WM-Debakel & Nagelsmann-Aus: Wie der deutsche Fußball jetzt umdenken muss
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Deutschland scheitert in der schwächsten WM-Gruppe, Bundestrainer Nagelsmann wirft hin. Welches Erfolgsmodell der DFB jetzt kopieren muss. WM-Blog – Folge 11.
"Aber das Meer ist nicht nur ein Feind des Menschen, der ihm fremd ist, sondern auch ein Teufel für seine eigenen Nachkommen; schlimmer als die persische Armee, die ihre eigenen Gäste ermordete; verschont es nicht die Kreaturen, die es selbst hervorgebracht hat."
Herman Melville, "Moby Dick"
Gut zwei Wochen vor dem WM-Finale am 18. Juli erreicht die Fußball-Weltmeisterschaft allmählich in ihre Zielgerade. Das Sechzehntelfinale ist beendet, nur noch 16 von 104 WM-Spielen stehen aus, und nur noch 16 von 48 Mannschaften sind im Wettbewerb übrig geblieben.
Das Imperium des Weltfußballs hat zurückgeschlagen
Damit hat sich das Bild endgültig geklärt: Das Imperium des Weltfußballs hat zurückgeschlagen und den Zwergenaufstand der vermeintlich bunten, neuen Fußballwelt beendet. Die Machtverhältnisse sind wiederhergestellt und der Weltfußball hat seine Normalität zurückerlangt.
Denn im letzten Match des Sechzehntelfinales schied mit Ghana auch die letzte von ursprünglich sechs verbliebenen schwarzafrikanischen Mannschaften aus. Ebenfalls ausgeschieden sind alle asiatischen und osteuropäischen und fast alle arabischen und orientalischen Mannschaften sowie bis auf Gastgeber Mexiko auch alle Mittelamerikaner.
Das Märchen vom neuen Fußball-Süden: Die Grenzen der Sportswashing-Milliarden
Vorbei ist es damit wieder einmal mit dem Hype über die angeblich "neue Stärke" des afrikanischen Fußballs, die schon 1990 nach einigen Überraschungserfolgen Kameruns behauptet wurde, und seitdem zu den – von interessierten Kreisen wie der Fifa gepushten, aber faktenfernen – beliebtesten Narrativen der Fußball-Geopolitik gehört.
Ähnlich wie die angeblich neue Stärke des arabischen Fußballs – wo es sich doch vor allem um die Stärke der Petrodollars handelt, mit denen sich autokratische Regimes in den Weltfußball einkaufen; so wie man ja auch im Fall der Elfenbeinküste und des Kongo begründete Zweifel an deren demokratischer Fassade hegen darf.
Im Ergebnis spielen jetzt die tatsächlich starken, traditionsreichen Fußballnationen weitgehend wieder unter sich – für den Fußball ist das trotz aller Fußballromantik eine gute Nachricht. Denn sie beweist: Geld allein schießt keine Tore.
Nationalmannschaften aus dem Frankenstein-Labor
Denn bei den von vielen Fußballromantikern geliebten und bewunderten Teams der Dritten Welt handelt es sich größtenteils um künstlich zusammengestellte Teams, um Nationalmannschaften gewissermaßen aus dem Labor.
Gerade die Überraschungsmannschaften von Kap Verde und Curaçao wurden größtenteils aus Emigrantenkindern in der ganzen Welt einzeln zusammengesucht und gegen viel Geld mit Staatsbürgerschaften versehen: nicht viel anders als Söldnerheere seit dem Dreißigjährigen Krieg.
Die Spieler Kap Verdes spielen in Portugal, in den Niederlanden und den anderen europäischen Ligen; einige von ihnen traten auch in der dritten, vierten oder fünften Liga Deutschlands auf. Die Spieler Curaçaos stammen fast sämtlich aus den Niederlanden. Und auch Teams etablierter Fußballnationen wie die Elfenbeinküste, Ghana oder Senegal bestehen aus Spielern, die oft eine europäische Doppelstaatsangehörigkeit haben und in den Ligen Frankreichs, Spaniens und Italien, seltener auch mal in der Premier League kicken.
