Siemens-Healthineers-Chef Montag kritisiert das "Rumgenörgel" der Manager
Siemens-Healthineers-Chef Bernhard Montag hält die ständigen Forderungen an die Bundesregierung für verfehlt – und sieht Unternehmen selbst in der Pflicht.
Keine Woche vergeht ohne Forderungen von Unternehmen an die Bundesregierung. Im März 2026 äußerten bereits die Wirtschaftsverbände-Spitzen des BDA, BDI, DIHK und ZDH deutliche Kritik: Nach drei Jahren ohne Wachstum stehen die Unternehmen "unter Druck wie selten zuvor in der Nachkriegsgeschichte", die Maßnahmen der Regierung reichen "bei weitem nicht aus".
In einem Brandbrief fordern jetzt süddeutsche Unternehmen schnelle Sozialreformen:
"Gerade in dieser Lage entscheidet die konkrete Ausgestaltung sozial- und wirtschaftspolitischer Rahmenbedingungen darüber, ob Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben, Arbeitsplätze halten und Investitionen an unseren Standorten tätigen können."
Zu den Unterzeichnern gehören Vertreter der Unternehmen Audi, BMW, Porsche und des Zulieferers ZF sowie die Spitzen der Metall-Arbeitgeberverbände von Bayern und Baden-Württemberg. Bundeskanzler Merz erinnern sie gut 15 Monate nach dessen Amtsantritt an Versprechen im Bundestagswahlkampf.
Diese Kanzlerschelte findet nicht nur Zustimmung. "Dauernd auf die Regierung zu schauen, finde ich schwierig", sagt Bernhard Montag, Vorstandsvorsitzender des Medizintechnikunternehmens Siemens Healthineers.
"Mir persönlich gefällt dieses Rumgenörgel einfach nicht. Weil ich sage: Das sind Unternehmen, wir sind nicht in einer Planwirtschaft oder Staatswirtschaft", sagte Montag in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur.
Es sei ein "fundamentales Missverständnis", dass die Regierung alle Probleme durch verschärfte weltweite Konkurrenz, gestiegene Energiepreise oder Lieferkettenprobleme für die Manager lösen müsse. Für Siemens Healthineers bleibe der Standort Deutschland von großer Bedeutung, sagte Montag. "Wir haben in den vergangenen Jahren 650 Millionen Euro investiert in die deutschen Standorte".
Es liege nicht an deutscher Bürokratie oder fehlenden Baugenehmigungen, dass hierzulande kein Unternehmen wie der US-Chiphersteller Nvidia entstanden sei, so der Unternehmenschef.
Hausgemachte Probleme, die Manager verursachen, gibt es zuhauf
Die Begeisterung vieler Unternehmenslenker war groß, als in der Corona-Pandemie Angestellte ihre Arbeitsplätze zuhause einrichteten. "Desk-Sharing"-Konzepte wurden immer bedeutsamer. Es geht um Kostensenkung. Bei Neubaukonzepten sollen Ausgaben gesenkt werden, Mietverträge für Büroflächen wurden gekündigt. Risiken wurden vielen Managern erst nach Umsetzung der Konzepte bewusst.
Die "großen Denkfehler" des Managements bei der Raumgestaltung beschreibt Jens Bräuer, Manager bei der Unternehmensberatung neotares Consult. "Workplace-Projekte" werden oft wie Einrichtungsprojekte behandelt, obwohl sie eigentlich Organisationsentwicklungsprojekte sind.
Die entscheidenden Fragen zur zukünftigen Zusammenarbeit geht das Management nicht an, eher werden detaillierte Fragenkataloge zum Aussehen der Büros erstellt. Die Wirkung überrascht dann oft Manager, die Gründe kreieren, warum sie nicht im Großraum arbeiten können:
"Open Space macht bestehende Konflikte sichtbarer, löst sie jedoch nicht. Wer vorher nicht kommuniziert hat, tut es nicht plötzlich, weil man ihm die Wände weggenommen hat. Stattdessen entstehen häufig neue Reibungspunkte: fehlende Rücksichtnahme, akustische Belastung, unklare Erwartungen an das Verhalten in gemeinsam genutzten Flächen."
Jens Bräuer
In der Praxis fallen weitere Hindernisse auf. Die im Vergleich zu einer Tätigkeit im Betrieb "geänderte Risikolage für personenbezogene Daten muss in die arbeitgeberseitigen Überlegungen einfließen", warnen Maximilian Koschker und Maren Hoffmann, Rechtsanwälte bei CMS, einer der größten internationalen Wirtschaftskanzleien.
Datenschutzrechtlich ist die Lage klar: Der Arbeitgeber ist und bleibt auch dann Verantwortlicher im Sinne von Art. 4 Nr. 7 der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO).
