Unterhaltsvorschuss: Das Märchen vom Luxusleben der Alleinerziehenden
(Bild: SeventyFour / Shutterstock.com)
40 Prozent der Alleinerziehenden gelten als armutsgefährdet. Die Regierung kürzt trotzdem – und bedient damit ein Zerrbild aus dem Netz. Ein Leitartikel.
Konservative mögen ein Herz haben – aber es schlägt mit Sicherheit nicht für Kinder und die Ärmsten in unserer Gesellschaft. Das wird einmal mehr in der Debatte um den Unterhaltsvorschuss deutlich: Klischees werden öffentlich ausgepackt, die man sonst nur vom Stammtisch und von der Familienfeier kennt.
Wer schon einmal in Onlineforen unterwegs war, weiß, das ist kein Ort für Zartbesaitete. Das Telepolis-Forum ist dabei keine Ausnahme. Manchmal reizt es, auf Kommentare von Konservativen zu reagieren, weil sie einfach nur Klischees bedienen, die weit von der Realität entfernt sind.
So behauptete ein Kommentator, Alleinerziehende würden sich mit dem Unterhaltsvorschuss "einen faulen Lenz" machen, das Geld fließe in Tattoos, Yogakurse und Café-Frühstück. Am Ende bedankt er sich bei Friedrich Merz, das jetzt damit Schluss sein soll.
Wer sich allerdings die Zahlen anschaut, die das Statistische Bundesamt und die Bertelsmann-Stiftung liefern, erkennt schnell: Dieses Narrativ hat mit der Wirklichkeit so viel zu tun wie ein Girokonto mit Vermögensaufbau.
Dass Kinder von nur einem Elternteil großgezogen werden, ist heute keine Ausnahme mehr. Im Jahr 2025 gab es laut Statistischem Bundesamt etwa 8,4 Millionen Familien mit Kindern. Fast jede fünfte Familie (in Zahlen 1,6 Millionen) bestand aus nur einem Elternteil mit einem oder mehreren Kindern.
Nach wie vor sind es meistens Frauen, die Kinder allein großziehen. Ihr Anteil macht etwa 80 Prozent aus. Aber – und das wird in der Debatte auch oft vergessen – der Anteil der alleinerziehenden Väter wuchs in den vergangenen Jahren kontinuierlich an. Im Jahr 2022 waren es schon knapp 240.000. Während nun Frauen immer wieder der Vorwurf gemacht wird, sie hätten sich "ein Balg nach dem anderen aufbrennen lassen", lässt sich dieses Klischee bei Vätern nur schlecht in Anschlag bringen.
Unterschlagen wird in der Debatte auch, dass mit dem Krieg in der Ukraine viele Mütter mit Kindern nach Deutschland kamen und ebenfalls unter Umständen ein Recht auf Unterhaltsvorschuss haben. Dafür ist nach Auskunft der Bundesregierung ein Aufenthaltstitel notwendig, der eine Arbeitserlaubnis von mindestens 6 Monaten vorsieht.
Rund 40 Prozent dieser Haushalte, die Unterhaltsvorschuss erhalten, gelten als armutsgefährdet – sie verfügen über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens.
Das heißt aber nicht, dass sie auf der faulen Haut liegen und sich einen Lenz machen. Knapp 71,4 Prozent der alleinerziehenden Mütter sind nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung erwerbstätig, ihre Vollzeitquote liegt mit 41,4 Prozent sogar deutlich über jener von Müttern in Paarfamilien (31,1 Prozent).
Wer hier "faul" ruft, hat die Statistik nicht gelesen oder will sie nicht lesen.
Das bürokratische Nullsummenspiel
Auch das Bild von all jenen, die Bürgergeld beziehen und Unterhaltsvorschuss erhalten, muss gerade gerückt werden. Leistungen nach dem Unterhaltsvorschussgesetz (UVG) klingen nämlich nach Hilfe, sind aber für Bürgergeld-Empfänger ein reiner Verschiebebahnhof.
Nach §§ 9 und 11 SGB II wird der Vorschuss als Einkommen des Kindes voll angerechnet. Erhält ein Kind 299 Euro vom Jugendamt, zahlt das Jobcenter der Bedarfsgemeinschaft exakt 299 Euro weniger.
Am Monatsende: null Euro mehr auf dem Konto. Der Staat wechselt Geld von der linken in die rechte Tasche, die Familie schaut zu.
Trennung als Schuldenfalle
Trotzdem müssen Betroffene den Vorschuss beantragen – Nachrangigkeit nennt sich das Prinzip. Wer es nicht tut, riskiert Leistungskürzungen.
Parallel zeigt die Destatis-Überschuldungsstatistik 2025, wohin das führt: Bei 23 Prozent der alleinerziehenden Frauen ist Trennung oder Scheidung der direkte Auslöser für Überschuldung.
Die durchschnittliche Schuldenlast betroffener Mütter beträgt 34.386 Euro. Kein Yogakurs der Welt kostet so viel.
Sparen auf dem Rücken von Jugendlichen
Statt die Rückgriffsquote von zuletzt rund 18 bis 20 Prozent bei säumigen Unterhaltszahlern zu verbessern, setzt Familienministerin Karin Prien (CDU) den Rotstift also bei den Kindern an, die ohnehin schon benachteiligt sind.
Wie Telepolis bereits berichtet hat, soll der Unterhaltsvorschuss künftig nur noch bis zum 16. statt 18. Geburtstag fließen. Bis zu 110.000 Jugendlichen droht der Verlust von bis zu 394 Euro monatlich.
Im Haushaltsentwurf 2027 sinkt der Ansatz von 1,4 auf 0,9 Milliarden Euro – minus ein Drittel. Und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verteidigt das mit vervierfachten Kosten und einem kommunalen Defizit von 30 Milliarden Euro.
Das konservative Herz schlägt offenbar sehr selektiv für Familien: laut genug, um Klischees über Alleinerziehende zu bedienen, aber zu leise, um säumige Väter zur Kasse zu bitten.
Während Konservative immer wieder laut beklagen, dass die Deutschen zu wenige Kinder bekommen, machen sie die Bedingungen für ein Aufwachsen ohne Armut immer schwieriger. Warum sollte man in Deutschland noch Kinder großziehen – diese Frage können Konservative nicht beantworten. Aber für Stammtisch-Narrative reicht es offenbar immer.