Gleiches gilt für die beiden erfolgreichsten Nationen, die dem Kontinent Afrika zugerechnet werden, obwohl es sich bei Marokko und Ägypten eher um arabische Mannschaften handelt: Fast alle ihre Spieler spielen in europäischen Spitzenklubs – kein Wunder, dass sie mit ihren Mannschaftskameraden der anderen Nationalteams halbwegs mithalten können.
Auch die angeblich so neuen Fußball-Länder Katar und Saudi-Arabien sind genau genommen zusammengekaufte Legionäre, Gastarbeiter des Weltfußballs.
Argentinien zeigte der deutschen Mannschaft ihre Fehler
Im vorletzten Match in der Nacht auf Samstag zeigten die Argentinier der deutschen Nationalmannschaft, wie man gegen einen kleinen, bissig-engagierten Gegner spielen muss. Dabei war Kap Verde viel stärker als Paraguay.
Mit einem keineswegs "vogelwilden" (Bastian Schweinsteiger), sondern disziplinierten und engagierten Auftreten zwangen sie, wie wohl drückend unterlegen, den Fußballweltmeister in die Verlängerung und verlangten Messi und Co alles ab.
Die Argentinier spielten gewohnt klar und hart, aber auch sehr ruhig, für den Geschmack des Autors dieser Zeilen ein bisschen zu ruhig. Und die Spieler von Kap Verde wurden nicht müde. Die Elf wirkte teilweise, als ob sie einen Mann mehr hätte. Immer wenn Argentinien schließlich führte, schafften sie es nicht, davonzuziehen, ließen sich ärgerlich zurückfallen und bauten so den Gegner zweimal wieder auf.
Trotzdem behielt der Weltmeister die Kontrolle und gewann.
Zwei weitere Wochen eskapistischen Glücks
So geht der nette regenbogenbunte, postkoloniale Weltfußball zu Ende und landet in den Gesetzmäßigkeiten des 20. Jahrhunderts. In diesen wird die WM noch zwei weitere Wochen eskapistischen Glücks spenden und die Fans aller Länder vereinen in jenem Zwischenreich, das Herman Melville in "Moby Dick" in seiner Beschreibung der Äquatorfahrt ähnlich beschwor:
"Die warm-kühlen, klaren, klingenden, duftenden, überfließenden, redundanten Tage waren wie Kristallkelche persischen Sirups, aufgeschichtet - mit Rosenwasserschnee bedeckt. Die sternenübersäten und stattlichen Nächte schienen hochmütige Damen in juwelenbesetzten Samten, die zu Hause in einsamer Stolz die Erinnerung an ihre abwesenden, siegreichen Grafen, die goldgehelmten Sonnen, hegten! Für den schlafenden Menschen war es schwer, zwischen solch gewinnenden Tagen und solch verführerischen Nächten zu wählen."
So geht es ins Achtelfinale!
Die Gruppensieger-Illusion: Warum Deutschlands Vorrunde völlig wertlos war
Überhaupt zeigt sich die Schwäche der deutschen Mannschaft nicht allein an ihrem eigenen miserablen Abschneiden, sondern auch an der Tatsache, dass im Sechzehntelfinale bereits alle deutschen Gruppengegner ausgeschieden sind. Sowohl Ecuador hatte gegen Mexiko keine Chance, als auch am Tag davor die Elfenbeinküste gegen Norwegen.
Dies zeigt neben anderen Dingen, dass die Gruppe E, in der sich die Deutschen als Gruppenerster qualifizierten, eine der schwächsten der Vorrunde gewesen ist.
