Teure Low-Sugar-Produkte: Warum Zuckerersatz nicht automatisch gesünder ist

Getränkedose mit Logo "Sweet" vor "Sweet"-Logo als  Pfeil ins Herz einer Frau

Weniger Zucker klingt gesund: Doch Süßstoffe und Zuckeralkohole sind nicht automatisch unbedenklich – und Low-Sugar-Produkte oft teuer.

Kürzlich brachte McDonald’s einen neuen "Energie-Booster" auf den Markt: der Energydrink Tropical Energy Refresher. Darin sind Passionsfrucht, Ananas und Heidelbeeren mit Koffein und viel Zucker vermixt.

Der harte Zucker-Koffein-Drink sei für die Gesundheit von Jugendlichen riskant, warnen Ärzte. Unter Schlafstörungen, Nervosität und Angstzuständen, Herzrasen und Herzrhythmusstörungen sowie Konzentrations- und Lernproblemen könnte leiden, wer das Getränk übermäßig konsumiert.

Dennoch können Minderjährige das Produkt mühelos kaufen, wie ein Einkaufstest zeigt, der von Foodwatch in zwei Wiener Filialen von McDonald’s durchgeführt wurde. Auch andere Energizer-Drinks wie Red Bull werden Kindern in Berliner McDonalds-Filialen problemlos ausgehändigt.

Bei insgesamt zwölf Kaufversuchen am Bestellterminal erhielten die Kinder den gewünschten Drink ohne jede Rückfrage. Nur einmal, direkt am Tresen, verweigerte eine Mitarbeiterin den Verkauf mit Verweis auf die Altersgrenze von 16 Jahren.

Kindern werde der Verzehr der beiden neuen McCafé Drinks mit Red Bull nicht empfohlen, wie der Konzern auf Anfrage von Foodwatch mitteilte. Man habe "die Restaurantcrews dafür sensibilisiert, Kinder… auf die Verzehrempfehlung hinzuweisen". Allerdings lassen sich Kinder von reinen Empfehlungen selten beeindrucken. Erst recht nicht, wenn es am Verkaufsort schlicht keine gibt.

Zuckersteuer: ein Schritt vor, zwei zurück

Nach einer medialen Debatte darüber, ob in der von der Bundesregierung geplanten Zuckersteuer auch Fruchtsäfte aus Konzentraten, Fruchtnektare, Milchmischgetränke, pflanzliche Milchalternativen, Eistees, Biermischgetränke, Fertigkaffees und Getränke mit Süßungsmitteln besteuert werden sollten, hatte Finanzminister Lars Klingbeil zuletzt versichert, die Zuckersteuer werde keine Getränke betreffen, denen kein Zucker zugesetzt ist.

Die Steuer soll den Zuckergehalt in Getränken senken, aber auch Einnahmen generieren. So soll der Aufschlag zwischen 26 bis 38 Cent pro Liter betragen, gestaffelt nach der Menge des enthaltenen Zuckers.

Die Bundesregierung rechnet mit einer Einnahme von rund 650 Millionen Euro. Gesundheitspolitiker Serdar Yüksel von der SPD hatte vor einigen Wochen eine Zuckerabgabe vorgeschlagen, die von den Herstellern gezahlt werden sollte. Damit sei jedoch nicht auszuschließen, dass ein Teil an die Verbraucher weitergegeben werde.

Teure Produkte mit Zuckerersatzstoffen

Durch Zucker reduzierte Ernährungsmittel erhofft man sich gesundheitliche Vorteile. Vielen Lebensmitteln werden auch gerne künstliche Süßstoffe oder Zuckeralkohole beigefügt. Low-Sugar-Produkte sind die neue Marktnische der Lebensmittelindustrie.

So werben bunte Verpackungen mit Produkten, die wenig oder kein Zucker enthalten. Mit "Nur 2 Gramm Netto-Kohlenhydrate" und "weniger Zucker und leichten Genuss" bewirbt etwa die Firma ahead seine kalorienärmeren Produkte. So enthält ein Whey Mango Matcha Latte Sucralose und Steviolglycoside.

Eine 500-Gramm-Packung Matcha Whey kostet rund 34 Euro. Das lohnt sich vor allem für den Hersteller.

Bei den Low Sugar Gummies Sour Worms sind Polydextrose, Isomalto-Oligosaccharide, Erythrit sowie Speisegelatine (Rind) angegeben. Das klingt nicht wirklich gesund. Dafür zahlt man 32 Euro für 18 mal 50 Gramm-Tüten.

