WM-Finale: Warum Argentinien gegen Spanien um weit mehr als den Titel spielt
Nummer 10, Messi. Bild: Shutterstock.com
Im WM-Finale trifft Spanien auf Argentinien. Hinter dem Duell steckt eine brisante Mischung aus Kolonialgeschichte, Fan-Mythen und Taktik. WM Blog – Folge 16.
"No plans for final day/ Stay in bed, drift awayIt could have been all/ Songs in the streetIt was nearly complete/ It was nearly so sweet/ And now I'm singing..."
"Three Lions" The Lightning Seeds
Wie gesagt: Dreimal Glück ist kein Glück mehr. Viermal Glück erst recht nicht. Gut möglich trotzdem, dass auch Spanien morgen Abend die Argentinier unterschätzen wird.
Es ist ein Traumfinale: Der Europameister gegen den Weltmeister, die beste Mannschaft Europas gegen die beste Mannschaft Lateinamerikas, die zwei besten Teams (nicht Einzelspieler) des diesjährigen WM-Turniers, die zwei bedeutendsten Kontinente des Weltfußballs treten gegeneinander an.
Der Kopf sagt: Spanien wird gewinnen. Der Bauch sagt: Argentinien.
Der Wille macht den Champion
"Los pobres gringos no entienden nada/ Al ver la barra descontroladaY si precisan que alguien les cuente/ Pregúntenle a Brasil qué se siente"
(Die armen Gringos verstehen gar nichts / Wenn sie die außer Kontrolle geratene Fangemeinde sehenUnd wenn sie jemanden brauchen, der es ihnen erklärt / Dann fragt Brasilien, wie sich das anfühlt)
Argentinischer Fansong
Als Weltmeister wieder ins Finale zu kommen, das haben einzelne Fußballweltmeister bereits in der Vergangenheit geschafft: etwa Argentinien selbst 1990, Brasilien 1998, und Frankreich 2022. Den Titel haben diese Nationen jeweils nicht verteidigen können.
Insofern spricht auch die grundsätzliche Statistik dafür, dass Argentinien am Sonntag verlieren wird. Aber Argentinien hat schon manche Statistiken geschlagen in den letzten Wochen. Auch am Mittwoch sprach vieles dagegen, dass Argentinien das Halbfinale gewinnt.
Man sagt gerne "Offense wins game, defense wins championship". Aber diese Football-Weisheit ist zu einfach.
Denn die Argentinier kombinieren ja überaus schlau Offensive und Defensive, und können, wenn sie wollen oder müssen, extrem offensiv und gefährlich nach vorne spielen, nicht nur im Kontern, sondern auch mit einem Daueranrennen gegen das Tor des Gegners.
Das konnte man im Halbfinal-Spiel gegen England bilderbuchmäßig beobachten. Aber auch schon vorher, gerade wenn sie zurücklagen, wie es gegen Ägypten der Fall war.
Vor allem aber belegt Argentinien die klassische Erkenntnis: "Wille wins championship."
Bastian Schweinsteiger kommentierte:
"Argentinien: unfassbar gut. Dass die Mannschaft es respektiert, dass Messi weniger läuft, das finde ich sehr schön. Ohne diese Fans hätte Argentinien nicht so viel Erfolg. Diese Verbindung zwischen Fans und der Mannschaft – göttlich."
Die Zermürbungsstrategie der argentinischen Elf
"Faszinierend, sich das anzugucken. Das ist Fußball. Mehr kannst du aus diesem Sport nicht rausholen."
Marcel Reif zum Halbfinale England - Argentinien
Die englischen Medien versuchen nach dem WM-Brexit im Nachhinein vor allem zu erklären, wie es zu dem "complete action switch" kam und betonten immer wieder: "Es hätte auch anders ausgehen können."
Aber es ist nicht anders ausgegangen, und genau das wäre eigentlich zu erklären, wenn man etwas daraus lernen und die nunmehr "sixty years of shame" irgendwann doch beenden möchte.
