Zur Heuristik der Furcht: Das ökologische Vernichtungsszenario
Kann die Furcht vor der ökologischen Katastrophe zum Umsteuern bewegen? Ein Gastbeitrag über Hans Jonas, Klimakollaps und planetare Verantwortung.
Die Zuspitzung der gegenwärtigen krisenhaften Zustände in den Bereichen der Klimaentwicklung, der Ökonomie, der internationalen Sicherheit und der Demokratieentwicklung hin zu dystopisch ausfallenden Zukunftsszenarien muss in dieser Form nicht eintreten.
Allerdings besteht eine reale Möglichkeit, dass sie eintreten können, wenn die Menschheit zu keinem Paradigmenwechsel kommt, wenn sie die falschen Entscheidungen trifft und ihr planetares Destruktionsverhalten fortsetzt.
Ein Lernen aus der "vorausgedachten Gefahr"
Die Konstruktion von Negativszenarien im Sinne einer vorweggenommenen Möglichkeit dystopischer Entwicklung kann durchaus eine konstruktive Funktion haben. Der Philosoph Hans Jonas entwickelte in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" eine sogenannte "Heuristik der Furcht" und meinte hiermit, dass mögliche Fehlentwicklungen in aller Schärfe und Bedrohlichkeit erkannt und in ihrer vermuteten Größenordnung drastisch beschrieben werden sollten.
Hierdurch sei es einer Gesellschaft möglich, den potenziellen Risiken direkt ins Auge zu sehen, um sich zu entschließen, die eigene Verantwortung für den Planeten und das Schicksal zukünftiger Generationen zu erkennen – so Jonas (1979/2015, 7):
"Was kann als Kompaß dienen? Die vorausgedachte Gefahr selber! In ihrem Wetterleuchten aus der Zukunft, im Vorschein ihres planetarischen Umfanges und ihres humanen Tiefgangs, werden allererst die ethischen Prinzipien entdeckbar, aus denen sich die neuen Pflichten neuer Macht herleiten lassen."
Natürlich muss diese Negativvision anschlussfähig an die bereits analysierten Entwicklungen sein, darf also nicht aus der Luft gegriffen sein, auch wenn noch nicht alle Informationen für eine Einschätzung vorhanden sind.
Heuristik ist ein kreativer Denkprozess, der von Schätzungen, Vermutungen und Berechnungen ausgeht. Welche gesellschaftlichen Zustände zukünftig wirklich eintreffen werden, hängt letztendlich davon ab, in welche Richtung sich die Dynamiken von global-hegemonialen Herrschaftsverhältnissen, Autoritarismus-Entwicklung, militärischen Auseinandersetzungen, ökologischen Verwerfungen und ökonomischen Ausbeutungsverhältnissen entwickeln werden.
Das Sich-Hineindenken in eine wahrscheinlich zu erwartende Situation und das Erfühlen einer vermutlichen zukünftigen Katastrophe kann Erkenntnisse für das präventive Handeln liefern. Möglicherweise kann die Furcht vor einem katastrophalen planetaren Szenario zum globalen Umsteuern ermutigen. Aus Furcht kann dann Mut zum Handeln werden.
Durch die Annahme einer wahrscheinlich dystopischen Entwicklung kann die Motivation zur Veränderung entstehen.
Doch die genaue Richtung einer globalen Umsteuerung und konstruktive Impulse für eine Identitätsbildung können allerdings eher durch eine positive Vision vermittelt werden, die aus dem Zusammenspiel gesellschaftstheoretischer Analyse, evidenzbasierter Untersuchung, ethischer Reifung und den Erfahrungen alternativ gelebter politischer Praxis und hierbei veränderten Arbeitens und Zusammenlebens generiert wird.
Der transformative Umschwung zu einer Neuordnung, wie sie hier gemeint ist, wird durch das Zusammenspiel einer Heuristik der Furcht, einer positiven Vision, dem Mut zur Erneuerung sowie den Fähigkeiten, die hierfür notwendig sind, gelingen können.
Das ökologische Verwüstungsszenario
Aus dem Spektrum multipler Krisen, die durchaus auch in einer Verbindung zueinanderstehen, soll im vorliegenden Beitrag das gestörte Verhältnis von Mensch und Natur ausgewählt werden.
