"Picasso der Korruption": Wie der US-Präsident offen am Insiderhandel verdient

US-Präsident Donald Trump zeigt ein Dokument

Korrumpierte Weltmacht: Der US-Präsident verkauft privilegierten Zugang zu seinen Social Media Posts

(Bild: IAB Studio/Shutterstock.com)

Trumps Unternehmen verkauft Millisekunden-Vorsprung auf Präsidentenposts – für bis zu 100.000 Dollar monatlich. Zwei Medienorganisationen klagen nun dagegen.

Seit Anfang August 2026 verkauft die Trump Media & Technology Group (TMTG) über ihren Dienst "Truth API" bevorzugten Zugang zu den Truth-Social-Posts des amtierenden US-Präsidenten – und zwar Millisekunden bevor diese der breiten Öffentlichkeit zugänglich werden. Der Preis: zwischen 60.000 und 100.000 US-Dollar pro Monat.

Die Abnehmer sind laut TMTG-Interims-CEO Kevin McGurn "in erster Linie Hochfrequenzhandelsfirmen". Mehr als zehn Kunden haben sich bereits eingeschrieben, was dem angeschlagenen Unternehmen potenziell bis zu einer Million Dollar monatlich einbringen könnte.

Am Mittwoch reichten das Nachrichtenportal The Intercept und die gemeinnützige Freedom of the Press Foundation Klage beim Bundesgericht in New York ein. Sie fordern, den Präsidenten gerichtlich daran zu hindern, offizielle Regierungsinformationen exklusiv über Truth Social zu verbreiten.

Die Klage richtet sich neben Trump auch gegen seine Assistentin Natalie Harp, den stellvertretenden Stabschef Dan Scavino sowie das Executive Office of the President und das White House Office – also gegen jene Strukturen, über die der Zugang zum Präsidentenkonto organisiert wird.

Die Ökonomie der Millisekunden

Um zu verstehen, warum selbst ein Vorsprung von wenigen Millisekunden für algorithmische Handelssysteme bares Geld wert ist, genügt ein Blick auf die jüngere Geschichte der Truth-Social-Posts.

Im April 2026 kündigte Trump über die Plattform an, geplante Angriffe auf iranische Infrastruktur zu pausieren – eine Reaktion auf Teherans Drohungen in Bezug auf die Straße von Hormus. Die Folge war eine Kursrallye an den Aktienmärkten im Wert von 1,5 Billionen Dollar. Wer diesen Post auch nur Sekundenbruchteile früher kannte, konnte entsprechende Positionen aufbauen, bevor der Markt reagierte.

Genau hier liegt das strukturelle Problem: Der US-Präsident bewegt mit seinen Äußerungen zu Zöllen, Kriegen und Wirtschaftspolitik regelmäßig globale Kapitalmärkte. Wenn der Zugang zu eben diesen Äußerungen (für viel Geld) käuflich ist, entsteht eine systematische Informationsasymmetrie zugunsten gut kapitalisierter Marktteilnehmer.

Gian Luca Clementi, Wirtschaftsprofessor an der NYU Stern School of Business, formulierte es gegenüber Fortune ohne Umschweife: "Ich sage es direkt: Das ist Insiderhandel per Definition."

Der demokratische Kongressabgeordnete Ritchie Torres aus New York wandte sich bereits im Juli mit einer formellen Petition an die Börsenaufsicht SEC, um eine Untersuchung der Truth API einzuleiten. Torres argumentierte, selbst ein kleines Zeitfenster mit bevorzugtem Zugang zu politisch relevanten Informationen untergrabe die Chancengleichheit an den Märkten grundlegend.

TMTG-Sprecherin Shannon Devine wies die Kritik zurück: Truth API biete "den schnellsten Weg, öffentlich verfügbare Truth-Social-Daten zu verarbeiten", und die Kritiker hätten "offenbar eine neue Theorie des Insiderhandels auf Basis öffentlich verfügbarer Informationen erfunden".

McGurn selbst bezeichnete das Modell während der Ergebnispräsentation als "branchenübliche Praxis" im Bereich lizenzierter Echtzeit-Daten – nicht anders als Datendienste anderer Technologie- oder Medienunternehmen.

Der "Picasso der Korruption"

Die Kläger stützen ihre Argumentation auf zwei Verfassungsartikel. Erstens sehen sie den ersten Zusatzartikel verletzt, der den gleichberechtigten öffentlichen Zugang zu Äußerungen des Präsidenten garantiert.

Wenn offizielle Regierungskommunikation de facto hinter einer Zahlschranke liegt – auch wenn die Posts theoretisch irgendwann öffentlich werden –, werde dieses Prinzip ausgehöhlt. Zweitens berufen sie sich auf den fünften Zusatzartikel, der willkürliche staatliche Bevorzugung verbietet: Der Zugang zu präsidialen Ankündigungen gegen "unangemessene Summen" sei mit dem Gleichheitsgrundsatz unvereinbar.

Brendan Ballou, Leiter des Public Integrity Project und Anwalt der Kläger, brachte den Vorwurf auf den Punkt: "Der Präsident nutzt hier die Macht seines Amtes, um sich massiv zu bereichern, und ich glaube, das ist beispiellos in der amerikanischen Geschichte." Und weiter: "Trump ist in gewisser Weise der Picasso der Korruption. Er erfindet Konstrukte, auf die man selbst nicht käme – und Truth Social ist ein Beispiel dafür."

Die Klage berührt dabei einen strukturellen Kern: Mit Truth API wird nicht einfach ein Datendienst vermarktet, sondern die Kommunikation der Exekutive selbst. Was ein Präsident über Krieg, Handelspolitik oder Wirtschaftssanktionen sagt, ist keine gewöhnliche Unternehmenskommunikation. Es ist staatliches Handeln – und dessen Vermarktung als exklusives Finanzprodukt stellt eine Form der Privatisierung öffentlicher Macht dar, die im amerikanischen Verfassungsrecht keine Präzedenz hat.

Ob die Klage von The Intercept und der Freedom of the Press Foundation vor Gericht Erfolg haben wird, ist offen. Doch allein die Tatsache, dass sie notwendig wurde, markiert einen Punkt, an dem die Frage nicht mehr lautet, ob hier Grenzen überschritten wurden – sondern ob es diese Grenzen überhaupt noch gibt.