Studie zu ChatGPT & Gemini: Wer bestimmt, welche Medien wir noch lesen?

Andrej Simon
Freudig lächelnder Mann am Smartphone

Bild: Shutterstock.com

Durch KI-Suchen verlieren deutsche Webseiten Millionen Klicks. Forscher warnen vor intransparenten Absprachen zwischen OpenAI und Verlagen.

Immer mehr Menschen lassen sich Nachrichten von ChatGPT, Gemini oder Perplexity zusammenfassen, statt Originalartikel zu lesen. Für Medien hat diese Entwicklung bereits wirtschaftliche Folgen: Durch sogenannte Zero-Click-Suchen gehen deutschen Websites laut aktuellen Schätzungen bis zu 265 Millionen Klicks pro Monat verloren.

Die Gatekeeper-Studie: Wie KI-Modelle die Quellenauswahl steuern

Welche Folgen hat das für die öffentliche Meinungsbildung? Eine neue Studie von Agora Digital ist genau dieser Problemstellung nachgegangen: Wie beeinflussen KI-Systeme die öffentliche Meinungsbildung, wenn sie nicht nur Informationen zusammenfassen, sondern auch entscheiden, welche Quellen Nutzer überhaupt zu Gesicht bekommen?

Darin sehen die Autorinnen Vivien Benert und Stina Timmermann den entscheidenden Wandel. Das eigentliche Problem seien weniger einzelne Fehler der Systeme, sondern ihre Rolle als neue Gatekeeper. KI-Modelle treffen eine Vorauswahl von Quellen – nach Kriterien, die für Nutzer weitgehend unsichtbar bleiben.

Von ChatGPT bis Perplexity: Scheinbare Vielfalt bei den Domains

Für ihre Untersuchung analysierte die Studie 675 Nachrichtenanfragen an ChatGPT, Gemini, Claude, Perplexity und Google AI Overview und wertete fast 5.000 Quellenverweise aus.

Dabei stießen sie auf insgesamt 554 verschiedene Domains – dennoch konzentrieren sich die Antworten der KI-Systeme häufig auf einen vergleichsweise kleinen Kreis etablierter Medien.

Das Ergebnis: Die Systeme greifen häufig auf einen vergleichsweise kleinen Kreis etablierter Medien zurück. Welche Quellen erscheinen, hängt jedoch vom verwendeten KI-System, vom Thema und sogar von der Formulierung der Anfrage ab.

Teilweise werden auch problematische oder als Desinformation eingestufte Domains neben seriösen journalistischen Angeboten aufgeführt, ohne dass Nutzer darauf hingewiesen werden.

Das Transparenz-Problem: Warum Agora Digital von einer Blackbox spricht

Nach Auffassung der Autorinnen entsteht dadurch eine "Blackbox" der Quellenauswahl. Nutzer erfahren nicht, warum bestimmte Medien berücksichtigt werden und andere nicht.

Gleichzeitig öffnen viele Nutzer die angegebenen Quellen gar nicht erst. Laut der Studie überprüft nur etwa jeder Vierte die Quellen regelmäßig – drei von vier verlassen sich also überwiegend auf die KI-Zusammenfassung.

Die Untersuchung liefert damit empirische Hinweise darauf, dass KI-Systeme unterschiedliche Informationsräume erzeugen können. Sie belegt allerdings nicht, dass die Antworten deshalb zwangsläufig falsch oder politisch verzerrt sind. Ebenso wenig wurde überprüft, ob sämtliche Aussagen der KI tatsächlich durch die angegebenen Quellen gedeckt werden.

Der Fall OpenAI und Axel Springer: Bevorzugt ChatGPT bestimmte Verlage?

Über die empirischen Befunde hinaus geht das begleitende Positionspapier von Agora Digital. Es interpretiert die Ergebnisse medienpolitisch und beschreibt KI-Systeme als neue Machtzentren der öffentlichen Kommunikation.

Weil Nutzer zunehmend fertige Antworten erhalten, statt selbst verschiedene Quellen auszuwählen, verschiebe sich die Kontrolle über Sichtbarkeit und Reichweite von klassischen Medien und Suchmaschinen hin zu den Anbietern großer Sprachmodelle.

Besonders kritisch bewertet das Begleitpapier mögliche Auswirkungen von Lizenzpartnerschaften zwischen KI-Unternehmen und Medienhäusern. Als Beispiel wird die Kooperation von OpenAI mit Axel Springer genannt.

Dass Welt.de in den untersuchten ChatGPT-Antworten besonders häufig erscheint, wird als möglicher Hinweis auf strukturelle Vorteile solcher Partnerschaften interpretiert. Dieser Zusammenhang ist jedoch eine politische Deutung der Ergebnisse und nicht unmittelbar durch die empirischen Daten bewiesen.

Praxis-Konsequenz: Warum KI-Antworten die Originalquellen nicht ersetzen

Die Studie selbst bleibt vorsichtiger. Sie zeigt vor allem, dass sich die Quellenprofile verschiedener KI-Systeme deutlich unterscheiden und ihre Auswahlmechanismen kaum nachvollziehbar sind.

Daraus leiten die Autorinnen Forderungen nach mehr Transparenz, einer besseren Zuordnung von Aussagen zu ihren Quellen sowie klaren Regeln für den Umgang mit journalistischen Inhalten und Desinformation ab.

Für Nutzer ergibt sich daraus vor allem eine praktische Konsequenz: KI-Antworten eignen sich als schneller Einstieg in ein Thema, ersetzen aber nicht den Blick auf die Originalquellen.

Wer sich bei kontroversen politischen Fragen ein möglichst vollständiges Bild machen will, sollte mehrere Informationsquellen vergleichen – und nicht allein der Zusammenfassung einer einzelnen KI vertrauen.