Das im Sinne von Jonas heuristisch zu entwickelnde ökologische Negativszenario ist allerdings bereits dabei, planetare Wirklichkeit zu werden.
Wenn es nicht gelingt, die Erwärmung der Erdatmosphäre zum Ende des 21. Jahrhunderts unter zwei Grad Celsius zu halten oder sogar um drei Grad Celsius und mehr zu verhindern, sind gravierende Folgen für das Leben auf dem Planeten Erde zu erwarten.
Bereits vor knapp 20 Jahren warnte das deutsche Umweltbundesamt (2008, 22) mit dem differenzierten Verweis auf ökologische Kipppunkte und Rückkoppelungseffekte auf die drohende Klimakrise:
"Kipppunkte bergen die Gefahr drastischer, teilweise abrupter Klimaänderungen. Als Folge könnten Maßnahmen zur Anpassung nicht rechtzeitig ergriffen werden, oder mit sehr hohem Aufwand und extrem hohen Kosten verbunden sein. Deshalb müssen zwingend die anthropogenen Emissionen von Treibhausgasen gemindert werden.
Der Mensch macht mit dem anhaltenden Ausstoß von Treibhausgasen ein globales Experiment mit der Lufthülle seines Planeten, von dem er nicht genau weiß, wie es ausgehen wird. Bereits in diesem Jahrhundert können Kipppunkte im Klimasystem eintreten. Das ist Anlass zu schnellem und gezieltem Handeln."
Wie wenig ist seitdem geschehen. Die Gefahr eines abrupten Auslösens von Kipp-Punkten mit den komplexen und dramatischen Auswirkungen ist nun deutlich nähergekommen. Und der 6. Assessment Report des Weltklimarats (IPPC 2021a) stellt zusammenfassend die Langfristigkeit der bereits eingetretenen Umweltschäden fest:
"Viele Veränderungen, die auf vergangene und zukünftige Treibhausgasemissionen zurückzuführen sind, sind über Jahrhunderte bis Jahrtausende hinweg unumkehrbar, insbesondere Veränderungen im Ozean, bei den Eisschilden und beim globalen Meeresspiegel."
Unterschiedliche Klimaszenarien
Hierbei gehen die Einschätzungen über das Ausmaß z.B. des Temperaturanstiegs in den nächsten Jahrzehnten sowie bis zum Ende des Jahrhunderts oder die Analysen hinsichtlich des zu erwartenden Anstiegs des Meeresspiegels zwischen den Einschätzungen des Weltklimarats (IPCC) und anderen Klimaforschern auseinander – so stellen der Klimawissenschaftler David Spratt und der Spezialist für Emissionshandel Ian Dunlop (Spratt/Dunlop 2019, 5) in der Einordnung unterschiedlicher Forschungsergebnisse fest:
"In einem Beispiel prognostizierte der Fünfte Sachstandsbericht des IPCC aus dem Jahr 2014 einen Anstieg des Meeresspiegels um 0,55 bis 0,82 Meter bis zum Jahr 2100, stellte jedoch fest, dass "Werte oberhalb des wahrscheinlichen Bereichs nicht zuverlässig abgeschätzt werden können."
Zum Vergleich: Das höhere von zwei Szenarien des US-Verteidigungsministeriums geht von einem Anstieg um zwei Meter bis 2100 aus, und das von einer Reihe von US-Regierungsbehörden entwickelte extreme Szenario sieht einen Anstieg um 2,5 Meter bis 2100 vor.
Ein weiteres Beispiel ist der jüngste 1,5-Grad-Bericht des IPCC, der prognostizierte, dass sich die Erwärmung mit der derzeitigen Rate von ~0,2 Grad pro Jahrzehnt fortsetzen und die 1,5-Grad-Marke um das Jahr 2040 erreichen würde.
Allerdings wird die 1,5-Grad-Grenze wahrscheinlich bereits in der Hälfte dieser Zeit, also um 2030, überschritten, und die 2-Grad-Grenze um 2045 – bedingt durch beschleunigte anthropogene Emissionen, eine verringerte Aerosolbelastung und sich verändernde Bedingungen der Ozeanzirkulation."
