Weser-Vertiefung: Warum Kühe plötzlich bis zu 1,8 Kilo Salz fressen

Querschnitt eines Flusses mit Schiff-Silhouette und Signets für Salz- und Trinkwasse

Weil die Weser vertieft wird, versalzen die Weidegräben. Landwirte warnen: Rinder nehmen täglich lebensgefährliche Mengen Salz auf.

Anfang Juni in Brake/Niedersachsen: Rund 150 Menschen demonstrieren an der Braker Kaje zu Wasser und zu Land gegen künstliche Flussvertiefungen in der Weser. Jede neue Vertiefung bringe mehr Schlick und Brackwasser (ein Gemisch aus Salz- und Süßwasser) in Weser und Wesermarsch, so ihr Argument.

Die gesamte Unterweserregion nördlich des Bremer Weserwehrs sei untrennbar miteinander verbunden. Bei steigendem Meeresspiegel, einhergehend mit Extremwetterlagen wäre die Situation nicht mehr beherrschbar, befürchtet Jochen Dudeck vom Aktionsbündnis gegen die Weservertiefung.

Durch die Vertiefung habe sich bereits die Salzwassergrenze verschoben. Das wiederum gefährdet weidende Rinder: wenn die Gräben weiter versalzen, könne ein Kuh bis zu 1,8 Kilo Salz täglich zu sich nehmen – definitiv zu viel, klagen Landwirte an der Weser.

Eine erneute Flussvertiefung wäre mit massiven ökologischen Schäden verbunden, so wie sie bereits an Weser, Elbe und Ems auftreten, betonen auch die Umweltverbände BUND und WWF.

Wirtschaftsverbände wollen freie Fahrt für gigantische Containerschiffe

Das Städtchen an der Unterweser gilt als wichtigster deutscher Umschlagplatz für Agrargüter wie Palmöl und Soja aus Zentralamerika. Damit Futtermittel in immer größeren Containerschiffen deutsche Häfen ansteuern können, soll der Fluss immer tiefer ausgebaggert werden.

Die Außenweser verläuft von der Nordsee bis Bremerhaven, die Unterweser Nord von Bremerhaven bis Brake. Auch die Fahrrinne der Außenems, der trichterförmigen Flussmündung zur Nordsee, soll bis nach Emden um bis zu einem Meter vertieft werden.

Die Außenems sowie Außenweser und die Unterweser bis Brake "müsse an die Erfordernisse des Schiffsverkehrs angepasst werden", erklärt ein Sprecher des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums.

Bleibe den Containern die Durchfahrt verwehrt, seien die Häfen in Niedersachsen und Bremen gefährdet, argumentieren Wirtschaftsvertreter. Nach Angaben des Bremer Hafenressorts hat sich die Zahl der Schiffe mit einem Tiefgang von mehr als 13,5 Meter in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Ems leidet unter Verschlickung und Sauerstoffmangel

Der ökologische Zustand der Ems verschlechtert sich seit Jahren: Der Tidenhub – der Höhenunterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser – steigt immer weiter an. Eine stärkere Strömung bringt schnellere und höhere Sturmfluten, verbunden mit Hochwasser, Verschlickung, Erosion und weitere Versalzung, betont das Aktionsbündnis in einem offenen Brief von 2023.

Aufgrund der Salzeinträge aus der Weser in die Landschaftsschutzgebiete drohen landwirtschaftliche Flächen zu versalzen und Süßwasserfischarten sind vom Aussterben bedroht, so dass sich auch die Flussfischerei nicht mehr lohnt.

Die Umweltschützer fordern ein überzeugendes Konzept, um die Probleme zu bewältigen. Generell sollten Bund und Länder, die verantwortlich sind für Wasserstraßen, Brücken, Küstenschutz und Wasserqualität, unbedingt hohe Folgekosten vermeiden.

Versalzung der Elbe – Problem für Landwirtschaft und Trinkwasser

Ursprünglich war die Elbe nur drei Meter tief. Damit auch große Containerschiffe den Hamburger Hafen ansteuern können, wurde die Fahrrinne innerhalb der letzten Jahre immer weiter ausgebaggert – zuletzt auf rund 17 Meter Tiefe. Infolgedessen wird immer mehr salziges Brackwasser weiter in die Hansestadt gedrückt. Als Trinkwasser ist das Wasser nicht mehr zu gebrauchen.

Doch es trifft auch die Landwirtschaft: Jahrelang nutzten Obstbauern für Frostschutzberegnung Wasser aus dem Fluss. Inzwischen ist das salzige Wasser aus der Elbe nicht mehr dafür geeignet.

Schon bei einem Gramm Salz pro Liter entziehe das Salz der Pflanze Wasser, klagt Matthias Schmoldt im Interview mit dem NDR. Die Folge seien Verbrennung und Nekrosen auf den Blättern

Der Klimawandel verschärft diesen Effekt: Wenn der Fluss in Dürrezeiten weniger Wasser führt, kommt durch die Vertiefung immer salzigeres Wasser an.

Regnet es jedoch stark, schafft es die Salzzunge nicht ganz so tief ins Land hinein, argumentiert der Obstbauer, der sich inzwischen einen eigenen Süßwasserspeicher angelegt hat. Doch auch dieser könnte bald nicht mehr reichen, falls das Klima immer extremer wird.

Sowohl Klimawandel als auch menschliche Eingriffe wie Eindeichung, abgesperrte Nebenflüsse, Anpassungen der Fahrrinne etc. haben zu einer stärkeren Versalzung der Tideelbe beigetragen, konstatiert sogar das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt. Den größten Einfluss habe der Klimawandel.