"So ist in Privathaushalten oder – erst recht – an öffentlichen Plätzen die Gefahr eines ungewollten Mithörens durch Dritte deutlich erhöht. Entsprechendes gilt für Blicke auf Bildschirminhalte oder vertrauliche Unterlagen. Werden Dokumente, USB-Sticks etc. in Cafés oder Coworking-Spaces liegen gelassen, kann dies zu einem unkontrollierbaren Datenverlust führen.
Auch bleibt der Schutz gegen Hacking- oder Phishing-Angriffe im privaten oder gar öffentlichen Umfeld oft deutlich hinter den betrieblichen Standards zurück."
Maximilian Koschker, Maren Hoffmann
Selbst beim Schutz von Geschäftsgeheimnissen erkennen die Datenschutzexperten Probleme. Sie fordern ein "risikogerechtes und in sich stimmiges Gesamtkonzept". Risiken müssten nach Bedeutung und Sensibilität kategorisiert werden, ein praktikables System kann beispielsweise zwischen "intern", "vertraulich" und "streng vertraulich" unterscheiden.
In einem Beitrag für haufe.de beschreiben Koschker und Hoffmann die Mängel klar: Das Management muss sicherstellen, dass ein Schutzkonzept im Arbeitsalltag tatsächlich gelebt wird. Dazu gehören verständliche Vorgaben, regelmäßige Schulungen und klare Meldewege bei Problemen.
KI soll die Arbeitswelt revolutionieren
Unternehmen treiben KI-Einsatz voran, der Technik-Einsatz soll Personaleinsparungen bringen. Viele Manager verfolgen jedoch keine nachvollziehbare KI-Strategie, sondern scheinen eher Moden zu folgen.
Für KI werden Lizenzen gekauft, Pilotprojekte gestartet und Mitarbeitende zur Nutzung neuer Tools animiert. Meist fehlen diese Planungen in der Unternehmensstrategie, die ein systematischer Prozess sein sollte, bei dem die Geschäftsführung die grundlegende Ausrichtung des Unternehmens vorgibt.
Die Fragen, wie vermehrter IT-Einsatz die Firma voranbringt und welche Bereiche so verbessert werden sollen, bleiben meist unbeantwortet.
Die Unternehmensberater Johannes Brinkkötter und Nicole Peichl bemängeln fehlende strategische Konzepte:
"Denn weder Restrukturierung noch KI-Einsatz allein machen Unternehmen nachhaltig erfolgreich. Keines von beiden beantwortet die entscheidende Zukunftsfrage: Wie muss Arbeit künftig organisiert werden, damit Unternehmen produktiver, innovativer und anpassungsfähiger werden? […]
Genau diese Frage fehlt in vielen Transformationsprogrammen. Dabei entscheidet sie darüber, ob eine Restrukturierung mehr hervorbringt als eine bessere Kostenbasis und ob KI tatsächlich neue Wertschöpfung schafft oder lediglich bestehende Prozesse beschleunigt."
Rekordumsätze bei DAX-Unternehmen
Die Beratungsgesellschaft EY hat aktuelle Quartalsberichte analysiert. Die Zahlen zeigen, dass das Klagen mancher Unternehmen sehr verwundern. Denn die DAX-Konzerne haben im zweiten Quartal 2026 so viel verdient wie in keinem zweiten Quartal zuvor:
"Der kumulierte operative Gewinn (EBIT) der untersuchten Unternehmen kletterte gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 16 Prozent beziehungsweise sieben Milliarden Euro auf den Rekordwert von 52,6 Milliarden Euro."
Damit lag der Gewinn aus dem normalen Geschäft zehn Prozent über dem bisherigen Höchstwert aus dem zweiten Quartal 2024. Auch der Gesamtumsatz erreichte mit rund 463 Milliarden Euro einen neuen Bestwert und stieg um 4,6 Prozent, meldet die Tagesschau.
Die vorhandenen Finanzmittel werden aber nicht für Zukunftskonzepte genutzt – wie das Beispiel der Automobilindustrie zeigt. Sie ist nicht zu arm für den Strukturwandel:
"Europäische Hersteller erzielten 2023 noch 40,6 Prozent der weltweiten Branchengewinne, zusammen 98,1 Milliarden Euro. Das Geld war da; die strategische Erneuerung wurde jedoch erst verhindert, dann verzögert, dann zurückgedreht.
Statt in Elektromobilität, Batterien und neue Produktionsstrukturen zu investieren, setzten die Konzerne auf höhere Preise, größere Fahrzeuge und das Premiumsegment. Die Investitionsquote fiel von 28 Prozent 2006 auf 16 Prozent 2023, während sich die Reserven auf über 200 Milliarden Euro auftürmten und Rekorddividenden ausgeschüttet wurden."
Für andere Industrien gilt dieselbe Dynamik: Auch Manager anderer Bereiche investierten nicht, sondern häufen Reserven an, kaufen Aktien zurück und schütten Dividenden aus. Probleme erkennen Manager jedoch eher bei politischen Entscheidern als bei sich selbst.