Wenn es gelänge bis 2040 die Klimaerwärmung unter 1,5 Grad Celsius zu halten, dann wäre dies auch bis zum Ende des 21. Jahrhunderts möglich, also wenn die richtigen für das Klima relevanten Entscheidungen getroffen würden. Wenn jedoch die falschen klimapolitischen Entscheidungen getroffen würden, ist laut IPPC mit einer eskalierenden globalen Erwärmung mit apokalyptischen Folgen zu rechnen (siehe Tabelle 1):
| Tabelle 1: Der beste Verlauf und die sehr wahrscheinliche Bandbreite im negativsten Klimaszenario | ||||||
| Szenario | Kurzfristig 2021-2040 | Mittelfristig 2041-2060 |
Langfristig 2081-2100 |
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| Beste Schätzung | Sehr wahrscheinlicher Bereich | Beste Schätzung | Sehr wahrscheinlicher Bereich | Beste Schätzung | Sehr wahrscheinlicher Bereich | |
| 1,6° | 1,3° – 1,9° | 2,4° | 1,9° – 3,0° | 4,4° | 3,3° – 5,7° | |
| Zusammengestellt nach IPPC (2021 b, 14), in Grad Celsius | ||||||
Determinanten eines klimatischen Negativszenarios
Diese Differenzen können hier natürlich nicht entschieden werden. Allerdings soll im Rahmen eines Negativszenarios die pessimistischere Einschätzung verwendet werden. Hieraus können sich dann folgende Entwicklungen aus einer holistischen Perspektive, die das Denken in Verbindungen und Zusammenhängen betont, ableiten lassen:
Eine Folge des menschengemachten Klimawandels ist das bereits aktuell beobachtbare Abschmelzen der Pole und der Gletscher, die Erwärmung der Meere und die beginnende Überflutung der Küstengebiete, der Flussufer sowie der tiefer gelegenen Regionen. Dies trifft insbesondere die ärmeren Weltregionen, denen die Mittel für ökologische Anpassungsmaßnahmen fehlen, wie zum Bauen von Dämmen oder zur Veränderung der Baunormen.
So fasst die World Meteorological Organization (2024) bereits für 2023/2024 diese Entwicklung alarmierend zusammen:
"Wetterkatastrophen führten auch im Jahr 2023 weiterhin zu Vertreibungen und zeigten, wie Klimaschocks die Widerstandsfähigkeit untergraben und neue Schutzrisiken für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen schaffen."
Es wird hierbei, wenn diese Entwicklung sich fortsetzt, mit einer weitgehenden Unbewohnbarkeit der tiefer liegenden Regionen der Erde zu rechnen sein. Unbestritten wird sich durch das Abschmelzen der Pole und das sich erwärmende Meereswasser der Meereswasserspiegel erhöhen.
Die durchschnittliche mögliche Erhöhung um 2,5 Meter bis 2100 bildet aber nicht den Extrempunkt des Wasserstandes ab. Insbesondere bei Sturmfluten kann die Erhöhung des Meereswasserspiegels um ein Mehrfaches dieses Wertes betragen und zu einer Überflutung bis tief in die Kontinentalbereiche hineinführen. Dies wird auch den Globalen Norden betreffen.
Inseln und Küstenregionen sowie tieferliegende Binnenflächen werden überflutet werden, die dortigen Lebensbedingungen vernichtet und wiederum Migration auslösen. Nicht nur Inselgruppen werden verschwinden, sondern auch Länder, wie z.B. Bangladesch und Indien, werden in weiten Teilen überschwemmt werden und Massenfluchten auslösen.
Hierbei wirkt sich der Anstieg des Meereswasserspiegels in Verbindung mit dem in dieser Region bereits derzeit zunehmend verheerenden Monsunregen besonders gefährdend aus.
Auch die Verschiebung der klimatischen Verhältnisse hin zu Dürren, Flächenbränden, gewaltigen Stürmen und massiven Regenfällen führt zu einer Veränderung des Lebens auf der Erde. Weite Regionen werden unbewohnbar.
Es wird mit zukünftigen Durchschnittstemperaturen von 50-60 Grad am Persischen Golf gerechnet, so dass hier für den Durchschnitt der Bevölkerung kein menschliches Leben mehr möglich bzw. nur noch in künstlich gekühlten Räumen möglich sein wird.
Selbst in den Ländern des Globalen Nordens beginnt das Massensterben aufgrund überhitzter Lebensräume. Es betrifft zunächst erst ältere und bereits erkrankte Menschen und greift dann auch auf Menschen über, die ansonsten als gesund zu bezeichnen sind. Kreislaufschocks, Überhitzung und Wassermangel erreichen dann auch jüngere Menschen.
