Pharma-Produktion in Europa: Warum der Plan an der Finanzierung scheitern könnte
(Bild: InfinitumProdux/Shutterstock.com)
Die EU will Medikamente wieder in Europa produzieren – doch wer die milliardenschweren Subventionen zahlen soll, ist völlig offen.
In Europa hat man das chinesische Angebot gerne genutzt, um die ausufernden Kosten für die Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten in den Griff zu bekommen.
Die Rabattverträge der deutschen Gesetzlichen Krankenkassen sorgten für eine Begrenzung der Gesundheitskosten. Pharmaunternehmen, die bei den Rabattverträgen keinen Erfolg hatten, verloren letztlich ihren Marktzugang für das jeweilige Medikament.
Die Produktion der Pharmazeutika konzentrierte sich in der Folge, angefangen bei den Wirkstoffen, über die Fertigung der Fertigarzneimittel, bei immer weniger chinesischen Firmen, die von den Zulassungsstellen eine Produktionslizenz erhielten.
Die starke Konsolidierung des Marktes sorgte für eine wettbewerbsfähige Position der chinesischen Firmen und deutliche Vorteile im Wettbewerb mit Indien, dessen Hersteller letztlich von den chinesischen Wirkstoffzulieferern abhängig wurden.
Für Europa und die USA blieb letztlich nur die Konfektionierung und der Druck der Beipackzettel in der Landessprache. Fehler in der Lieferkette durch Umstellungen bei der Produktion wurden wie im Fall Valsartan von den europäischen Vertriebsfirmen erst aufgedeckt, nachdem die chinesischen Produzenten sie entdeckt und gemeldet hatten. Sie hatten aufgrund des Kostendrucks das Fertigungsverfahren zum Nachteil des Produkts modifiziert.
Verzicht auf analoge Beipackzettel kann die Kosten reduzieren
Beipackzettel von Medikamenten sollen nach Plänen von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) in Zukunft für jedes Medikament in digitaler Form bereitgestellt werden. Vorgesehen ist ein QR-Code auf der Packung, über den die Informationen zu Dosierung und Nebenwirkungen auf einer entsprechenden Webseite abgerufen werden können.
Weiterhin soll aber jeder Patient ein Recht darauf haben, von der Apotheke einen ausgedruckten Beipackzettel zu erhalten. Wer die Kosten dafür aufbringt, scheint noch nicht geklärt zu sein.
Die Apotheken werden sich darüber nicht freuen, lehnen sie doch teilweise schon den Einzug der erhöhten Selbstbeteiligungen ab und wollen das Inkasso auf die GKV abwälzen, die dann gleich die Aufgaben der Medikamentenversorgung übernehmen könnten.
Wichtige Medikamente sollen wieder in Europa hergestellt werden
Im Kampf gegen Engpässe bei lebenswichtigen Medikamenten in der EU haben sich Unterhändler in Brüssel vorläufig auf Regeln geeinigt, um die Produktion von Arzneimitteln leichter mit öffentlichem Geld unterstützen zu können. Europa soll dadurch weniger abhängig von einzelnen Lieferanten und der Herstellung außerhalb des Kontinents werden.
Derzeit stammen nach Angaben von EU-Gesundheitsministern aus dem vergangenen Jahr etwa 80 bis 90 Prozent der Medikamente in Europa aus Asien, vorwiegend aus China. Versuche, die Lieferketten strenger zu überwachen und zu reglementieren, sind bislang gescheitert.
Die Idee, die Produktion von Pharmazeutika wieder zurückzuholen, geistert schon seit mindestens zehn Jahren durch Europa. Die Pharmabranche steht dabei im direkten Konflikt zwischen den politischen Forderungen nach Rückverlagerung der Produktion und dem Druck nach Kostensenkungen durch Rabattverträge mit den Krankenkassen.
Menschen in Europa konnten in den vergangenen Jahren manche Medikamente zeitweise nicht mehr in der Apotheke kaufen. Betroffen waren etwa Schmerzmittel, Antibiotika oder Fiebersäfte für Kinder.
"Die Patienten sollten sich keine Sorgen darüber machen müssen, ob wichtige Arzneimittel wie Antibiotika in ihrer Apotheke oder ihrem Krankenhaus verfügbar sind", teilte der zyprische Gesundheitsminister Neophytos Charalambides mit. Sein Land hat derzeit die rotierende EU-Ratspräsidentschaft inne.
Ein Baustein der von der EU geplanten neuen Regeln betrifft die Vergabe öffentlicher Aufträge. Im Fall von wichtigen Arzneimitteln, bei denen es eine hohe Abhängigkeit von einem oder wenigen Ländern gibt, sollen hierbei künftig grundsätzlich in Europa hergestellte Medikamente bevorzugt werden. So sollen Anreize für sichere Lieferketten geschaffen werden.
Die vorläufige Einigung sieht vor, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, diese Medikamente zu bevorzugen. Die Aussage aus dem EU-Parlament, dass dazu gehöre, dass Lieferanten proportional zu dem Anteil der in der EU hergestellten Arzneimittel und deren pharmazeutischer Wirkstoffe vergütet werden, lässt die Entwicklung eines bürokratischen Wasserkopfs befürchten.
Sogenannte strategische Projekte will man künftig schneller genehmigen und sie sollen auch schneller Zugang zu Förderung bekommen. Zudem könnten sich mehrere Länder zusammenschließen und gemeinsam wichtige Medikamente beschaffen.
Mit kritischen Arzneimitteln sind laut EU-Kommission solche Medikamente gemeint, bei welchen es nur wenige oder gar keine Alternativen gibt und bei denen die Patientinnen und Patienten durch Versorgungsengpässe ernsthaft geschädigt würden. Dazu zählen Antibiotika und Antithrombotika, Krebstherapeutika und Herz-Kreislauf-Mittel.
Die EU-Kommission hatte die Anpassung bei der Arzneimittelbeschaffung schon im März 2025 vorgeschlagen. Nach Kommissionsangaben gibt es viele Gründe, warum es in der EU in den vergangenen Jahren Versorgungsprobleme gab. Darunter seien etwa Engpässe bei Wirkstoffen.
Die Preise, die für Wirkstoffe erzielt werden können, sind jedoch offensichtlich so niedrig, dass eine Produktion in Europa nur mit massiven Subventionen denkbar ist. Wer die Mittel für diese Subventionen aufbringen soll und wie sie innerhalb der EU verteilt werden sollen, ist bislang noch nicht geklärt.