Warme Küstengewässer: Warum Gesundheitsbehörden den Hitzeschutz anpassen müssen

Eine ältere Person sitzt auf einer Parkbank am Meer und hält eine Wasserflasche. (Dieses Bild wurde mit KI generiert)

Die zunehmende Wärme an den Küsten erfordert eine Anpassung der Hitzeschutzpläne, da feuchtere Hitze und höhere Nachttemperaturen die Gesundheit beeinträchtigen können.

(Bild: KI-generiert)

Warme Meere machen Küstenhitze feuchter, Nächte schwüler und Baden im Meerwasser riskanter. Gesundheitsbehörden müssen ihre Schutzpläne erweitern.

Die Weltmeere haben im Juli 2026 die höchsten Oberflächentemperaturen erreicht, die jemals für diesen Monat gemessen wurden: 20,96 Grad Celsius, wie der Copernicus-Klimadienst mitteilt.

Damit wurde der bisherige Höchstwert für die extra-polaren Ozeane übertroffen. Im Jahr 2023 war er bereits auf 20,89 Grad Celsius gestiegen. Das ist aber nur ein Durchschnittswert: Im Mittelmeer und entlang der europäischen Atlantikküste wurden teils höhere Anstiege verzeichnet, stellenweise bis zu 6 Grad Celsius über den als normal geltenden Wert.

Das klingt zunächst nach einem Problem, für das sich in erster Linie Meeresbiologen interessieren dürften. Die Folgen des Temperaturanstiegs treffen aber auch die Menschen direkt, in erster Linie die, die entlang der Küsten leben.

Denn mit den aufgeheizten Wassermassen ändert sich das Mikroklima dieser Landstriche. Mit steigenden Temperaturen nimmt die Verdunstung zu und mit ihr auch die Luftfeuchtigkeit. Allein diese Kombination verschlimmert die Hitzebelastung für Menschen im Sommer. Verschlimmert wird das noch dadurch, dass die lebenswichtige Abkühlung in der Nacht ausbleibt.

Wie Bloomberg kürzlich berichtete, geht man davon aus, dass Europa in diesem Sommer schon etwa 25.000 Hitzetote zu beklagen hat. Ein Großteil davon in Deutschland: Hier geht das Robert-Koch-Institut (RKI) von etwa 12.500 hitzebedingten Todesfällen aus.

Eine internationale Forschergruppe um die Klimawissenschaftlerin Friederike Otto vom Imperial College London hat nun im Rahmen der Initiative World Weather Attribution (WWA) untersucht, inwieweit der menschengemachte Klimawandel die extremen Meeresoberflächentemperaturen (Sea Surface Temperatures, SSTs) entlang der europäischen Küsten verursacht hat.

Das Ergebnis ist eindeutig: Ohne die bisherige Erderwärmung um 1,4 Grad Celsius wären die beobachteten Temperaturspitzen im Mittelmeer und an der Biskaya "praktisch unmöglich" gewesen.

Mittelmeer erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt

Das Mittelmeer heizt sich mit einer Rate auf, die den weltweiten Ozean-Durchschnitt um das Doppelte übersteigt.

Dass das Mittelmeer wärmer wird, konnte man bereits im vergangenen Jahr feststellen. Im Normalfall erreicht das Wasser im westlichen Mittelmeer Temperaturen von 25 bis 28 Grad. Doch 2025 wurden hier mancherorts Wassertemperaturen von 31 Grad Celsius gemessen.

Das könnte natürlich auch ein einmaliger Ausreißer oder eine Wetteranomalie sein, doch die WWA-Studie deutet auf eine andere Entwicklung hin. Die Forscher dokumentierten für vier europäische Meeresregionen Temperaturanstiege, die weit über die globale Erwärmung hinausgehen.

Im westlichen Mittelmeer betrug der Anstieg gegenüber vorindustriellen Bedingungen 3,1 Grad Celsius, im östlichen Mittelmeer 2,6 Grad Celsius und im Golf von Biskaya samt Iberischer Halbinsel 1,5 Grad Celsius. In der Keltischen See – der am geringsten betroffenen Region – lag der Anstieg bei 1,2 Grad Celsius.

Die Forscher aus der Schweiz, Schweden, den USA, Irland und dem Vereinigten Königreich analysierten dafür den jeweils wärmsten 14-Tage-Zeitraum sowohl innerhalb des gesamten Jahres als auch speziell im Juli.

Die Ergebnisse zeigen, dass gerade der Juli in allen Regionen die schnellste Veränderungsrate aufweist. Bemerkenswert war zudem, wie früh im Jahr die extremen Temperaturen bereits erreicht wurden.

Selbst bei konservativer Schätzung beläuft sich der Teil an der Erwärmung, der dem menschengemachten Klimawandel zuzurechnen ist, in beiden Mittelmeerregionen auf rund 2 Grad Celsius. Und das ist ein Wert, der die globale Durchschnittserwärmung deutlich übersteigt.

In der Keltischen See errechneten die Wissenschaftler ein Wahrscheinlichkeitsverhältnis von etwa 30: Was dort heute gemessen wurde, wäre in einem vorindustriellen Klima ein Jahrhundertereignis gewesen.

Feuchte Hitze an den Küsten – gefährlicher als trockene Gluthitze im Inland

Die aufgeheizten Meere erzeugen eine Rückkopplungsschleife, die den Hitzestress für Küstenbewohner massiv verschärft.