Die Pariser Verträge sind nicht wirkungsvoll genug
Spratt/Dunlop (2019, 6) sagen voraus, dass, selbst wenn die Pariser Klima-Verträge eingehalten werden würden, noch keine stabile Klimaentwicklung zu erwarten sei. Insbesondere klimatische Rückkopplungseffekte würden die Erde für die menschliche Zivilisation bis zum Ende des Jahrhunderts weitgehend unbewohnbar machen:
"Angesichts der Verpflichtungen der Staaten im Rahmen des Pariser Abkommens von 2015 liegt der derzeitige Erwärmungspfad bei drei °C oder mehr bis 2100. Diese Zahl berücksichtigt jedoch keine "langfristigen" Rückkopplungen im Kohlenstoffkreislauf, die aufgrund des beispiellosen Tempos, mit dem menschliche Aktivitäten das Klimasystem stören, bereits heute und in naher Zukunft von wesentlicher Bedeutung sind.
Berücksichtigt man diese, würde der Pariser Kurs bis 2100 zu einer Erwärmung von rund 5 Grad führen. Wissenschaftler warnen, dass eine Erwärmung um vier Grad mit einer organisierten Weltgemeinschaft unvereinbar ist, für die Mehrheit der Ökosysteme verheerende Folgen hat und mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht stabil sein wird."
Hierbei muss noch eingerechnet werden, dass nicht alle Staaten die Pariser Verträge von 2015 akzeptierten bzw. inzwischen, wie die USA, ausgetreten sind.
Ein Negativszenario einer derart sich zunehmend erhitzenden Biosphäre muss mit zunehmenden Waldbränden rechnen. Große Flächen der Erde werden zu brennen beginnen. Durch massive Sturmböen angetriebene Feuerwalzen werden alles verschlingen, was sich ihnen in den Weg stellt: Bäume und Büsche, Häuser, Tiere und Menschen.
Derartige Feuerstürme sind für den Menschen nicht mehr zu kontrollieren und zu bekämpfen und sind auf massive Regenfälle angewiesen, von denen man nicht weiß, ob sie gerade in den brennenden Regionen aufgrund der Klimaverschiebung fallen werden.
Die Verödung ganzer Landstriche ist die Folge mit humanitären, ökologischen und finanziellen Problemen in einem globalen Maßstab. Die Feuer der Jahre 2025 und 2026 zeigen bereits in ersten Ansätzen, was hier auf die Menschheit zukommen wird.
Das Auftauen des arktischen und sibirischen Permafrostbodens wird durch das damit verbundene Freisetzen von Kohlendioxid und Methan zu einem massiven Anstieg der Klimaerwärmung führen und alle damit in Wechselwirkung stehenden Prozesse abrupt verstärken.
Wenn es einer zu stärkenden UN nicht gelingt, skrupellose Regierungen von der generationenegoistischen Vernichtung des Regenwaldes für Zwecke der Viehzucht, des Sojaanbaus, der Suche nach Bodenschätzen oder der Bodenspekulation abzubringen, dann wird auch hierdurch nicht nur die Lunge der Erde vernichtet, sondern auch eine einschneidende Klimaverschiebung bewirkt.
Global tobende Kriege und Emissionen durch Explosionen und Brände verschärfen die klimatische Entwicklung und verhindern gleichzeitig, dass wirkungsvolle Maßnahmen gegen die Dystopie des Klimas von den betroffenen Regionen getroffen werden können. Das im Einsatz befindliche Militär wird zum größten institutionellen globalen Klimazerstörer.
Katastrophaler Einfluss auf die gesellschaftliche und politische Entwicklung im globalen Maßstab
"People are suffering. People are dying. Entire ecosystems are collapsing. We are in the beginning of a mass extinction. And all you can talk about is money and fairy tales of eternal economic growth. How dare you?!"
("Die Menschen leiden. Die Menschen sterben. Ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir stehen am Anfang eines Massensterbens. Und ihr redet nur über Geld und Märchen vom ewigen Wirtschaftswachstum. Wie könnt ihr es wagen?!")
