Schlaf bestimmt, wie schnell deine Organe altern
Schlaf beeinflusst das biologische Alter von Organen, wie eine neue Studie zeigt.
(Bild: MAYA LAB / Shutterstock.com)
Forscher haben erstmals gemessen, wie stark Schlaf das biologische Alter deiner Organe verändert – das Ergebnis überrascht.
Schlaf ist die Grundlage guter Gesundheit – das ist keine neue Erkenntnis. Doch wie stark er das biologische Alter einzelner Organe beeinflusst, war bisher nicht bekannt. Erste Erkenntnisse dazu hat ein Forscherteam der Columbia University veröffentlicht – und sie dürften zum Nachdenken anregen.
Die Wissenschaftler haben die Daten von rund 500.000 Teilnehmern der britischen Langzeitstudie UK Biobank ausgewertet. Das Ergebnis: Sowohl zu wenig als auch zu viel Schlaf kann dazu führen, dass die Organe schneller altern.
Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Fachjournal Nature.
Die Botschaft dürfte für viele unbequem sein – gerade für die, die sich mit fünf Stunden Schlaf für leistungsfähig halten – oder glauben, neun Stunden seien besonders erholsam. Beides geht offenbar auf Kosten von Herz, Lunge, Leber und Gehirn.
"Unsere Studie zeigt, dass zu wenig wie zu viel Schlaf mit einem beschleunigten Altern fast jedes Organs verbunden ist", sagte Studienautor Junhao Wen laut einer Mitteilung der Columbia University.
23 Alternsuhren für 17 Organsysteme
Für ihre Analyse setzten die Forscher 23 sogenannte biologische Alternsuhren ein. Mit ihnen lassen sich aus bestimmten Biomarkern das biologische Alter eines Organs errechnen. Und dieses biologische Alter verglichen sie dann mit dem tatsächlichen Lebensalter.
Die Differenz – der sogenannte Age Gap – verrät, ob ein Organ schneller oder langsamer altert als erwartet.
Die Datengrundlage war breit: Blutwerte, organspezifische Proteine aus der Plasma-Proteomik, Stoffwechselprofile und MRT-Aufnahmen flossen in die Berechnung ein. Für einige Organe existierten gleich mehrere Uhren parallel.
"Für die Leber gibt es beispielsweise eine Alternsuhr auf Basis von Proteinen, eine für Stoffwechseldaten und eine auf Basis von Bildgebung", erläuterte Wen .
Insgesamt deckten die Uhren 17 Organsysteme ab, darunter Herz, Lunge, Leber, Nieren, Immunsystem und Gehirn.
Das Ergebnis war über alle Organe und Messverfahren hinweg konsistent: Die Beziehung zwischen Schlafdauer und biologischem Alter folgt einer U-förmigen Kurve.
An den beiden Enden – also bei besonders kurzem und besonders langem Schlaf – steigt der Age Gap, die Organe sind biologisch älter als sie sein müssten. Den niedrigsten Wert erreicht die Kurve in einem Bereich zwischen 6,4 und 7,8 Stunden pro Nacht.
Kurz- und Langschläfer altern auf unterschiedlichen Wegen
Besonders aufschlussreich: Es gibt offenbar verschiedene biologische Pfade, über die zu wenig oder zu viel Schlaf wirken. Wer etwa regelmäßig weniger als sechs Stunden schläft, belastet demnach vor allem Herz, Leber, Fettgewebe und Immunsystem.
Die Forscher bringen Schlafmangel mit erhöhtem physiologischem Stress, gestörten zirkadianen Rhythmen und chronischen Entzündungsprozessen in Verbindung. Erhöhte Cortisolspiegel, Insulinresistenz und ein verändertes Lipidprofil setzen den Organen zu.
Wer dagegen zu lange schläft, also mehr als acht Stunden pro Tag, bei dem wirkt sich das offenbar auf das Gehirn und das Fettgewebe aus. Über neuropsychiatrische Veränderungen – etwa ein erhöhtes Depressionsrisiko – können sich die Folgen später auch auf andere Organe ausweiten.
Allerdings weisen die Forscher selbst darauf hin, dass langer Schlaf auch ein Symptom bereits bestehender Erkrankungen sein könnte, etwa einer unerkannten Schlafapnoe oder Herzinsuffizienz .
Statistische Absicherung und Einschränkungen
Die Forschenden untermauerten ihre Befunde mit nichtlinearen Modellen, Überlebensanalysen und Mendelscher Randomisierung, um Störfaktoren wie Alter, Geschlecht, BMI und Vorerkrankungen zu kontrollieren.
Die U-Form blieb auch nach diesen Adjustierungen stabil. Dennoch betont die Columbia University ausdrücklich: Die Angabe von 6,4 bis 7,8 Stunden beschreibe einen statistischen Bereich mit dem niedrigsten biologischen Age Gap – keine harte klinische Empfehlung .
Die Daten stammen aus der UK-Biobank und bilden vorwiegend Menschen europäischer Abstammung ab. Frühere Metaanalysen bestätigen jedoch eine vergleichbare U-förmige Beziehung zwischen Schlafdauer und Sterblichkeit auch in anderen Populationen.
Was die Studie jedoch nicht klärt: ob die Schlafdauer allein das Altern beschleunigt oder ob dahinter andere Faktoren stecken.
Auch der individuelle Chronotyp – also ob jemand Frühaufsteher oder Nachteule ist – wurde in der Analyse nicht gesondert berücksichtigt, obwohl frühere Untersuchungen zeigen, dass eine Diskrepanz zwischen innerem und sozialem Rhythmus die Gesundheit zusätzlich belasten kann.
Klar ist: Schlaf verdient in der Prävention denselben Stellenwert wie Blutdruck oder BMI. Wer regelmäßig deutlich unter oder über dem genannten Fenster liegt, sollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen – denn die nächtliche Regeneration betrifft nicht nur das Gehirn, sondern den gesamten Körper.