Ich war völlig perplex. Das Mädchen erzählte dann, dass ihre Eltern und Großeltern ihr mit auf den Weg gegeben hätten, dass die meisten Deutschen noch heute Nationalsozialisten wären und man das gut am hinter der Tür versteckte Portraitbild Adolf Hitlers erkennen könne.
So irren viele Klischees offenbar noch heute durch die Köpfe nicht nur unserer europäischen Nachbarn.
Aber wie verhält sich das nun wirklich mit den Klischees über Deutschland? Sind wir tatsächlich die pünktlichen, fleißigen, Ordnung – und sauberkeitsliebenden, sparsamen, spießigen, Freizeitaktivitäten in einer Excel-Liste eintragenden Volk von findigen Maschinenbau-Ingenieuren? Ein Volk, das zum Lachen in den Keller geht, um da gleich die Lieblingsspeise in Form von Kartoffeln mit nach oben zu bringen?
Ein genauer Blick zeigt ein differenziertes Bild.
Orientieren wir uns an der deutschen Bahn, könnte man durchaus eine gewisse Laissez-faire-Haltung daraus ableiten, zumindest was die Pünktlichkeit angeht. Im beruflichen Kontext ist Pünktlichkeit noch immer eine Tugend, wer zu spät kommt, kann das zumindest heute leicht mit einer SMS entschuldigen.
Auch das Verständnis vom fleißigen Deutschen hat sich verschoben: Galt noch vor ein paar Jahren die reine Anwesenheit als Fleiß, so interpretieren einige Unternehmer das heute richtigerweise eher als Ineffizienz und mangelnden Organisationstalent. Die um 11.00 Uhr abends abgesendete E‑Mail mit CC an den Chef, gilt als serviles Verhalten, nicht als Fleiß.
Beim Thema Ordnungssinn zeigt sich heute unter anderem im Bereich der Mülltrennung und im hohen Stellenwert von Normen und Zertifizierungen, etwa im Umwelt- und Qualitätsmanagement. Deutschland gilt im internationalen Vergleich als Land mit einer vergleichsweise hoch entwickelten Recycling- und Regelungskultur, wobei sich damit kaum eine Ordnungsliebe des Einzelnen ablesen lässt. Allgemein dürfte die Ordnungsliebe immer noch tief in der deutschen Kultur verankert sein.
In der interkulturellen Kommunikationsforschung wird deutsche Kommunikation im Vergleich etwa zu US-amerikanischer häufig als sachbezogener und direkter beschrieben, mit geringerer Betonung von Höflichkeitsfloskeln bei negativer Rückmeldung. Diese Direktheit wird in modernen Arbeitskontexten oft als »konstruktives Feedback« bezeichnet. Smalltalk ist uns zwar nicht fremd, erreicht aber bei weiten nicht die Ausprägung wie z.B. in den USA.
Deutsche Haushalte gelten im europäischen Vergleich traditionell als sparneigend, mit vergleichsweise hoher Sparquote und einem Hang zu sicherheitsorientierten Anlageformen wie Festgeld oder Versicherungsprodukte gegenüber risikoreicheren Aktienanlagen. Das Sparbuch dürfte allerdings aufgrund von Negativzinsen bei den meisten Deutschen nicht mehr gefragt sein. Jeder fünfte Deutsche investiert sein Geld heute an der Börse. Die höchste Beteiligungsquote innerhalb einer Altersgruppe sind dabei die 50–59jährigen.
Das stärkste Wachstum und inzwischen größte Gruppe sind allerdings die Unter-40-Jährige. Das Fazit daraus ist wohl, dass die typisch deutschen Tugenden nicht verschwunden sind, sich aber in ihrer Ausprägung verändert haben.
Eine Ausnahme bildet die Pünktlichkeit im Bahnverkehr, die sich anhand der Betriebsdaten nachweisbar verschlechtert hat. Bei den übrigen Bereichen handelt es sich eher um eine Verschiebung der Ausdrucksform als um einen belegbaren Bedeutungsverlust.
Von einem Schwund deutscher Tugenden kann also nicht die Rede sein, einzig die Anpassung an heutige Verhältnisse kann beobachtet werden. Für alles andere scheint die genetische Prägung, wenn man das so bezeichnen will, dann doch zu stark zu sein. 😊