Greta Thunberg (2019) vor der UN-General-Versammlung
Massive Migration im Sinne von Massenfluchten bzw. Völkerwanderungen werden durch die Klimaverschiebung ausgelöst werden. Die bisherige Migration ist in diesem Sinne allenfalls als die Spitze des Eisbergs anzusehen, wenn im Falle weiterer ungehinderter Klimaerwärmung sich Milliarden Menschen flüchtend auf den Weg machen.
Es ist unschwer vorstellbar, welche konflikthaften und auch militärischen Auseinandersetzungen sich aus diesen Verwerfungen im Kampf um die ökologisch noch intakten Regionen ergeben werden – so das internationale Friedensinstitut SIPRI:
"Der Klimawandel stellt Gesellschaften weltweit vor eine neue Art von Sicherheitsherausforderungen. Ein erhöhtes Hungerrisiko, zerstörte Infrastruktur, Häuser und Unterkünfte sowie gewalttätige Konflikte könnten allesamt Folgen des Klimawandels sein, die durch allmähliche Veränderungen der Ökosysteme und extreme Wetterereignisse hervorgerufen werden."
Die Klimaerwärmung wird zu massiven Ernteausfällen und damit verbundenen Hungersnöten führen. Das globale landwirtschaftliche Ernährungssystem wird kollabieren. Der Kampf um Lebensmittel und das Überleben wird zu massiven Preissteigerungen, Plünderungen und militärischen Auseinandersetzungen führen. Der Ruf nach der harten Hand, nach autoritären Führern und polizeistaatlichen Methoden wird auch in Demokratien lauter.
Rechtsextreme Regierungen werden im Interesse ihrer Klientel versuchen, den Klimawandel zu leugnen und weiterhin auf die Ausbeutung fossiler Energien zu setzen.
Der Kampf um Trinkwasser wird sich einerseits aufgrund der zunehmenden Dürreperioden und andererseits aufgrund der sich durchsetzenden profitorientierten Privatisierung von Wasserquellen verschärfen.
Privatisierte Wasserquellen werden von militärisch organisierten Sicherheitsdiensten gegen Überfälle von Gruppen durstiger Menschen bewacht werden. In den Dürregebieten wird es zum Verdursten insbesondere von Menschen kommen, die nicht mehr die finanziellen Mittel haben, das knappe und damit verteuerte Gut Wasser zu kaufen.
In anderen Teilen der Welt führt die Klimaverschiebung zum Aufeinanderprallen von Luftmassen mit extrem unterschiedlichen Temperaturen und zu entsprechend verheerenden Stürmen in Form von Tornados und Hurrikans. Häuser, Autos, Tiere und Menschen werden durch die Luft gewirbelt und zerschmettert.
Hochhäuser stürzen ein, die Infrastruktur von Elektrizität, Wasser- und Gasleitungen, Internet wird irreparabel zerstört. Aus zerstörten Atomkraftwerken wird Radioaktivität freigesetzt, die in der Atmosphäre um die Erde zieht, abregnet und zu erhöhten Krebsraten und Missbildungen bei Menschen und Tieren führen wird.
Spratt/Dunlop (2019, 9) beschreiben die gesellschaftlichen Konsequenzen einer Klimaverschiebung auf dem Drei-Grad-Niveau. Staaten und Gesellschaften werden überfordert werden und unter extremen kollektiven Stress geraten:
"Massive nichtlineare Ereignisse in der globalen Umwelt führen zu massiven nichtlinearen gesellschaftlichen Ereignissen. In diesem Szenario werden Nationen auf der ganzen Welt vom Ausmaß des Wandels und von verheerenden Herausforderungen wie Pandemien überfordert sein.
Der innere Zusammenhalt der Nationen wird stark belastet sein, auch in den Vereinigten Staaten, sowohl infolge eines dramatischen Anstiegs der Migration als auch aufgrund von Veränderungen in den landwirtschaftlichen Strukturen und der Wasserverfügbarkeit.
Die Überflutung von Küstengemeinden auf der ganzen Welt, insbesondere in den Niederlanden, den Vereinigten Staaten, Südasien und China, birgt das Potenzial, regionale und sogar nationale Identitäten in Frage zu stellen. Bewaffnete Konflikte zwischen Nationen um Ressourcen wie den Nil und seine Nebenflüsse sind wahrscheinlich, und ein Atomkrieg ist möglich.
Die gesellschaftlichen Folgen reichen von verstärktem religiösem Eifer bis hin zu völligem Chaos. In diesem Szenario löst der Klimawandel eine dauerhafte Veränderung im Verhältnis der Menschheit zur Natur aus."