Austauschstoffe erhöhen Risiko für Herzinfarkt

Zuckerersatzstoffe wie Aspartam, Sucralose oder Advantam sind hundertfach süßer als Zucker. Weil sie kaum Kalorien enthalten, helfen sie, Gewicht zu verlieren. Eine andere chemische Stoffgruppe sind Zuckeraustauschstoffe wie Xylit, Erythrit oder Maltit. Diese kalorienarmen Zuckeralkohole ähneln Zucker in ihrer Süßkraft.

In zuckerreduzierten Lebensmitteln sind oft chemisch hergestellte Süßungsmittel, weiß Ernährungsforscher Stefan Kabisch von der Charité Berlin. Bei deren Verzehr kann sich das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall um 60 Prozent erhöhen.

Süßstoffe liefern keine Nährstoffe

Künstliche Süßstoffe wie Sucralose können die Appetitregulierung im Gehirn derart beeinflussen, dass es sich nachteilig auf das Gewicht auswirkt, erläutert Stephanie Kullmann von der Tübinger Universitätsklinik für Diabetologie, Endokrinologie, Nephrologie.

Im Rahmen einer Studie nahmen 75 Personen je ein Getränk mit Zucker und eines mit dem Süßstoff Sucralose zu sich. Nach dem Konsum des sucralosehaltigen Getränkes stieg Hungergefühl – besonders bei übergewichtigen Personen.

Das könnte erklären, warum Getränke mit Süßstoffen zu einer nur geringen Gewichtsabnahme führen. Die künstlichen Süßstoffe könnten das Gehirn verwirren, indem sie ihm Signale der Süße senden, ohne die benötigten Kalorien zu liefern, glauben die Wissenschaftler.

Neurowissenschaftlerin Stephanie Kullmann will in einer weiteren Studie herausfinden, ob der Konsum von Süßstoffen einen Einfluss darauf hat, wie sensibel das menschliche Gehirn auf das Hormon Insulin reagiert. Sie sieht das Hauptrisiko darin, dass man sich an sehr süße Nahrungsmittel gewöhnt und somit das Verlangen nach Süßspeisen auf längere Sicht erhöht wird.

Sind Zuckeralkohole ein Risikofaktor für Herzerkrankungen

Diese Frage untersuchte ein Forscherteam um Marco Witkowski vom Deutschen Herzzentrum der Charité in Berlin im Rahmen einer Studie mit großen Patientengruppen. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Patienten mit erhöhten Konzentrationen von Xylit oder Erythrit im Blut ein gesteigertes Risiko haben, über mehrere Jahre einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden.

Nach der Nahrungsaufnahme gelangen Erythrit und Xylit in den Darm. Im Dünndarm werden sie resorbiert und zirkulieren dann im Blut. Im Endeffekt werden sie am Ende über die Niere ausgeschieden. Während Xylit relativ schnell ausgeschieden werde, wurde Erythrit noch bis zu zehn Tage hoch konzentriert im Blut nachgewiesen. Während dieser Zeit erreicht es alle Organe.

Der Studie zufolge kann eine große Menge an Zuckeralkoholen die Bildung von Blutgerinnseln begünstigen. Mit anderen Worten: Je höher die Konzentration dieser Stoffe im Blut ist, desto schneller verklumpen die Blutplättchen.

Marco Witkowski und der Ernährungsforscher Stefan Kabisch untersuchen derzeit, wie sich Zuckeralkohole und Süßstoffe auf das Herz-Kreislauf-System von Prädiabetes-Patienten auswirken.

Zuckerersatzstoffe sparsam konsumieren!

Zuckeralkohole sind Bestandteil von industriell hergestellten Lebensmitteln, etwa von Kaugummi. Sie werden zum Kochen und Backen eingesetzt, sind in Obst und Gemüse enthalten und werden in kleinen Mengen vom Körper selbst gebildet.

Die Wissenschaftler empfehlen, Zuckerersatzstoffe wie Zuckeralkohole nur in Maßen zu konsumieren und sich öfter bewusst eine Pause vom Süßen gönnen. Das gilt vor allem für Menschen mit Herzerkrankungen.

Meinungen über Zuckersteuer sind gespalten

Viele Menschen sind offen für eine Sonderabgabe auf zuckerhaltige Getränke, wie verschiedene Umfragen zeigen. Laut einer Erhebung des Marktforschungsinstituts Forsa sprachen sich von rund tausend Befragten 55 Prozent dafür aus, 44 Prozent lehnten sie ab, ein Prozent machte keine Angabe.

Laut Meinungsforschungsinstitut YouGov, welches 4.280 Personen befragte, sprachen sich 43 Prozent für eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke aus, 44 Prozent waren dagegen. Besonders groß mit 87 Prozent ist die Zustimmung unter Anhängern der Grünen Von den Anhängern von CDU/CSU und SPD befürworteten 76 bzw. 77 Prozent die Steuer.