An den Küsten nimmt der Druck auf das Trinkwasser zu

Überall dort, wo Meerwasser auf eine Insel oder eine Küste trifft, kommt es unterirdisch mit dem Grundwasser in Kontakt. Mischen sich beide Wasserarten, spricht man von Brackwasser.

Der weltweit steigende Meeresspiegel lässt den Druck auf das Küstengrundwasser stetig ansteigen. Auf den deutschen Küsten vorgelagerten Inseln könnte das zum Problem werden – etwa auf der nordfriesischen Insel Föhr.

In dem Urlaubsparadies am Wattenmeer regnet es im Schnitt deutlich mehr als verdunstet. Der Wasserüberschuss sickert in die Tiefe. Dieses Wasser wird in der "Süßwasserlinse" unter der Insel zwischen Sandkörnern gehalten, erklärt Hark Ketelsen, Geschäftsführer des Wasserbeschaffungsverbandes, im Interview mit dem MDR. Von hier aus erneuert sich fortwährend das Grundwasser.

Verschobenes Gleichgewicht: Wenn Salzwasser ins Süßwasser eindringt

Süßwasser weist eine geringere Dichte auf als Salzwasser. Deshalb drückt sich das schwerere Salzwasser mit steigendem Meeresspiegel immer stärker gegen das Grundwasser

. In der Nordsee ist der Meeresspiegel innerhalb der vergangenen 100 Jahre etwa 20 Zentimeter gestiegen. Das könne langfristig zum Problem werden, vor allem, wenn das Meerwasser Bereiche der Küste überflutet.

Steigt das Salzwasser mehrere Meter an, könnte die Süßwasserlinse in der Tiefe eingeschnürt werden, so der Experte. Allerdings kommt es hier auf das Gestein an: Je nachdem, aus welchem Gestein die Küstenlinie besteht, verläuft die Grenze zwischen Süß- und Salzwasser mehr oder weniger scharf.

Unter Meeresoberfläche wirkt ein immer höherer Druck auf die Küste – ein Prozess, der relativ lange brauche, weiß Georg Houben von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.

Im schlimmsten Fall schrumpft der Grundwasservorrat während Dürreperioden, so dass das Salzwasser weiter nachdrängen kann – bis es die Brunnen erreicht und das Grundwasserreservoir versalzt. Wenn das passiert, müssen die Brunnen meist aufgegeben werden, warnt der Wasserexperte.

Extreme Sturmfluten an Küsten werden häufiger

Verschärft werden die Probleme durch immer häufiger einsetzende und höhere Sturmfluten. Alle acht Jahre tritt eine sogenannte Jahrhundertsturmflut auf, wie ein internationales Forschungsteam im Fachblatt Nature Climate Change nachwies.

Schon ein moderater Meeresspiegelanstieg könne die Häufigkeit von Sturmfluten und extremen Wasserständen verändern kann, erklärt Ben Marzeion vom Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen, der an der Studie beteiligt war.

So werden zwanzig Zentimeter Meeresspiegelanstieg von vielen unterschätzt. Denn bei einer Sturmflut kommen diese zwanzig Zentimeter nicht einfach obendrauf, sondern sie verschieben die gesamte Ausgangslage.

Für den Küstenschutz gelten somit die historischen Erfahrungswerte nicht mehr. Darauf müsse man mit frühzeitiger Planung für die Anpassung reagieren.

Andernfalls kann es teuer werden: Das Ostseesturmflut vom Oktober 2023 verursachte Schäden in Höhe von 200 Millionen Euro.

In Megacities weltweit droht das Grundwasser zu versalzen

Noch sei nicht zu erwarten, dass der Anstieg des Meeresspiegels zu einer generellen Versalzung und Verschlechterung der Grundwasserqualität führt, wie Untersuchungen der Grundwasserströme zeigten. Falls jedoch in den Marschgebieten zwecks landwirtschaftlicher Nutzung noch weiter entwässert werde, könne dies das das Wasser in Küstennähe weiter versalzen.

In den 1950er Jahren achtete man beim Bau der Wasserwerke darauf, dass sie nicht zu nah an den Küsten stehen. So wurden sie mehr landeinwärts gebaut, teilweise auf den Hügeln und auf der Geest.

Anders verhält es sich auf den Inseln. Auf Borkum und Spiekeroog etwa haben Wissenschaftler Monitoring-Systeme installiert, die den Salzgehalt kontinuierlich überwachen,

Wenn sich das Klima weltweit erwärmt, dann wird aus Eis wieder Wasser, das ins Meer fließt und den Meeresspiegel langsam, aber stetig ansteigen lässt. Ein bekanntes Beispiel ist die indonesische Hauptstadt Jakarta, die wegen zunehmender Überschwemmung in die neue Stadt Nusantara auf der Insel Borneo verlegt werden musste.

Grundwasser besser schützen: Nicht mehr entnehmen als sich nachbildet

Ob in Amerika, Mittelmeerraum, Indien, Südafrika oder Australien – in vielen Küstenregionen weltweit sinkt der Grundwasserspiegel dauerhaft, in einigen Brunnen jährlich um bis zu 50 Zentimeter. Ein Grund ist, dass oft zu viel Grundwasser entnommen wird, entweder für den Trinkwasserverbrauch oder für Industrie und Landwirtschaft.

Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie, in der Daten von rund 480.000 Grundwasserbrunnen weltweit ausgewertet wurden. Trinkwasser wird übernutzt von privaten Haushalten, Unternehmen und von der Landwirtschaft.

Um Trinkwasserreserven zu schützen, dürfe nicht mehr Grundwasser entnommen werden, als sich neu bilden kann, erklärt Hydrologe Nils Moosdorf von der Uni Kiel.