Hierbei sind bisher nur einige Entwicklungen angesprochen. Gefahren, wie z.B. die Temperaturveränderung und die dadurch bedingte Umlenkung des Golfstroms, die Abnahme des Temperaturunterschieds zwischen Nordpol und Äquator, die zur Abschwächung des Jetstreams führt, die Herauslösung des im Meeresboden gebundenen Methans.
Das Insektensterben durch den vermehrten Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft, die Vernichtung sauberen Trinkwassers durch die Überdüngung der Felder, sowie die Plastikvermüllung der Meere und das Absterben allen Lebens in zunehmend größer werdenden Meeresregionen dürften zusätzliche Negativ-Szenarien darstellen, die die angesprochenen massiven Probleme noch verschärfen werden.
Wann ist der "Point of no Return" erreicht?
Die Frage ist, wann die weltweite Situation erreicht ist, an dem es keine Rückkehr zur ökologischen Balance über viele Generationen hinweg geben wird. Hier gehen die wissenschaftlichen Einschätzungen sicherlich auseinander, ob dieser Punkt bereits erreicht ist oder erst nach einigen Generationen eintreten wird.
So schreiben die renommierten Wissenschaftler und Club-of-Rome-Präsidenten Weizsäcker/Wijkman (2017, 194) in der Studie des Club of Rome ("Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen.") vor allem hinsichtlich der Verbindung von ökologischem Desaster, Bevölkerungswachstum und unverantwortlichem militärischen und ökonomischen Verhalten zusammenfassend:
"Es eilt sehr. Ein Systemkollaps ist eine reale Gefahr. Der Beweis für menschliche Auswirkungen auf den Planeten ist offenkundig. Radioaktive Reste von atmosphärischen Atombombentests findet man heute allenthalben. Das CO2 aus der fossilen Verbrennung hat die Chemie der Atmosphäre und der Ozeane verändert: (…) machen wir uns nichts vor.
Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen bedingt durch das rasante Bevölkerungswachstum, die Übernutzung der Ressourcen und die damit einhergehende Verschmutzung, den Verlust der Biodiversität, und insgesamt erleben wir einen schleichenden Verlust der Lebensgrundlagen. Ihre Zuspitzung erfährt die Krise durch den ideologischen Glauben, dass der Verlust von hohem BIP-Wachstum zu einem ökonomischen Kollaps führen werde."
Das Fortschreiten der Überbevölkerung bei ungebremstem kapitalistischen Wachstumsdenken und Konsumverhalten führt zu einer verstärkten ökologischen Ausbeutung des Systems Erde unter den Bedingungen eines zunehmend überfüllten Planeten. Hierbei fallen jegliche Skrupel, auch klimaschädliche und gefährliche Ressourcen der Erde, wie z.B. Braunkohle, Öl oder radioaktives Material, für die Energienutzung zu verwenden.
Ansätze biologischer Landwirtschaft und artgerechter Tierhaltung werden aufgrund des Bevölkerungsdrucks durch eine gesteigerte Massentierhaltung, also das massenhafte Quälen von Tieren, sowie die damit verbundene Nitratvergiftung der Böden und des Grundwassers, zurückgedrängt.
Hierbei ist allerdings zu erwarten, dass nicht der Bevölkerungsdruck primär für die Umweltzerstörung verantwortlich ist, sondern insbesondere der unverantwortliche Verbrauch der Ressourcen durch den reicheren Teil der Weltbevölkerung.
Das reichste Prozent der Weltbevölkerung wird im Jahr 2030 – so eine in die Zukunft berechnende OXFAM-Studie – 30-mal so viel CO2 im Jahr 2030 in die Umwelt emittieren als es dies für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels dürfte. Die ärmsten 10 Prozent der Weltbevölkerung hingegen werden einen äußerst geringen ökologischen Fußabdruck haben (vgl. Tabelle 2).
