verbergen.
Ergebnisse der Studie
An der Studie, die in Großbritannien, Frankreich, Spanien und Australien durchgeführt wurde, nahmen 83 Patienten teil, die an Gebärmutterhals-, Blasen-, Leber-, Darm-, Lungen- oder Kopf-Hals-Krebs erkrankt waren. Bei allen Teilnehmenden hatten frühere Behandlungen versagt, und die meisten hatten keine weiteren Therapieoptionen mehr – Immuntherapien hatten bei ihnen entweder nicht gewirkt oder aufgehört zu wirken.
Bei 26 der 83 Patienten schrumpften die Tumore. Bei 15 davon betrug die Verkleinerung mindestens 30 Prozent. Darüber hinaus stoppte das Medikament das Fortschreiten der Erkrankung für mindestens sechs Monate bei 18 Prozent der Gebärmutterhalskrebspatientinnen, bei 32 Prozent der Leberkrebspatienten, bei 36 Prozent der Blasenkrebspatienten, bei 38 Prozent der Kopf-Hals-Krebspatienten sowie bei mehr als der Hälfte der Darm- (51 Prozent) und Lungenkrebspatienten (55 Prozent).
Das Medikament wird als Tablette eingenommen und kann zu Hause genommen werden. Es wurde von den Patienten gut vertragen, und es traten kaum Nebenwirkungen auf.
Einschätzungen der Beteiligten
Die Hauptprüferin der Studie, Prof. Fiona Thistlethwaite, Onkologin und medizinische Direktorin der klinischen Forschungseinrichtung des Christie NHS Foundation Trust in Manchester, sagte gegenüber dem Guardian in Chicago: "Für ein Medikament, das als Tablette eingenommen wird, ist das sehr vielversprechend. Es sind noch frühe Tage, und wir brauchen weitere Studien, aber das ist ein neues Medikament mit einem neuen Wirkmechanismus, der die Immuntherapie klar effektiver macht."
Weiter erklärte sie: "Immuntherapie hat die Art, wie wir Krebs behandeln, verändert, aber der Anteil der Menschen, der davon profitieren kann, ist noch relativ gering. Was mich an dieser Studie begeistert, ist die Kombination aus dem, was wir sehen – starke Wirksamkeitssignale über sechs Tumortypen hinweg, die bisher sehr resistent gegenüber Immuntherapie waren, bei sehr wenigen Nebenwirkungen. Das ist ungewöhnlich in einem so frühen Stadium, in dem wir normalerweise nur schauen, wie sicher das Medikament ist."
Prof. Stefan Symeonides, Onkologe am Edinburgh Cancer Centre und Professor für experimentelle Krebsmedizin an der University of Edinburgh sowie britischer Hauptprüfer der Studie, bezeichnete die frühen Ergebnisse als "aufregend" und erklärte, es sei "fantastisch", diesen neuen Immuntherapieansatz bis in die klinische Prüfung gebracht zu haben und zu sehen, dass Patienten davon profitieren.
Dr. Samuel Godfrey, Forschungsleiter bei Cancer Research UK und nicht an der Studie beteiligt, sagte: "Immuntherapie hat die Behandlung einiger Krebsarten grundlegend verändert, funktioniert aber noch nicht bei allen. Diese Studie scheint zu zeigen, wie dieses neue Medikament Immuntherapie wirksamer machen könnte, auch in Fällen, in denen Immuntherapie zuvor versagt hatte."
Gleichzeitig betonte er: "Es ist ungewöhnlich, solche Ergebnisse bei Patienten zu sehen, deren Krebserkrankungen bereits aufgehört haben, auf eine Behandlung anzusprechen, insbesondere über mehrere schwer behandelbare Krebsarten hinweg – daher sind diese Ergebnisse ermutigend. Es handelt sich jedoch noch um eine frühe Studie, und größere Studien werden benötigt, um festzustellen, ob dieser Ansatz dauerhaften Nutzen für Patienten bringen kann."
Nächste Schritte
Die Studie befindet sich noch in der sogenannten Phase-1 der mehrstufigen Erprobung, die in erster Linie der Sicherheitsprüfung dient. Die Studie läuft weiter, und eine größere Folgestudie ist geplant. GRWD5769 wurde vom Oxforder Unternehmen Greywolf Therapeutics entwickelt.
Bis das Medikament in der klinischen Praxis eingesetzt werden kann, sind nach Aussage der Forscher noch erhebliche weitere Untersuchungen erforderlich.
Haben Sie oder einer ihrer Verwandten oder Freunde eine Tumor-Erstdiagnose bekommen? Dann können Sie sich für Informationen und Beratung an die Landeskrebsgesellschaft in Ihrem Bundesland wenden.
Der Krebsinformationsdienst des Deutsche Krebsforschungszentrums hilft ebenfalls kostenlos weiter: Patienten, Angehörige und Interessierte erreichen die Ärzte dort telefonisch innerhalb Deutschlands kostenfrei unter 0800 420 30 40 täglich von 8 bis 20 Uhr. Schließlich bietet die Deutsche Krebshilfe umfassende Informationen.