Ähnliches könnte man auch über die Gruppe F sagen, in der ebenfalls drei Mannschaften weiterkamen, die nun bereits sämtlich ausgeschieden sind: Schweden chancenlos beim 0:3 gegen die Franzosen, Japan und die Niederlande – immerhin denkbar knapp und unglücklich gegen Brasilien und Marokko. Alles in allem haben sich mit Ausnahme des deutschen Debakels sämtliche favorisierten Teams durchgesetzt.
Das Ego eines Trainers
Sehenden Auges ist der deutsche Fußball in die Katastrophe gestürzt. Sehenden Auges hat man den Misserfolg in Kauf genommen, nur um dem Ego eines Bundestrainers Genüge zu tun.
Denn Julian Nagelsmann traf viele seiner Entscheidungen ganz allein und verzichtete auf andere Stimmen nur aus dem einen einzigen Grund: Weil er auf Ratschläge Dritter, auf Urteile von Experten, und Stimmungen unter Fans und Berichterstattern nicht hören wollte.
Stattdessen tat er sie sämtlich als "Druck von außen" ab. Das war falsch, aber es ist sein gutes Recht. Ein Bundestrainer wird nicht an seinem Charakter, seiner Sozialkompetenz und auch nicht allein an miserabler Kommunikationsfähigkeit gemessen, sondern an Ergebnissen.
Diese Ergebnisse sprachen am Ende allerdings für sich – und gegen den Trainer. Es war schon falsch, das Ausscheiden im Viertelfinale bei der Heim-EM 2024 als Erfolg abzubuchen.
Die eigentümliche Überheblichkeit dieses Trainers zeigte sich bereits in diesem Sommer 2024 in seiner Reaktion auf das damalige Scheitern: Denn man ist gegen den späteren Europameister Spanien ausgeschieden, und dies ganz zurecht und verdient.
Man hat sich aber diese Niederlage immer wieder schöngeredet, indem man sich auf eine einzige Schiedsrichterentscheidung, die möglicherweise falsch war, herausgeredet hat. Wer weiß denn, ob die Deutschen einen möglichen Elfmeter gegen Spanien überhaupt verwandelt hätten? Das könnte man sich in Fußballdeutschland einmal fragen.
Am Montag haben sie beim Elfmeterschießen drei von sechs Versuchen verschossen.
Was nun? Was tun?
Nach Nagelsmann: Jetzt muss man den deutschen Fußball grundsätzlich neu denken
Es klang wie eine Drohung. Und es war eine, als Julian Nagelsmann im ZDF sagte: "Ich bin keiner, der wegläuft."
Also musste man ihn dann eben wegtragen. Oder wegfahren. Oder es liefen alle anderen vor ihm weg. Klar ist jedenfalls: Nagelsmann ist jetzt weg!
Und dies kann nur der Anfang einer grundsätzlichen Reorganisation und eines Neuaufbaus des deutschen Fußballs sein. Der deutsche Fußball steht wieder da, wo er 2004 stand, als Jürgen Klinsmann zum Bundestrainer berufen wurde.
Die Fußballausbildung muss besser werden. Vor allem muss Deutschland seine Vorstellung von Fußball neu justieren, von Weltmeister Argentinien, Europameister Spanien und Ex-Weltmeister Frankreich lernen, was erfolgreiches und schönes Spiel ausmacht. Daraus ist dann eine Idee des deutschen Fußballs zu entwickeln, eine Strategie und taktische Varianten: Wie will Deutschland spielen? Wie reagiert man flexibel und elastisch auf Herausforderungen?
Man muss also den deutschen Fußball ganz grundsätzlich neu denken. Anstatt wieder nur kurzfristige Lösungen bis zum nächsten Turnier zu suchen.
Wie in Spanien muss ein bestimmtes möglichst elastisches und kreatives grundsätzliches Fußballmodell entworfen und verfeinert und in allen Jugendmannschaften gelehrt und gelebt werden.
Nur dann wird Deutschland in der Lage sein, fußballerisch wieder zu den großen Fußballnationen aufzuschließen – und vielleicht könnte der Rest der Gesellschaft dann sogar wieder etwas vom Fußball lernen.