| Tabelle 2 | |||
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Globale Einkommensgruppen |
Jahreseinkommen in Kaufkraftparität in US-Dollar | Projizierte Pro-Kopf-CO2-Emissionen im Jahr 2030 | Faktor in Bezug auf die für das 1,5-Grad-Ziel notwendigen maximalen CO2-Emissionen (=2,3 Tonnen pro Kopf) |
| Reichstes Prozent | mehr als 172.000 | 70 t | 30,43 |
| Reichste zehn Prozent | 55.000 bis 172.000 | 21 t | 9,13 |
| Mittlere und untere Einkommen = 40 Prozent | 9.80 bis 55.000 | 5 t | 2,17 |
| Ärmste 50 Prozent | weniger als 9.800 | 1 t | 0,43 |
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Zusammengestellt nach Roettig 2021 |
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Der "Point of no Return" dürfte bald überschritten sein. Wenn die planetaren Reaktionen der Biosphäre eine unkontrollierbare Eigendynamik entfalten, die sich gegen die menschliche Zivilisation und die Bedingungen allen Lebens auf der Erde wendet, ist es zu spät – sowohl für Prävention noch für Eindämmung.
Diese Entwicklung lässt sich voraussagen, wenn keine einschneidenden Klimaschutzmaßnahmen und insbesondere keine Einschränkung des aufwändigen Lebensstils des reicheren Teils der Weltbevölkerung erfolgen.
Ökoimperialistische und systemische Ursachen
Die gewalttätige Konkurrenz um die Nutzung der Ressourcen nimmt zu, je mehr Menschen in ihren Grundbedürfnissen aber auch insbesondere in ihren Luxusbedürfnissen zu befriedigen sind. Nicht nur der Kampf um sauberes Trinkwasser und Lebensmittel, auch der Kampf um Lithium, Kobalt, Uran etc., führen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Menschengruppen und Regionen – so der Kasseler Politikwissenschaftler Hans-Jürgen Burchardt:
"Naturkatastrophen und Umweltschäden standen bei den Fluchtursachen in den letzten Jahren an erster Stelle und viele Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl der Klimavertriebenen stark ansteigen wird. Auch hier wird deutlich: Die Industrienationen als Hauptverursacher des Klimawandels tragen Mitverantwortung dafür, dass Menschen flüchten. Dennoch wird weiter versucht, Fortschritt und Wohlstand auf Kosten der Natur zu erlangen.
Besonders perfid ist dies in den Nord-Süd-Beziehungen, wo Natur nicht selten im Namen des Umweltschutzes zerstört wird. So wird nach dem Atomausstieg die deutsche Energiewende auch über billige Steinkohleimporte aus Kolumbien ermöglicht. Dort wird im stark umweltbelastenden Tagebau gefördert, ganze Gemeinden werden dafür gewaltsam vertrieben, Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung.
Auch die vielgepriesene grüne Ökonomie, die auf Elektromobilität setzt, wäre ohne die Lithiumvorräte in den Anden nicht möglich. Vor Ort raubt die Lithiumförderung den Anwohnern aber ihre Lebensgrundlagen."
Auch der Krieg in der Ukraine ist neben geostrategischen Aspekten auch unter einem ökoimperialistischen Blickwinkel zu betrachten, bei dem Russland und die USA versuchen, sich die ukrainischen Rohstoffvorkommen untereinander aufzuteilen.
Letztendlich gibt es systemische Ursachen des Ökoimperialismus, die klar zu benennen sind. Sicherlich hat sich auch das frühere System der Sowjetunion an der schonungslosen Ausbeutung der Natur beteiligt.
Dennoch liegt es systemimmanent im Wesen des Kapitalismus, der das Profitstreben finanzstarker Akteure über den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen stellt. So sind es insbesondere kapitalistische Großkonzerne bzw. multinationale Unternehmen, welche die Renditen ihrer Anteilseigner erhöhen wollen, indem weder Rücksicht auf aktuelle noch zukünftige Klimafolgen genommen wird.
Fazit: Die Notwendigkeit einer positiven Vision gesellschaftlicher Entwicklung
Neben dem militärischen Bedrohungsszenario ist das ökologische Bedrohungsszenario zeitlich sehr nahe gekommen, welches sich über das sich rasant entwickelnde Bevölkerungswachstum bei gleichzeitiger ökologischer Uneinsichtigkeit und imperialer Lebensweise insbesondere der reichen Gesellschaftsschichten noch verschärfen wird.
Seit den letzten 20 Jahren ist die Resilienz des Planeten an ihrer Belastungsgrenze angekommen bzw. ist sie in Teilbereichen nachweisbar überschritten.
