Weiterbildung: Unternehmen wollen profitieren, aber nicht investieren
Firmen setzen auf KI, schulen Mitarbeitende aber kaum. Lernzeit? Oft Privatsache. Was das für Beschäftigte bedeutet – ein Weckruf.
Neue Technik erhöht die Anforderungen an die Beschäftigten. Um mit den Neuerungen Schritt halten zu können, sind Qualifizierungsmaßnahmen unerlässlich. Diese versuchen Unternehmen derzeit vor allem unter Kostensicht zu betrachten.
Personaler aus aller Welt trafen sich im März zur Konferenz "Unleash America" in Las Vegas. "Die Zukunft der Arbeit ist Lernen", erklärte Amy Edmondson, Professorin an der Harvard Business School, bei der Auftaktveranstaltung. "Die Organisationen, die in Zukunft gedeihen werden, sind die Organisationen, die lernende Organisationen sind", betone sie.
Die Trennung zwischen Arbeit und Lernen wird in vielen Bereichen zunehmend aufgehoben. Der Arbeitsplatz wird genutzt, um bestimmte Lernprozesse aktuell zu organisieren. KI soll dies erleichtern. "Aus Lernumgebungen werden Arbeitsumgebungen, die permanent beim Lernen helfen", meldet Haufe.
So kündigt der Personalsoftwareanbieter Workday mit "Workday Learning" eine eigene Plattforman, die Vorreiter der KI-basierten Lernplattform werden soll. Damit soll das Unternehmenswissen zugänglich gemacht werden.
"Lernen verschwindet als eigenständige Aktivität. Es wird integriert, eingebettet, automatisiert. Systeme beantworten Fragen, schlagen nächste Schritte vor, simulieren Gesprächssituationen, leiten Handlungen ein. Navigation wird durch Dialog ersetzt, Kurse durch Interaktion, Lernpfade durch situative Unterstützung."
Gudrun Porath, Haufe
Lernzeiten in die Freizeit delegiert
Neue Formen der Arbeitsorganisation, etwa die Arbeit im Homeoffice, werden von Unternehmensvertretern auch genutzt, um die Verantwortung für die Qualifizierung auf die Beschäftigten zu verlagern.
Die neue Technik verspricht zunächst Vorteile: Das Lernen kann unabhängig von Seminarveranstaltungen erfolgen und ist an keine festen Zeiten gebunden, kann sich flexibel nach den Bedürfnissen der Arbeitnehmer richten. In vielen Unternehmen wird von den Arbeitenden erwartet, eigenständig die Seminareinheiten zu organisieren.
Aber E-Learning neben der eigentlichen Arbeit während des normalen Arbeitsablaufs einzuschieben, ist in der Praxis nicht praktikabel, da es an ungestörten Lernzeiten fehlt.
Die Steigerung dieser Entwicklung ist "Microlearning", also ein "Lernen in kleinen Häppchen". Ziel ist das Aneignen von Inhalten in kleinen Lerneinheiten. In kleinen Etappen bis zu 15 Minuten sollen mit dieser Methode konkrete Lernziele erreicht werden.
In der Praxis spielen kurze Lernvideos eine große Rolle, auch werden unter dem Stichwort "Gamification" spielerische Elemente, etwa ein Quiz, einbezogen. Die Folgen sind bei der Qualität des Lernens erkennbar. Für Unternehmen ist dies kostengünstig, für Beschäftigte eine Abkehr vom ungestörten Lernen.
Beschäftigte wollen lernen, Unternehmen fördern dies zu wenig
Zunehmend versuchen Unternehmen darüber hinaus, die Lernzeiten in die Freizeit zu delegieren. Diese Gefahr ist bei E-Learning besonders groß, da das Material auch per Internet zuhause bearbeitet werden kann.
Viele Menschen wollen sich weiterbilden. Doch Zeit, Geld und fehlende Unterstützung im Betrieb bremsen sie aus. Zwei Drittel der Befragten geben an, dass sie grundsätzlich Interesse an Weiterbildung haben, wie eine neue Auswertung der Hans-Böckler Stiftung zeigt.
Der Weg zur Weiterbildung ist für viele schwer. Viele Beschäftigte sagen, dass sie im Alltag keine Zeit zum Lernen finden.
"Erwerbstätige Frauen nehmen fast doppelt so häufig wie Männer an individuell-berufsbezogenen Weiterbildungen teil, die sie dann aber zumeist auch selbst – und nicht durch den Betrieb – finanzieren müssen."
Bernd Käpplinger, Justus-Liebig-Universität Gießen
Die Studie fordert freie Lernzeiten, um die Beschäftigten für die digitale Transformation fit zu machen. Die Betriebe kommen demnach ihrer Verantwortung nicht nach.
KI wird eingesetzt, Beschäftigte aber kaum dafür geschult
Auch beim Aufbau von KI-Kompetenzen sparen Unternehmen. Das ist das Ergebnis der Studie "Corporate AI Learning", die der Personaldienstleister Amadeus Fire Group im Auftrag der Allianz der Chancen hierzulande durchgeführt hat.
So sehen 91 Prozent der befragten Unternehmen KI als zentral für ihr Geschäftsmodell und 82 Prozent planen höhere Investitionen in die Technik. Gleichzeitig plant aber nur jedes vierte Unternehmen, in naher Zukunft substanziell in die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden zu investieren.
Dabei wird in Unternehmen oft unterschätzt, wie tiefgreifend die Auswirkungen neuer Technik auf die Belegschaften sind "Wird ein bestimmter Arbeitsprozess digitalisiert, muss er erst (neu) von den Beschäftigten erlernt werden: Abläufe, wo Einträge möglich sind, wie die Beteiligungen laufen und wie Störungen und Fehler beseitigt werden können" erläutert Eva Aich, Gewerbeaufsichtsbeamtin in der Bezirksregierung Düsseldorf in der Fachzeitschrift Gute Arbeit.
Sie plädiert für mehr Lernzeiten. Benötigt werden "Ressourcen in der Einführungsphase":
"Ist die Fehlerbeseitigung schnell und zeitnah möglich oder kommt es zu Wartezeiten, bis die IT-Abteilung tätig wird? Wird diese überlastet?" […] Wird den Beschäftigten für die besonderen Anforderungen der Einführungsphase genug Zeit und Unterstützung bereitgestellt?"
Eva Aich
Bleibt das Arbeitspensum in einer entsprechenden Einführungsphase unverändert, ist eine "deutliche Erhöhung der Arbeitsintensität vorprogrammiert". Steigende psychische Belastungen sind die Folge, so Aich.