Friederike Otto erklärte gegenüber Bloomberg, die "Hitzeglocke", die einen Großteil des Sommers über Westeuropa gelegen habe, habe sowohl die Hitzewellen über Land als auch auf dem Meer ausgelöst: "Sie hängen definitiv zusammen".

Meerwasser speichert Wärme über lange Zeiträume, wodurch marine Hitzewellen länger andauern und die Luftfeuchtigkeit in Küstengebieten steigt.

Für die menschliche Physiologie ist das eine gefährliche Kombination. Catherine Gregory von der Universität Bern, Mitautorin der WWA-Studie, beschrieb gegenüber Bloomberg das Kernproblem: "Während Hitzewellen an Land kann die vom Ozean kommende Luftfeuchtigkeit unglaublich tödlich sein".

Ähnliche Muster kenne man bisher aus Südostasien und Indien, doch inzwischen zeigten sie sich auch in Südeuropa.

Der Mechanismus dahinter: Um sich abzukühlen, schwitzt der Mensch. Doch bei hoher Luftfeuchtigkeit verdunstet der Schweiß nicht mehr effektiv. Wenn dann noch die Temperaturen in der Nacht hoch bleiben, kann die Körpertemperatur auch im Schlaf nicht mehr nach unten reguliert werden. Letztlich droht, der Körper zu überhitzen.

Aus diesem Grund reichen auch klassische Hitzewarnungen nicht mehr. Diese stellen nämlich oftmals noch auf die Lufttemperatur als einzigen Faktor ab, was den Gefahren in Küstenregionen nicht mehr gerecht wird.

ECDC warnt vor Vibrionen im warmen Badewasser

Neben dem Hitzestress wächst ein zweites Gesundheitsrisiko: Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) warnt vor einem erhöhten Aufkommen wasserübertragener Infektionen wie Vibriose während anhaltender Hitzeperioden.

Vibrio-Bakterien vermehren sich besonders gut in warmem, küstennahem Wasser mit geringerem Salzgehalt – etwa in der Ostsee, im Schwarzen Meer oder in Flussmündungen.

Das ECDC hat seinen "Vibrio Viewer" aktualisiert, ein interaktives Tool, das Satellitendaten zu SST und Salzgehalt nutzt, um tägliche Risikoeinschätzungen und eine Fünf-Tage-Prognose für Vibrio-Wachstumsbedingungen bereitzustellen.

Zusätzlich veröffentlicht die Behörde während der Sommersaison wöchentliche Bedrohungsberichte (Communicable Disease Threat Reports), die das Vibrio-Risiko in europäischen Küstenregionen kartieren.

Zwar bleibt Vibriose im EU- und EWR-Raum insgesamt eine seltene Erkrankung. Doch lokal erworbene Fälle häufen sich in Sommern mit außergewöhnlich hohen Wassertemperaturen.

Gleichzeitig treiben die erwärmten Meere die Quallenbestände nach oben: Sauerstoffarme Zonen, in denen Quallen gegenüber Fischen im Vorteil sind, breiten sich aus.

Das hat mancherorts schon dazu geführt, dass Strände geschlossen werden mussten, weil einfach zu viele Quallen im Wasser waren. Gerade für die Tourismusbranche wird das zu einem Faktor, der berücksichtigt werden muss.

Marine Frühwarnsysteme und Grenzen der Anpassung

Die WWA-Studie formuliert eine unbequeme Prognose: Bei einer globalen Erwärmung von 2,8 Grad Celsius gegenüber vorindustriellem Niveau – dem derzeit für das Ende dieses Jahrhunderts erwarteten Wert – würden die bereits extremen SST-Ereignisse von 2026 um weitere 1,3 Grad Celsius bis 1,9 Grad Celsius heißer ausfallen.

Die projizierten Temperaturen lägen dann über dem, was viele heute in europäischen Meeren lebende Arten tolerieren können, und markierten damit "starke Grenzen der Anpassungsfähigkeit".

Die Studie betont, dass Anpassungsmaßnahmen – darunter die Verringerung zusätzlicher Belastungen für marine Ökosysteme, der Schutz von Lebensräumen und die Verbesserung von Überwachungs- und Frühwarnsystemen – die Widerstandsfähigkeit zwar erhöhen, die ökologischen und gesundheitlichen Folgen der fortschreitenden Ozeanerwärmung aber nicht vollständig ausgleichen können.

Gregory wies darauf hin, dass warme Meere den Stürmen "zusätzliche Energie liefern, sodass sie viel länger anhalten können". Hohe Temperaturen im Mittelmeer wurden bereits mit extremen Niederschlagsereignissen wie den Überschwemmungen in Valencia 2024 in Verbindung gebracht.

Für Gesundheitsbehörden in Küstenregionen bedeuten die Ergebnisse, dass allgemeine Hitzeschutzpläne nicht mehr ausreichen.

Die spezifische Kombination aus feuchter Hitze, ausbleibender nächtlicher Abkühlung und steigendem Infektionsrisiko im Badewasser erfordert eigene Präventionsstrategien – von marinen Frühwarnsystemen für Krankheitserreger über nächtliche Kühlräume bis hin zur gezielten Information vulnerabler Gruppen.