Die Doomsday-Clock macht dies deutlich. Wir stehen – laut der u.a. von Albert Einstein 1947 begründeten und rechnenden Weltuntergangsuhr – im Februar 2026 bereits 85 Sekunden vor der Zerstörung der planetaren Grundlagen. 1991 waren es noch 17 Minuten bis zur Zerstörung.
Besonders bedrohlich erscheint hierbei, dass die negativen Folgen des Klimawandels sich hinsichtlich ihrer Verursachung zeitverzögert einstellen. Die Faktoren dieser Negativentwicklungen lassen sich hierbei ebenfalls nur zeitverzögert wieder zum Positiven verändern.
Die Trägheit der Klimaveränderung lässt somit weniger die verursachenden Generationen die Folgen spüren, sondern erst ihre Enkel- und Urenkelgenerationen. Diese wiederum werden ebenfalls aufgrund der planetaren Klimaträgheit die einschneidenden positiven Veränderungen ihres möglicherweise veränderten Verhaltens nicht mehr erleben.
Dies begünstigt einen klimaschädlichen Generationenegoismus und hebt noch einmal die Notwendigkeit einer vorausschauenden Verantwortung der aktuell lebenden Generationen für die zukünftigen Generationen hervor.
Diese Verantwortung kann durch die Analyse von wahrscheinlichen Negativszenarien bei fehlender radikaler Umsteuerung und Neuordnung in die gesellschaftspolitische Aufmerksamkeit geholt werden.
Hans Jonas (1979/2025, 9) formuliert in diesem Sinne angesichts der zu beobachtenden technologischen Entwicklung:
"Dazu die schiere Größenordnung der Fernwirkungen und oft auch ihre Unumkehrbarkeit. All dies rückt Verantwortung ins Zentrum der Ethik, und zwar in Zeit- und Raumhorizonten, die denen der Taten entsprechen."
Nach dem Lesen dieses Artikels werden vielleicht die Verzweiflung und die Ängste sowie die übernommene Verantwortung in den Aktionen der Letzten Generation'und zukünftiger vergleichbarer Umweltgruppen verständlicher – auch wenn man manche ihrer Aktionsformen nicht billigen will.
Die hier vorgenommene Skizzierung einer Dystopie planetarer Entwicklung hinsichtlich eines ökologischen Negativszenarios dürfte sehr deutlich gemacht haben: Wenn in den aktuellen Jahren nicht die richtigen Entscheidungen getroffen und einschneidende systemische Veränderungen vorgenommen werden, lässt sich die Zerstörung planetarer Lebensräume nicht mehr aufhalten.
Wenn dann zu der zurückschlagenden Biosphäre weitere Belastungsfaktoren hinzukommen, wie eine möglicherweise entfesselte generative KI, sich bekämpfende autoritäre und aggressiv agierende Nationalstaaten und ein drohendes nuklearen Inferno, wird dies wohl das Ende der Menschheit bedeuten. Nicht mehr und nicht weniger.
Aber beim Verweilen bei einer Negativvision und ohne eine positive Vision gesellschaftlicher Entwicklung kann dieses Aufbegehren im Negativen und Destruktiven stecken bleiben. Eine gemeinsam entwickelte und getragene positive Vision ist notwendig, um mit Engagement, innerem Antrieb und Freude an einer gelingenden Zukunft – gemeinsam mit ähnlich gestimmten Menschen – in unterschiedlichen Zusammenhängen gesellschaftlichen Engagements zu arbeiten.
Allein aus der Furcht vor einer verhängnisvollen Entwicklung heraus zu handeln, wird nicht ausreichen.
Die Dystopie muss nicht kommen. Alles hängt davon ab, wie verantwortlich die aktuelle Generation handeln wird, die derzeit in den globalen Machtzentren agiert, und welchen korrigierenden Einfluss zivilgesellschaftlicher Widerstand hierbei entfalten kann.
Klaus Moegling, Politikwissenschaftler und Soziologe, Prof. Dr., i.R., er lehrte an verschiedenen Universitäten und Institutionen der Lehrerbildung, zuletzt an der Universität Kassel als apl. Professor im Fb Gesellschaftswissenschaften. Er ist Autor des Buches "Neuordnung", das auf seiner Webseite frei lesbar zu finden ist.
Zusammen mit Josef Mühlbauer Herausgabe des Bandes "Wege zum Frieden" (Mai 2026, Verlag Westfälisches Dampfboot).