Auch Thomas Tuchel machte es sich in seinen ersten Stellungnahmen viel zu einfach: Es ist nicht alles erklärbar damit, dass Argentinien nichts mehr zu verlieren hatte. Das ist zu wenig.
Die Frage ist zu stellen, ob nicht die Engländer den Argentiniern einfach in die Falle getappt sind? Ob nicht viel mehr die argentinische Strategie von Anfang an genau die gewesen ist: Dass man die Engländer müde spielt und ihnen den Schneid abkauft und sie zermürbt? Zermürbt, um dann am Ende noch mehr Kraft zu haben?
Die Argentinier haben das Selbstvertrauen, dass sie ein Tor schießen werden, und dass sie, wenn sie maximal 1:0 zurückliegen, so in jedem Fall in die Verlängerung gehen. Und sie wissen, dass mit jeder Minute, die das Spiel dauert, ihre Chancen wachsen.
Genau mit dieser Haltung werden sie morgen auch gegen die Spanier spielen.
Englische Selbstzerfleischung
"It's never coming home" – die englische Selbstzerfleischung, die die der Deutschen leicht überbietet, und durch den absurd-naiven Nationalismus, der sie grundiert, noch destruktiver wirkt, zeigt, was in diesem Land nicht erst seit dem Brexit falsch läuft und warum.
In London, wo noch mehr Premierminister ausgewechselt werden, als Nationaltrainer, hört man nicht ein Wort der Selbstkritik: Die Engländer reden, als hätten sie einen Anspruch auf Titel. Sie können es sich nicht eingestehen, dass sie einfach miserabel aufgetreten sind, dass sie das Spiel selber nach der Führung leichtfertig hingegeben haben. Dass sie in der zweiten Halbzeit schwächer waren, als der Gegner, und dass sie weniger kämpferisch und weniger willensstark waren und den Sieg weniger gewollt haben als die Argentinier.
Es ist darum schon absurd zu lesen und zu hören, wie die britischen Medien die Argentinier noch nach dem Spiel unterschätzen, nachdem sie gegen Argentinien verloren haben, indem sie alles auf den Trainer Tuchel und auf dessen angeblich falsche Auswechslungen schieben und nicht erkennen, warum Argentinien wirklich gewonnen hat.
Weil England fertig war, müde war und auch moralisch gebrochen war. Die englische Presse erkennt nicht, dass die Führung ihrer Mannschaft in der 55. Minute bereits überraschend kam, und eigentlich nicht mehr hätte stattfinden dürfen, dass eigentlich Argentinien davor schon eine Drangphase hatte mit mehreren guten Chancen.
Zwei Tage nach diesem großartigen Halbfinalspiel kann man nach etwas kühlerem Nachdenken konstatieren, dass die Engländer den Argentinien in die Falle gegangen sind. Sie haben sich verausgabt in der ersten Hälfte, die Argentinier haben sie spielen lassen und vor allem rennen lassen. Sie haben allerdings auch zwischendurch gefährliche Gegenschläge geführt und sie haben vor allem sehr giftig in der eigenen Hälfte verteidigt.
Wie stark ist die Mentalität der Spanier?
Was kann Spanien dem entgegensetzen? Hat es sich eigentlich schon herumgesprochen, dass nicht nur Lionel Messi einst Lamine Yamal als Baby für ein Unicef-Shooting im Arm hielt, sondern das der heutige spanische Nationalcoach Luis de la Fuente in der spanischen Trainerakademie der Ausbilder von Lionel Scaloni war, des heutigen Nationaltrainers von Argentinien?
Was hat der eine wohl vom anderen gelernt? Beide sind Underdogs, gehören nicht zum Glamour-Establishment der Trainer-Elite.
Beide sind ruhig und doch emotional unter der Oberfläche. Beide verstehen offensichtlich ein Team zu formen, eine Strategie zu entwickeln und ad hoc anzupassen.
