West-Nil-Virus in Deutschland: Warum heimische Mücken jetzt Überträger werden
Das West-Nil-Virus überwintert inzwischen in Deutschland. Milde Temperaturen begünstigen die Vermehrung in heimischen Culex-Mücken.
Anders als die zugewanderte Tigermücke, die beim Menschen Krankheiten wie Zika, Chikungunya oder das Dengue-Fieber übertragen kann, sind die Culex-Mücken, welche die West-Nil-Virus (WNV)-Krankheit verbreiten, in Deutschland heimisch. Neu ist nur der Virus.
Das West-Nil-Virus ist ein Virus der Gattung Flavivirus, das mit den Viren verwandt ist, welche die japanische Enzephalitis und das Gelbfieber verursachen. Menschen und Equiden wie Pferde und Esel sowie andere Säugetiere können durch Mückenstiche infiziert werden, geben das Virus aber nicht weiter. Sie sind sogenannte Fehl- oder Sackgassenwirte, da sie das WNV nicht weiter übertragen.
Wenn sie infiziert sind, ist die Viruskonzentration in ihrem Blut zu gering, um andere Mücken zu infizieren. Damit gelten Übertragungswege von Mensch zu Mensch als ausgeschlossen.
Vor 90 Jahren in Uganda entdeckt – wie das Virus nach Deutschland kam
Das West-Nil-Virus stammt ursprünglich aus Afrika. Es wurde vor 89 Jahren im West-Nil-Distrikt in Uganda entdeckt, worauf auch sein Name zurückgeht. Von dort aus hat es sich seit 1937 durch Stechmücken und vor allem Zugvögel über weite Teile der Welt ausgebreitet. In Europa wurden vor allem aus süd- und südosteuropäischen Ländern Infektionen bei Mensch, Pferd und Vogel gemeldet.
In Deutschland wurde Ende August 2018 erstmals ein mit WNV infizierter Vogel gefunden, ein Bartkauz aus Volierenhaltung in Halle a. d. Saale. Bis Ende des Jahres waren es insgesamt 12 Fälle bei Vögeln sowie zwei Nachweise bei Pferden.
Für 2019 stellte das Nationale Referenzlabor für WNV-Infektionen bereits Anfang Juli den ersten amtlichen Fall fest, bis Jahresende folgten über 100 weitere Fälle, davon 36 Pferde und 76 Wild- und Zoovögel.
Der entscheidende Faktor: Warum milde Winter das Virus hier halten
Aufgrund der saisonalen Zugbewegungen sind Vögel, als Hauptwirte des Virus, ideale Transporteure für eine weitere Verbreitung. Im Gegensatz zu den meisten anderen tropischen Erregern, wird WNV auch durch in Mittel- und Nordeuropa heimische Mücken übertragen.
Das Einzige, was das Virus in seiner Ausbreitung bremsen könnte, wäre das Wetter. Damit sich das Virus innerhalb der Mücken für eine Weiterinfektion ausreichend vermehren kann, bedarf es dauerhafter Temperaturen von über 20°C. Da dies in Mittel- und Nordeuropa bislang durch die ausgeprägten Jahreszeiten selten der Fall war, konnte sich das Virus hier bisher nicht ausbreiten.
Das Europäische Zentrum für Krankheitsprävention und Kontrolle (European Centre for Disease Prevention and Control) registriert seit mehreren Jahren eine zunehmende Ausbreitung des Virus in Europa und den Nachbarstaaten.
Wo breitet sich das West-Nil-Virus in Deutschland bevorzugt aus?
Im Herbst 2019 wurde das Virus außerdem erstmals in Stechmücken des Culex pipiens Komplex, die als Überträger schon davor bekannt waren, in Deutschland nachgewiesen. Dass WNV erfolgreich in einheimischen Stechmücken in Deutschland überwintern kann, wurde inzwischen ebenfalls nachgewiesen. Seit dem Jahr 2020 traten die ersten Infektionsfälle bei Zoo- und Wildvögeln stets Anfang bis Mitte Juli auf.
Das West-Nil-Virus breitete sich in den Folgejahren langsam, aber kontinuierlich innerhalb des Landes aus. Besonders betroffen sind die Bundesländer Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen, die derzeit die Hauptendemiegebiete in Deutschland darstellen. Seit 2019 wurden einzelne humane Erkrankungsfälle und Nachweise bei Blutspendern verzeichnet.
Ganz offensichtlich sind die Winter hierzulande nicht mehr so kalt, dass die Virenweitergabe gestoppt würde. Seit 2005 sind mehrere Impfstoffe für Pferde zugelassen, die nun auch zunehmend in Deutschland verwendet werden. Pferdehalter sollten daher die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) zum Schutz ihrer Tiere beachten.
Forschungen zum West-Nil-Virus werden bislang mit eher kleinem Budget betrieben. Nachdem es im Jahr 2010 zu einem schweren Ausbruch von West-Nil-Fieber in Griechenland kam, mit 33 Toten und mehreren hundert schwer Erkrankten, wurde ein mit knapp drei Millionen Euro von der Europäischen Union gefördertes Verbundprojekt namens West Nile Integrated Shield Project (Wings) aufgelegt.
Das Projekt sollte auf Basis neuer und sicherer Technologien einen besonders wirksamen Impfstoff und verbesserte Nachweissysteme entwickeln, die schnell an variierende Erregerformen angepasst werden könnten.
Meist harmlos, in einem Prozent der Fälle gefährlich – was das Virus im Körper macht
Im Menschen verläuft eine Infektion meist asymptomatisch oder ähnelt einem grippalen Infekt. Es treten aber auch schwerere Verläufe auf, die von Rückenschmerzen, Schüttelfrost und Hautausschlag begleitet werden, jedoch wurden auch schwere neurologische Krankheitsverläufe beobachtet.
Bei etwa einem Prozent der Infizierten befällt das Virus das Nervensystem, was zu Hirnhautentzündung, Lähmung und weiteren neurologischen Symptomen und in seltenen Fällen zum Tode führen kann. Insbesondere immungeschwächte und ältere Menschen zählen hier zu den Risikogruppen.
Man muss realistischerweise von bis zu 100-fach mehr Infektionen ausgehen, die nicht diagnostiziert wurden, zum einen, weil Ärzte in Deutschland diese Infektion noch nicht auf dem Schirm haben, zum anderen, weil keine Symptome aufgetreten sind.
Außerdem lassen sich die Viren nur schwer mit Sicherheit nachweisen, da die vorhandenen Diagnostik-Methoden oft mit verwandten Viren kreuzreagieren. Es gibt bis heute zudem keinen zugelassenen Impfstoff, um Menschen vor einer Infektion mit dem West-Nil-Virus zu schützen.