Dass Spanien auf Ballbesitz setzt, wird nicht ausreichen. Ähnlich wie gegen England dürfte Argentinien den Spaniern zunächst den Ball überlassen, um im Verlauf des Spiels mehr und mehr ins Gegenpressing zu wechseln.
Aber Spanien spielt kühl und ruhig und sehr fehlerfrei. Sie haben sich bisher auf jeden Gegner neu eingestellt und perfekt ausgerichtet. Spanien schafft es, dass beim eigenen Tor die Null steht.
Wahrscheinlich entscheidet sich das Finale an der Frage: Wie stark und gefestigt ist die Mentalität der viel jüngeren spanischen Mannschaft? Lassen sie such durch den Gegner beeindrucken und sich das argentinische Körperspiel aufzwingen?
In seiner ARD-Analyse sagte Bastian Schweinsteiger, was im Spiel gegen Argentinien nötig ist:
"Du musst physisch stark sein, du musst aber auch hier oben mental stark sein. Die lassen nicht nach, das kostet Kraft. Das musst du wissen wenn du gegen die Argentinier spielst: die geben nicht auf. Und mit diesen Fan zum Rücken da läufst du noch mehr."
"Wer einen Dieb bestiehlt, dem wird hundert Jahre lang vergeben"
Das Finale ist wie gesagt auch ein Kontinentalduell. Der Rest der Welt gegen Europa. Argentinien repräsentiert diesen Rest der Welt. Die Albiceleste ist die Mannschaft des Globalen Südens.
Underdog gegen Establishment: Gerade, wenn man auf die Lieder der Fans schaut, gerade auf die, die in den letzten Wochen gedichtet wurden im Cumbria- oder Tango-Rhythmus, dann war das Motiv schon vor dem Halbfinale: Den Dieb bestehlen.
"Quiero robarle un gol al ladron", "ich möchte dem Dieb ein Tor stehlen", spielt auf jene berühmte Verteidigung des argentinischen Fußballhelden Diego Maradona an, der sein legendäres Handspiel bei der WM 1986 mit dem Sprichwort entschuldigte: "Quien roba a un ladrón tiene cien años de perdón." ("Wer einen Dieb bestiehlt, dem wird hundert Jahre lang vergeben.")
Maradona meinte damit konkret, den blutigen Falklandkrieg 1982 und die fortdauernde koloniale Besetzung der Falkland-Inseln. Der Falkland-Stachel sitzt tief in der argentinischen Seele, auch wenn niemand die Diktatur, die diesen Krieg vom Zaun brach, zurückhaben will und nur wenige Ewiggestrige sie verherrlichen.
Darum tauchen in den Fan-Liedern oft genug auch die "Malvinas" auf.
Doch hat der Satz über das Bestehlen des Diebes auch einen grundsätzlichen symbolischen Charakter: Die alten europäischen Kolonialmächte sind in den Augen eines Landes aus dem Globalen Süden und einer ehemaligen Kolonie wie Argentinien immer noch die ehemaligen Kolonisatoren, die "reichen", "arroganten", "schulmeisterlichen" Imperialisten aus dem Norden, die Länder wie Argentinien jahrhundertelang ausgebeutet haben, und dies oft genug heute noch immer tun.
Wäre da nicht Lionel Messi...
Die ehemalige Kolonialmacht Argentiniens heißt übrigens Spanien. Sie sind – drei Jahre ohne Niederlage, nur ein Gegentor in 7 Spielen – am Sonntag trotz allem die klaren Favoriten.
Wäre da nicht Lionel Messi. Der "Europäer" unter den Argentiniern, die Verbindung der beiden Fußballwelten. Die Entscheidung am Sonntag ist daher nicht wie das Finale 2022 eine Frage der Gerechtigkeit. Die hat schon jetzt gesiegt.
Messi hat in seinem zweiten WM-Finale keinen Druck mehr. Er muss nicht mehr, er kann. Ob ihn das befreit, oder ihm die Kraft nimmt, werden wir sehen.